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Die Schweiz und ihre Oligarchen

Sie bauen am Genfersee französische Schlösser nach, kaufen Goldminen, Bohrinseln und schaffen Milliardenkonzerne: Wie mächtige Russen wie Viktor Vekselberg von der Schweiz aus geschäften.

Der SanktionierteAndrei Klischas, Brione TI

Andrei Klischas war noch keine 30 Jahre alt, als er in den Verwaltungsrat von MMC Norilsk Nickel berufen wurde. Acht Jahre später war er ganz zuoberst: Präsident des weltgrössten Nickel­konzerns mit einem Umsatz von 15 Milliarden Dollar und knapp 100'000 Mitarbeitern. Der Zürcher Wirtschaftsanwalt Hans Bodmer – ein Bekannter Klischas’ – stand damals im Verdacht, 900 Millionen aus den Kassen der Norilsk gewaschen zu haben. Die entsprechende Anzeige wurde fallen gelassen. Heute steht Klischas auf der offiziellen Seite der Macht: Der inzwischen 41-Jährige ist Vorsitzender des Russischen Föderationsrates, der einen von zwei Kammern des russischen ­Parlaments. Über Klischas’ Vermögen ist ­wenig bekannt; immerhin weiss man, dass er im Jahr 2011 ein Einkommen von umgerechnet 7,5 Millionen Franken versteuerte. Im Tessiner Villenort Brione sopra Minusio besitzt er ein 432 Quadratmeter grosses Haus. Allerdings wird er es in nächster Zeit nicht bewohnen können: Er ist einer jener 33 Köpfe, die von der EU mit einer Einreisesperre für den gesamten Schengen-Raum belegt worden sind. (fxs)

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Der «Freund Putins»Gennadi Timtschenko, Genf

Neben Michail Chodorkowski ist Gennadi Nikolajewitsch Timtschenko der zweite Oligarch, der unlängst international für Schlagzeilen sorgte. Letzte Woche setzte die US-Regierung den «Member of the Inner Circle» auf ihre Sanktionsliste. «Timtschenkos Aktivitäten im Energiesektor wurden direkt in Verbindung mit Putin gebracht. Putin hat Investments in Gunvor und könnte direkten Zugang zu Geldmitteln von Gunvor haben», lautete die Begründung. Gunvor bestreitet eine Beteiligung Putins. Um zu verhindern, dass seine Genfer Rohstoffgruppe in Schwierigkeiten geriet, verkaufte Timtschenko einen Tag vor der Verhängung der Sanktionen seine Anteile an seinen schwedischen Geschäftspartner. Ob der viertgrösste Ölhandelskonzern der Welt damit das Schlimmste überstanden hat, ist noch offen. Gemäss «Forbes» ist der 62-Jährige mit 14,1 Milliarden Dollar Vermögen der achtreichste Russe. Obwohl er einen Zusammenhang stets verneinte, erfolgte Timtschenkos steile Karriere parallel zu derjenigen Putins. Seit 2002 wohnt Timtschenko als Pauschalbesteuerter in einer 18 Millionen teuren Villa im Genfer Ort Cologny. (mso)

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Der SchweigerWassili Anisimow, Küsnacht

Über ihn weiss man nur wenig: Wassili Anisimow – auch «der Schweiger» genannt – geschäftet seit zwanzig Jahren in der Schweiz. 1993 gründete er in Zug den Schweizer Ableger des Aluminium-Riesen Coalco. 2000 machte er ein Vermögen, als er Teile davon an den Renova-Konzern verkaufte. Der russische Unternehmer und Immobilien-Tycoon ist gemäss «Forbes» zurzeit 2,3 Milliarden Franken schwer. Seine Frau und sein Sohn sind Bürger von Küsnacht ZH und leben in einer 60-Millionen-Villa, deren Ausbauten vor ein paar Jahren am Zürichsee für böses Blut sorgten. Er selbst enthielt sich der Einbürgerung, liess aber bei der Gemeinde eine Auskunftssperre einrichten. Sein Händchen für Immobilien zeigte Anisimow auch in New York: Der Wert der Luxuswohnung am Times Warner Center, in der Tochter Anna ein Jetset-Leben führte, hat sich in den letzten Jahren verfünffacht. Währenddessen baut Schwiegersohn Ryan Freedman das nächste Immobilienimperium auf. Die Fundamente davon: Anisimows Firma Coalco in Zug. (jsc)

