«Die Schweiz verhält sich wie eine Made im Speck»

Der angehende GLP-Präsident Jürg Grossen plädiert für eine grüne Politik ohne Verbote. Seine Partei will er als einzig wahre liberale Kraft zum Erfolg zurückführen.

«Ich sehe die GLP in Zukunft mit 10 oder sogar 15 Prozent Wähleranteil», sagt Jürg Grossen. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

«Ich sehe die GLP in Zukunft mit 10 oder sogar 15 Prozent Wähleranteil», sagt Jürg Grossen. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

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Als Jugendlicher wollten Sie Rockstar oder Fussballer werden. Jetzt werden Sie GLP-Präsident. Gratulation – Sie stehen endlich im Rampenlicht.
Es geht bei diesem Amt nicht um mich, sondern um die Politik der GLP. Ich freue mich, wenn meine Botschaften möglichst viele Leute erreichen. Aber es ist nicht so, dass ich mich selber besonders gerne hören oder sehen würde.

Dazu passt, dass Sie bisher wenig aufgefallen sind. Können Sie sich im Kreis der Parteichefs behaupten?
Es ist gar nicht nötig, laut zu kommunizieren. Ein Teil der Schweizer Bevölkerung, zu der ich unsere Wähler zähle, bevorzugt die weniger lauten, aber umso differenzierteren Töne. Jene, die nur auf Polemik reagieren, sind ohnehin nicht unsere Zielgruppe. Im Übrigen bin ich auch ein Alphatier und streitlustig.

Ihr Vorgänger Martin Bäumle ist auch ein Alphatier. Wie wollen Sie verhindern, dass er der Christoph Blocher der GLP wird, der im Hintergrund die Fäden zieht?
Martin Bäumle hat entscheidend mitgeholfen, die GLP aufzubauen. Er wird zwar nun nicht mehr d a s Sprachrohr nach aussen sein, bleibt aber innerhalb der Partei eine wichtige Stimme. Wir kennen uns sehr gut. Zwar sind wir nicht immer derselben Meinung, können damit aber umgehen.

Sie klingen fast so, wie wenn SVP-Chef Albert Rösti über Blocher spricht.
Ich werde bei Martin Bäumle sicher nicht das Okay für Beschlüsse einholen müssen, vielmehr werden die Geschäftsleitung, der Vorstand und die Delegiertenversammlung Entscheide treffen. Martin Bäumles grosse Erfahrung bleibt für uns wertvoll.

Anders als Bäumle sind Sie kaum vernetzt. Wie wollen Sie diesen Mangel beheben?
Das ist falsch. Ich bin sehr gut vernetzt. Wäre ich das nicht, hätte ich im Parlament nicht Anliegen durchgebracht, welche die Umweltverbände als chancenlos betitelt hatten, etwa die von der Strombranche heftig bekämpfte Regelung, wonach es ab 2018 erlaubt wird, den selber produzierten Strom direkt zu verbrauchen. Ich bin auch im KMU-Bereich sehr gut verlinkt.

Ihr politisches Profil entspricht fast exakt jenem Ihres Vorgängers. Bleibt in der GLP alles gleich?
Nein, wir wollen auch neue Themenfelder besetzen. Für uns wird das Thema Offenheit und internationale Vernetzung zentral sein. Die Megatrends Digitalisierung und Globalisierung durchdringen heute jeden Lebensbereich. Aber plötzlich gibt es in der Schweiz Abschottungstendenzen – und die sind sogar mehrheitsfähig. Der Taxidienst Uber soll verboten, die Buchungsplattform Booking.com eingeschränkt werden. Die GLP wird sich in diesen Bereichen für Wettbewerb und Liberalisierung einsetzen, denn hier sind die Chancen viel grösser als die Risiken.

Ein politisch schwieriges Terrain . . .
Warum? Schauen Sie doch nur, wie stark sich die Arbeitswelt verändert. Die Firmen lagern ihre Jobs projektbezogen aus, die Angestellten arbeiten zunehmend mobil und in Teilzeitmandaten. Die Politik muss dafür dringend bessere Rahmenbedingungen schaffen. Doch Linke und Rechte setzen auf Verbote und Stillstand. Ich bin überzeugt, dass ein grosser Teil der Bevölkerung progressiv und liberal denkt.

Erreichen Sie als Unternehmer vom Land diesen progressiv-liberalen Teil der Bevölkerung überhaupt?
Auch wenn ich auf dem Land wohne, bin ich ein Kosmopolit. Ich arbeite seit Jahren regelmässig in Bern und Zürich und kann mich in die Lebenswelt der Städter gut einfühlen. Ich halte die Kategorien Stadt- und Landmensch ohnehin für falsch. Wir alle sind doch letztlich beides ein wenig.

«Ich werde bei Martin Bäumle nicht das Okay für Beschlüsse einholen müssen. Seine Erfahrung bleibt aber wertvoll.»

