Schweizer Klima-Schüler haben prominente Unterstützer

Am Anfang stand ein spontaner Schülerstreik, mittlerweile steckt hinter den Klima-Demonstrationen ein grosses Netzwerk.

Eine frühere Demonstration von Schülerinnen und Schülern am 18. Januar in Bern. Foto: Franziska Rothenbühler

Eine frühere Demonstration von Schülerinnen und Schülern am 18. Januar in Bern. Foto: Franziska Rothenbühler

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Und dann wurde Whatsapp politisch. Hunderte Schweizer Jugendliche folgten dem Aufruf der 16-jährigen schwedischen Klimaaktivistin Greta Thunberg, tauschten sich Anfang Dezember in Gruppenchats über den Kampf gegen den Klimawandel aus. Es kam zu einem ersten Schülerstreik, weitere folgten. Heute Samstag nun hoffen die Organisatoren auf Tausende Teilnehmer an Demonstrationen in mehreren Städten zugleich.

Was spontan in den Chats begann, ist inzwischen zu einer weit verzweigten Bewegung geworden. Erst seit Ende Dezember ist klar, was sie genau will: An einem Treffen mit über 100 Teilnehmern in Bern wurden drei Forderungen formuliert. Im Zentrum steht eine Jahreszahl: 2030. Bis dann soll die Schweiz ihre Treibhausgasemissionen auf null senken.

Wie kam es zu dieser Forderung, die radikaler ist als alles, was bisher in der Schweiz auf der politischen Agenda steht? Im Parlament wird über eine Halbierung der Emissionen bis 2030 beraten, wobei ein grosser Teil davon über Massnahmen im Ausland erreicht werden soll. Die Gletscherinitiative, die diese Woche lanciert wurde, will Null-emissionen bis 2050. Gemäss dem Pariser Abkommen, das die Schweiz unterzeichnet hat, müsste sie erst in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts an diesem Punkt ankommen.

Radikal muss sein

«Wir waren uns einig, dass unsere Forderung radikal sein muss», sagt der Zürcher Schüler Andri Gigerl. «Nur so fangen die Leute an nachzudenken. Nur so wird die Schweiz international zu einem Vorbild in der Klimapolitik.» Gigerl war am Treffen am 30. Dezember in Bern Teil der Projektgruppe, die die Ziele formuliert hat. «Wir haben uns an Forderungen aus dem angelsächsischen Raum orientiert», sagt er. Jann Kessler, Student aus Lausanne, sagt: «Wir stehen international mit vielen Klimabewegungen in Kontakt.» Er bestätigt einen regen Austausch mit Extinction Rebellion (XR). XR wurde auch erst 2018 gegründet – in Grossbritannien. Bei XR sind allerdings nicht Schüler, sondern Erwachsene aktiv. Viele von ihnen sind bekannte Akademiker, die Ende Oktober einen gemeinsamen Aufruf unterzeichnet haben. Inzwischen hat XR einen Ableger in der Schweiz, der heute an den Klimademonstrationen teilnimmt. Eine XR-Aktivistin verbreitet dafür via Facebook einen Flyer. Die drei Forderungen von XR sind jenen der Schweizer Klima-Schüler sehr ähnlich, mit dem Unterschied das XR Nullemissionen bereits bis 2025 will.

Der Schweizer David Fopp lehrt an der Universität Stockholm und ist laut eigener Aussage stark in die Bewegung um Greta Thunberg involviert. Er sagt: Die erste Diskussion um ein Enddatum der Emissionen sei auch hier in Schweden in Zusammenhang mit der Forderung von XR aufgekommen. Greta war an der Gründungsdemonstration von XR in London dabei. Für beide Bewegungen sei Kevin Anderson, Professor in Manchester, der wichtigste Klimaforscher. Anderson vertritt die Ansicht, dass hochentwickelte Staaten wie die Schweiz ihre Emissionen schnell senken müssen, um dem Pariser Abkommen gerecht zu werden.

Video: Jugend im Klimastreik

Mehrere Tausend Schüler sind in Zürich, Lausanne, Bern, Luzern, Biel und weiteren Städten auf die Strasse gegangen. Video: SDA

Die Schweizer Klima-Schüler legen Wert darauf, als politisch unabhängige Bewegung wahrgenommen zu werden. Georg Klingler von Greenpeace bestätigt dies: Die Klima-Schüler seien auf Unabhängigkeit bedacht. Klingler sagt aber auch, Greenpeace unterstütze, «dort, wo wir können, schon». Die NGO habe die jüngsten Aufrufe zur Demo über ihre Kanäle verbreitet, ebenso Bilder der Demos. Zudem seien an der Basis Greenpeace-Freiwillige dabei, so Klingler.

Die Schüler lassen an ihren Demonstrationen keine Banner von anderen politischen Organisationen zu. Sie halten aber offiziell fest: «Jede Organisation kann uns unterstützen.»

Im Kampagnen-Camp

Die Kontakte zu arrivierten politischen Kräften finden auf mehreren Ebenen statt. So kam es im Vorfeld der Klimademonstrationen zu einem Treffen zwischen Schülern und Vertretern der Schweizer Klima-Allianz, zu der sich Umweltorganisationen wie Greenpeace oder der WWF zusammengeschlossen haben.

Auch die Klima-Allianz wirbt für die Demonstrationen. Geschäftsführer Christian Lüthi unterstützt die Forderungen der Klima-Schüler persönlich «hundertprozentig». Viele Mitglieder der Allianz würden heute an den Demonstrationen teilnehmen.

Wir haben Mitglieder, die das Campaign Camp absolviert haben.»Andri Gigerl

«Wir gehen als Schüler an die Klimademonstrationen», sagt Andri Gigerl. Viele seien aber schon länger in Umweltorganisationen oder Jungparteien aktiv. Auffallend ist, wie professionell sie Informationen den Medien zukommen lassen. Gigerl sagt, dass einige Klima-Schüler Erfahrung in der Kampagnenarbeit haben. «Wir haben Mitglieder, die das Campaign Camp absolviert haben.»

Campaign Camp wurde vor vier Jahren von Daniel Graf mitgegründet. Der frühere Sprecher von Amnesty International ist einer der bekanntesten Kampagnenstrategen der Schweiz.

Graf bestätigt, dass einige Absolventen des Camps vor allem im Hintergrund für die Klima-Schüler aktiv sind. Eine solche Whatsapp-Bewegung sei etwas Neues in der Schweiz, sagt Graf. «Am Anfang war es eine spontane Bewegung, dezentral organisiert, die sich extrem schnell entwickelt hat.» Nun gehe es um die Frage, wie sich die Bewegung weiterentwickeln kann. Auch im Austausch mit den angestammten politischen Kräften.

Erstellt: 02.02.2019, 07:22 Uhr

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