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Der WodkakönigJuri Schefler, Genf

Seine Heimat Russland bleibt für den Wahlgenfer Juri Schefler tabu. Dort droht ihm die Verhaftung. Der Grund: Nach dem Ende der UdSSR hat sich der russische Brennmeister die Rechte an der staatlichen Wodkamarke Stolichnaya gesichert, was die Regierung Putin heute noch ärgert. Sie fordert die Markenrechte zurück. Ihre international ausgelöste Prozesswelle hat Schefler bislang nicht weggespült. Ganz im Gegenteil. Über seine Genfer Gesellschaft S. P. I. Group vertreibt er den Schnaps weltweit. Schefler warb lange mit dem Slogan «Mother of all vodkas from the motherland of vodka» für sein Produkt. Darum ging man davon aus, der Schnaps würde auch in Russland gebrannt. Die Sache flog auf, als Präsident Putin 2013 das Anti-Homosexuellen-Gesetz unterzeichnete und amerikanische Homosexuelle zum Boykott russischer Produkte, darunter Stolichnaya, aufriefen. Die «International Herald Tribune» stellte klar: «Stolichnaya wurde für eine gewisse Zeit in Russland hergestellt, heute wird die Marke aber in Litauen gebrannt.» Schefler investiert sein Geld heute weltweit: vom Acker- über Weinbau bis zum Bauwesen. (phr)

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Der GrosszügigeDmitri Rybolowlew, Genf

Als Düngemittelproduzent hat Dmitri Rybolowlew sein Milliardenvermögen erwirtschaftet. Nach der Gründung einer Investmentgesellschaft gelang es ihm, die Aktienmehrheit der Firma Uralkali – des grössten Kaliumherstellers Russlands – zu übernehmen. Heute ist Rybolowlew, der ursprünglich Medizin studierte, vor allem dafür bekannt, dass er sein Geld mit beiden Händen ausgibt. Sein Apartment im Fürstentum Monaco war ihm 300 Millionen Dollar wert. Seiner Tochter Ekaterina kaufte er die griechische Insel Skorpios, die früher der Reedereifamilie Onassis gehörte, und schenkte ihr ein 88-Millionen-Dollar-Penthouse als Studentenbude in Manhattan. In der Genfer Gemeinde Cologny wollten sich Rybolowlew und seine Frau Elena ein Liebesnest bauen: eine Kopie des Versailler Lustschlosses Petit Trianon. Doch 2009 beschloss das Paar, sich scheiden zu lassen. Ein veritabler Rosenkrieg begann, der Bau des Schlosses wurde gestoppt. Nun klafft am Seeufer ein grosses Loch. Dieses hat Rybolowlew hinter sich gelassen. Er hat sich nach Monaco abgesetzt und den Fussballclub AS Monaco gekauft. Sein neues Spielzeug. (phr)

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Der UnsichtbareVladimir Iorich, Zug

Vladimir Iorich ist ein Phantom. Er tritt nicht öffentlich auf, gibt kaum Interviews, auf der Website seiner Firmengruppe ist sein Name nirgends zu lesen. Angemeldet ist er in einem unauffälligen Mehrfamilienhaus in Zug, wie die Einwohnerkontrolle bestätigt. Wenige Hundert Meter davon entfernt, direkt beim Bahnhof, sind die Büros seiner Beteiligungsgesellschaft Pala Investments untergebracht. Diese ist mit einem Offshore-Konstrukt auf der britischen Kanalinsel Guernsey verschlauft – und hat gemäss eigenen Angaben seit 2006 in 86 Gesellschaften auf allen sechs Kontinenten investiert. Unter anderem schürfen diese Firmen in Australien nach Gold, entwickeln im US-Bundesstaat Nevada Kupferminen oder bauen in Sierra Leone Mineralstoffe ab. Sein Vermögen hatte Iorich, der inzwischen den deutschen Pass erhalten hat, mit dem russischen Kohle- und Bergbau-Giganten Mechel gemacht. 2006 zerstritt er sich allerdings mit Miteigentümer und Partner Igor Sjusin. Die Lösung? Iorich verkaufte Sjusin seinen Anteil für umgerechnet 1,3 Milliarden Dollar. Er verliess Russland – und fing in Zug neu an. (ms)

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Der ScharfzüngigeIgor Kolomojski, Genf