Die GLP hat bei den Wahlen 2015 stark verloren. Wie wollen Sie einen weiteren Absturz verhindern?
2015 war die politische Grosswetterlage anders als 2011: Statt umweltpolitischer Themen wie Fukushima dominierte vor zwei Jahren die Migrationspolitik. Wir haben zwar auch in asylpolitischen Fragen eine klare Haltung, aber unsere Position ging im lärmigen Streit zwischen SVP und Linken unter. Ich hoffe, die Themenkonjunktur spielt uns 2019 wieder mehr in die Hände.

Hoffnung allein genügt nicht, um wieder zu gewinnen.
Nein, aber eine starke Überzeugung: Der einzige Weg in eine enkeltaugliche Zukunft ist der grünliberale. Nur wenn der Umweltschutz und die Wirtschaft vereint werden, können wir den Planeten retten. Die Schweiz verhält sich im Moment wie eine Made im dünnen Speck der nächsten Generationen: Sie frisst sich durch. Wir brauchen fast dreimal zu viele Ressourcen. Das ist ein Verbrechen an der nächsten Generation.

Das sagen auch die Grünen. Zielen Sie vor allem auf diese Wähler?
Die Grünen unterliegen einem fundamentalen Irrtum: Sie haben dasselbe Ziel, wollen es aber mit Gesetzen, Einschränkungen, Verboten und schlechtem Gewissen erreichen. Das funktioniert doch nicht! Der Wandel zu einer ­erneuerbaren Versorgung gelingt nur gemeinsam mit der Wirtschaft. Stattdessen haben wir heute eine überbordende Bürokratie im Umweltschutz – mitverschuldet durch linke und grüne Politik. Die Leute wehren sich dagegen, indem sie die unzähligen Richtlinien einfach ­ignorieren.

Genau das kritisieren Ihre Gegner: Die GLP propagiere einen Umweltschutz, der nicht wehtut.
Wir müssen doch nicht zurück in die Höhle! Heute lässt sich mit hohem Komfort nachhaltig leben, ohne dass dabei die Umwelt geschädigt wird: Mein ökologischer Fussabdruck beträgt circa 1,5 Erden und nicht 3. Mein Elektroauto speise ich zum Beispiel mit dem Solarstrom von meinem Hausdach.

Wirklich nachhaltig ist aber nur ein ökologischer Fussabdruck von 1.
Richtig. Immerhin bin ich auf dem Weg dorthin. Hätte die Schweiz einen Fussabdruck von 1,5 statt 3 Erden, wäre sie unter den hoch entwickelten Ländern Weltmeister.

Aber Ihre Art der Politik ist 2015 mit der Energiesteuerinitiative an der Urne grandios gescheitert.
Wir sind eine junge Partei und dürfen auch mal Fehler machen. Wir wollten fünf Schritte auf einmal, indem wir die Mehrwertsteuer durch eine Steuer auf Energieträger ersetzt hätten. Das geht in der Schweiz leider nicht.

Sie sprechen leidenschaftlich über grüne Themen. Sind Sie im Herzen eher ein Grüner als ein Liberaler?
Sie können doch einem Unternehmer, der drei Firmen mit 40 Arbeitsplätzen hat, nicht sagen, er mache keine unternehmerische Politik. Ich weiss, wie man nachhaltig wirtschaftet. Ich bin ebenso wirtschafts- wie umweltorientiert.

Obwohl die GLP in vielen Bereichen liberaler politisiert, verkauft sich die FDP besser damit. Was machen Sie falsch?
Die FDP ist etwa in der Landwirtschaftspolitik teilweise auf einem protektionistischen Kurs. Aber wir haben noch zu wenig Kraft, um unsere strikt liberale Haltung in die Wirtschaftskreise zu transportieren. Die FDP dagegen ist in den Wirtschafts- und den Gewerbeverbänden gut verankert. Uns muss es gelingen, dort auch gehört zu werden.

Hat die GLP nicht vielmehr ein Glaubwürdigkeitsproblem? Ihre Listenverbindungen mit Linken und Rechten wurden 2015 kritisiert, weil es für Ihre Partei keine Tabus zu geben scheint.
Mit welchen Parteien man eine Listenverbindung eingeht, ist eine mathematische Frage, kein inhaltliche. Unser Wahlsystem benachteiligt kleine Parteien. Bei Nationalratswahlen bildet jeder Kanton einen Wahlkreis, auch die kleinen. Vielerorts sind nur wenige Sitze zu vergeben – entsprechend hoch ist die Hürde, um ins Parlament zu kommen. Mit Listenverbindungen erhöhen wir die Chance, das zu schaffen.

In der lateinischen Schweiz ist die GLP schwach. Aufsehen erregte sie nur, als Nationalrätin Isabelle Chevalley in der Waadt für einen Regierungssitz mit der SVP paktierte. Lassen sich so Wähler gewinnen?
Das war eben eine mathematische Frage. Ohne Allianzen ist es für eine kleine Partei wie unsere sehr schwierig, in die Regierungen und Parlamente ­einzuziehen. Ich sehe in unserer Denkfabrik GLP Lab und in unserer Jung­partei Chancen, wie wir in den anderen Landesteilen wachsen können: Diese Gefässe binden auch Interessierte aus der Romandie und dem Tessin ein.