Der ukrainische Oligarch Igor Kolomojski ist kein Mann der leisen Töne. Als er jüngst sein Amt als Gouverneur der Provinz Dnjepro­petrowsk antrat, sagte er: «Wir hatten den grossen Schizophrenen, Russland hat den kleinen Schizophrenen.» Nun ist «der grosse Schizophrene» Janukowitsch entmachtet. Es bleibt also der «kleine Schizophrene», mit dem sich der 1,8 Milliarden schwere Kolomojski offensichtlich überworfen hat. Präsident Putin soll über den Eisen-, Öl- und Medienmagnaten gesagt haben: «Er ist ein einzigartiger Betrüger.» Gemäss «Le Temps» verkaufte Kolomojski vor wenigen Tagen aufgrund des Drucks aus Moskau den russischen Zweig seiner Bank Privat. Bereits seit längerem liegt der Oligarch, der seinen Lebensmittelpunkt in Genf hat, mit dem Schweizer Flughafen-Dienstleister Swissport im Clinch. Kolomojski hatte 2011 in die Ukraine International Airlines investiert, die zusammen mit Swissport ein Joint Venture gestartet hatte. Per Gerichtsentscheid versuchten Kolomojski und seine Geschäftspartner, Swissport die Macht im Joint Venture zu entziehen. Der Fall ist nach wie vor hängig. (phr)

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Der HotelierDmitri Jakubowski, Engelberg

Er war vier Jahre im russischen Gefängnis, durchlebte elf Ehen, arbeitete als Regierungsberater, Anwalt und Geheimdienstler. Das Baugeschäft, in dem er sich ein Vermögen von geschätzten 500 bis 600 Millionen erarbeitete, sei für ihn bloss ein «Hobby», sagte Dmitri Jakubowski in einem Interview. Inzwischen hat er sich in Engelberg niedergelassen und plant ein Anwesen mit Gletschersicht. Seine Engelberg Industrial Group (EIG) übernahm im letzten Jahr das Traditionshotel Bänklialp und tätigte Renovationen in Millionenhöhe. Laut «Obwaldner Zeitung» gilt Jakubowski inzwischen als einer der grössten Steuerzahler im Kanton. Zwar gilt er als zurückhaltend, aber sein Netzwerk reicht weit. Sein Bruder ist der Zürcher Unternehmer Stav Jacobi, Präsident des Volleyballclubs Voléro. Und Geschäftsführer der EIG ist der ehemalige SVP-Nationalrat Bruno Zuppiger. Das neueste Projekt des Russen ist die Thermission AG, eine Firma zur Entwicklung neuer Verfahren für Oberflächenbehandlung. Kürzlich ging sie mit dem Konzern Ruag eine Partnerschaft ein. Mit im Verwaltungsrat: Ex-FBI-Direktor Louis Freeh sowie Ex-ABB-Chef Jürgen Sulzer. (jsc)

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Der Ur-OligarchViktor Vekselberg, Zug

Es war Viktor Vekselberg, der das Wort «Oligarch» in der Schweiz richtig bekannt machte. Der Mathematiker zog 2004 nach Zürich, kurz darauf erstand seine Renova-Gruppe bedeutende Anteile von Schweizer Traditionsfirmen, unter anderem OC Oerlikon und Sulzer. Bei beiden Übernahmen wurde Vekselberg eingeklagt, die Meldepflichten verletzt zu haben. Das Verfahren zu Sulzer wurde nach einer Wiedergutmachungszahlung von 10 Millionen Franken eingestellt, das zu OC Oerlikon endete in einem Freispruch. Zuvor hatte sich Vekselberg bei Wladimir Putin persönlich über die «ungerechte Behandlung» in der Schweiz beschwert. 2010 verlegte Vekselberg seinen Zweitwohnsitz nach Zug, unter anderem, weil Zürich die Pauschalbesteuerung abgeschafft hatte. Seine erste Million hat der 56-Jährige mit dem Verkauf alter Kupferkabel verdient, seit den 90er-Jahren investiert er vor allem in Öl und Aluminium. Die Schweiz dient ihm als Drehscheibe, sein Vermögen beträgt laut «Forbes» gut 15 Milliarden. Der Vater von zwei Kindern hat sich zum Ziel gesetzt, russische Kulturgüter wie die berühmten Fabergé-Eier in seine Heimat zurückzuführen. (bat)

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Der GefalleneMichail Chodorkowski, Rapperswil