Die Ergebnisse Ihrer Denkfabrik sind bis jetzt allerdings bescheiden.
Warten Sie ab – wir werden demnächst über konkrete Ergebnisse informieren.

Unter Ihrem Vorgänger ist das Projekt einer Mitte-Allianz gescheitert. Beleben Sie es wieder?
Ich bin gesprächsbereit, bleibe aber skeptisch. In einer Fraktionsgemeinschaft mit CVP und BDP wären wir als kleine Partei weniger sichtbar.

Vom Tisch ist das Thema für Sie trotzdem nicht.
Ich bin offen für den Dialog mit CVP, EVP und BDP. Die grossen Parteien sind inhaltlich auch nicht homogen. Wir müssten also trotz Allianz nicht in allen Fragen gleich politisieren wie die an­deren Mittekräfte. Ich sehe aber die GLP in Zukunft als entscheidende Kraft mit 10 oder sogar 15 Prozent Wähleranteil.

Zumindest scheint die Aussicht Ihrer Partei besser als jene der BDP. Wird Ihre Konkurrentin überleben?
Das will ich nicht beurteilen. Ich fokussiere mich auf uns. Wir haben ein klares Profil in der progressiven Mitte. BDP-Präsident Martin Landolt hätte das auch gern, aber seine Wählerschaft und seine Parteivertreter sehen das vielerorts anders.

Martin Landolt wäre also bei der GLP besser aufgehoben?
Vielleicht. Unsere Türen sind offen. Neue Leute zu rekrutieren, ist meine Stärke. In unserer Firma arbeitet der Berufsweltmeister der Elektriker.

Sie könnten aber auch stärker mit den Grünen koalieren und einen Öko-Bundesrat anstreben.
Mathematisch wäre das nur realistisch, wenn sich die Sitzzahl im Parlament bei den Wahlen 2019 klar zu unseren Gunsten verschöbe. Für mich ist klar: Wir brauchen einen Bundesrat, dem ökologische Themen deutlich wichtiger sind als der Umweltministerin Doris Leuthard.

«Die Grünen unterliegen einem fatalen Irrtum: Sie haben dasselbe Ziel wie wir, wollen es aber mit Verboten erreichen.»

Frau Leuthard hat immerhin die Energiestrategie 2050 durchgebracht.
Das war ein Schritt in die richtige Richtung, aber erst einer.

Für den frei werdenden FDP-Sitz wollen Sie eine Frau statt einen Tessiner. Warum?
Bei gleichen Qualifikationen würde ich eher eine Frau wählen, weil eine ­angemessene Geschlechtervertretung mindestens so wichtig ist wie die Regionenfrage. Ich bin überzeugt, dass der Bundesrat so besser funktioniert.

Was qualifiziert denn Kandidatin Isabelle Moret besser als ihre Konkurrenten?
In den Hearings werden wir die Kandidaten vor allem auf grünliberale Schwerpunkte durchlöchern. Sollten die Kandidaten dabei gleich gut abschneiden, würde ich mich für Moret aussprechen.

Ist Ihre Partei in Frauenfragen ein Vorbild?
Ja, die Geschlechter sind in Fraktion und Geschäftsleitung fast gleich vertreten.

Trotzdem klappte es nicht mit den Frauenkandidaturen für das Parteipräsidium.
Ich bin überzeugt, dass wir in Zukunft eine Präsidentin haben werden. Die Nationalrätinnen Tiana Angelina Moser und Kathrin Bertschy machen einen hervorragenden Job, aber das Präsidium hat nicht in ihre Lebenssituation gepasst. Dafür bitte ich um Respekt.

Martin Bäumle hatte 2014 einen Herzinfarkt. Haben Sie Angst, dass Ihnen Ähnliches passiert?
Angst habe ich nicht, aber jeder engagierte Politiker muss aufpassen. Ich war als 25-Jähriger gesundheitlich angeschlagen. Damals arbeitete ich sehr viel, das schlug mir auf den Magen und auf das vegetative Nervensystem. Das war ein Schlüsselerlebnis: Seither steht die Gesundheit für mich an oberster Stelle. Ich treibe jede Woche zwei- bis dreimal Sport und nehme mir genügend Zeit für meine Familie.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.08.2017, 21:02 Uhr

Jürg Grossen

Neuer GLP-Präsident

Der GLP-Vorstand schlägt den Delegierten an ihrer Versammlung vom Samstag Jürg Grossen als neuen Parteipräsidenten vor. Der 48-Jährige ist seit eineinhalb Jahren Vizepräsident und politisiert seit 2011 im Nationalrat. Grossen, verheiratet und Vater dreier Kinder, wohnt in Frutigen BE. Der Elektroplaner ist Co-­Geschäftsinhaber und Geschäftsführer dreier Firmen und sitzt im Vorstand des Wirtschaftsverbands Swisscleantech. (sth/ rbi)

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