Vom reichsten Mann Moskaus zur Miet-Villa in Rapperswil-Jona – dazwischen zehn Jahre Dunkelheit in russischen Gefängnisanstalten. Die Geschichte von Michail Chodorkowski erzählt viel über die potenzielle Fallhöhe russischer Oligarchen. 2003 noch war er als Eigentümer der Ölgesellschaft Jukos mit geschätzten 19 Milliarden Franken Russlands reichster Unternehmer. Bis er im Oktober 2003 wegen Verdachts auf Betrug verhaftet und zwei Jahre später zu neun Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Die Schweiz leistete Rechtshilfe im Fall Jukos und fror Chodorkowskis Konten ein. Jahre später wurden sie durch ein spektakuläres Bundesgerichtsurteil wieder entsperrt. Der Russe mit dem kurz geschorenen Kopf und der randlosen Brille gilt als harscher Kreml-Kritiker. Vor seiner Verhaftung opponierte er mehrfach öffentlich gegen Putin. Letzten Dezember wurde er überraschend begnadigt. Nun hat Chodorkowski ein Gesuch für Wohnsitznahme in Rapperswil-Jona gestellt, wo er sich und seine Familie in eine Villa mit Seesicht einmietet. Er will sich ausdrücklich als Privatier ohne Erwerbstätigkeit niederlassen. (jsc)

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Filaret Galtschew

Der Moskauer ist Präsident der Eurocement Holding mit Sitz in Zürich und damit Grossaktionär des Zementriesen Holcim. Geschätztes Vermögen: 5,3 Milliarden Franken.

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Oleg Deripaska

Der 5,2 Mrd. schwere Rohstoff-Mogul besitzt zahlreiche Beteiligungen von in der Schweiz ansässigen Firmen. Etwa der Norlisk-Nickel-Gruppe, Rusal und Metal Trade Overseas AG in Zug.

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Rinat Achmetow

Der reichste Mann der Ukraine (13,3 Milliarden) gilt als Financier des Janukowitsch-Clans. Er besitzt unter anderem die Genfer Rohstofffirmen Metvest International und DTEK Trading.

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Wjatscheslaw Kantor

Dem 1,7 Mrd. Franken schweren Unternehmer und Präsidenten des Europäischen Jüdischen Kongresses gehört die Mehrheit des Kaliproduzenten Acron in Genf.

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Alexander Udodow

Der Moskauer Investor kaufte in Weggis für 4 Millionen das Hotel Albana. Nach dem Deal ermittelte die Bundesanwaltschaft wegen Geldwäscherei, stellte das Verfahren aber ein.

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Sergei Kurtschenko

Der 1985 geborene Jung-Oligarch beherrscht den ukrainischen Gaskonzern Vetek. Teil davon: zwei AG in Genf, bei welchen der Bund Gelder einfrieren liess.

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Arkadi Rotenberg

Der Putin-Vertraute (3,5 Mrd.) wurde auf die US-Sanktionsliste gesetzt. Er sitzt im Verein Conrès SportAccord in Lausanne. Auch im Vorstand: René Fasel, Eishockey-Verbands-Präsident.

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Dmitri Firtasch

Dem Putin-nahen Oligarchen gehört die Hälfte der Gashandelsfirma Ros-UkrEnergo in Zug. Er wurde im März wegen Korruptionsverdacht verhaftet. Rekord-Kaution: 125 Millionen Euro.

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Alexander Janukowitsch

Der Sohn des Ex-Präsidenten besitzt die Genfer Kohlehandelsfirma Mako Trading, gegen die zurzeit Ermittlungen der Genfer Staatsanwaltschaft laufen.

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Suleyman Kerimow

Der russische Investor machte sein Geld mit Banken, Öl und Gold. Er gründete in Luzern eine Stiftung, an die Offshore-Gesell­schaften gekoppelt sind. Vermögen: 6 Milliarden.

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Wiktor Raschnikow

Startete als Mechaniker bei den Stahlwerken Magnitogorsk und stieg bis zum Generaldirektor auf. Der Konzern hat Ableger in Zug und Lugano. Vermögen: 2,1 Milliarden.

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Alexander Lebedew

Der russische Unternehmer und Politiker besitzt Firmen auf der ganzen Welt, etwa die CIS Interfincom AG in Zürich oder das mondäne Luzerner Hotel Gütsch. Vermögen: 1 Milliarde.

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