Die Sozialhilfekosten steigen weiter

Der durchschnittliche Sozialhilfeempfänger hat 2014 deutlich mehr Geld von der öffentlichen Hand bekommen als noch vor fünf Jahren.

Wer wenig Geld hat, muss jeden Rappen umdrehen: Eine Frau im Caritasmarkt in Zürich-Oerlikon. Foto: Urs Jaudas

Wer wenig Geld hat, muss jeden Rappen umdrehen: Eine Frau im Caritasmarkt in Zürich-Oerlikon. Foto: Urs Jaudas

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9880 Franken hat ein Empfänger oder eine Empfängerin der wirtschaftlichen Sozialhilfe 2014 im Durchschnitt bekommen. 2009, nur fünf Jahre früher, waren es noch 7722 Franken pro Jahr. Weil gleichzeitig auch die Zahl der Empfänger gestiegen ist, haben Kantone und Gemeinden 2014 deutlich mehr Geld für die wirtschaftliche Sozialhilfe ausgegeben: 2,588 Milliarden. Allein zwischen 2013 und 2014 ist diese Summe um 5,4 Prozent gewachsen. Dies geht aus der neuesten Finanzstatistik der Sozialhilfe hervor, die das Bundesamt für Statistik gestern veröffentlichte. Die wirtschaftliche Sozialhilfe umfasst den Grundbedarf sowie Miete und medizinische Grundversorgung. Insgesamt haben Bund, Kantone und Gemeinden 2014 7,9 Milliarden Franken für die Sozialhilfe ausgegeben. Damit bezahlten sie neben der wirtschaftlichen Sozialhilfe auch Ergänzungsleistungen zur AHV und IV, Alimentenbevorschussungen oder Bei­hilfen für Rentner, Invalide, Familien und Arbeitslose. Auch diese Ausgaben sind mit 4,6 Prozent stärker gestiegen als im Vorjahr (3,6 Prozent).

Einpersonenhaushalte kosten

Dass die Ausgaben für die wirtschaftliche Sozialhilfe deutlich gestiegen sind, liegt weniger am grösseren Empfäng­erkreis; sie entsprechen dem Bevölkerungswachstum. So lag die Sozialhilfequote 2014 wie schon bei deren Einführung 2005 bei 3,2 Prozent. Mehr ins ­Gewicht fiel, dass die Empfänger mehr Geld bekamen. Dazu hat eine ganze Reihe von Faktoren beigetragen, wie Christin Kehrli sagt, Geschäftsführerin ad interim der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (SKOS). Je nach Region haben sie einen grösseren oder einen kleineren Einfluss.

In den vergangenen Jahren haben sich vor allem in den grossen Zentren die Mieten stark verteuert. Auch die Krankenkassenprämien sind stark gestiegen. Sie belasten die Versicherten jedoch unterschiedlich; manche Kantone verbilligen sie für Sozialhilfebezüger vollständig, andere nur teilweise.

Ausgaben für die Sozialhilfe Grafik vergrössern

Eine steigende Zahl von Personen lebt alleine in einem Haushalt. Sie verursachen der öffentlichen Hand höhere Kosten, weil die Ausgaben für die Wohnung, das Essen oder auch für den Telefonanschluss nicht mit Mitbewohnern geteilt werden können.

Der Zugang zu einer IV-Rente ist in den vergangenen Jahren erschwert worden. So beantragen heute mehr Personen Sozialhilfe. «Manche sind zu gesund, um eine IV-Rente zu erhalten, aber zu krank oder zu wenig leistungsfähig, um eine Stelle zu finden», sagt Kehrli.

Der Zugang zu einer IV-Rente ist erschwert worden. Auch darum beantragen heute mehr Leute Sozialhilfe.

Seit 2005 setzt die öffentliche Hand verstärkt auf Eingliederung: Sie gibt nicht nur Geld, sondern fordert im Gegenzug etwas dafür, etwa, dass Sozialhilfeempfänger an Kursen teilnehmen. Manche Kantone weisen nun bei den Ausgaben pro Kopf auch die Kosten für die Kurse aus. «Sie sind wichtig, denn sie können den Leuten helfen, sich einmal von der Sozialhilfe zu lösen», sagt Kehrli. Aber vorerst erhöhen die Kurse die Ausgaben.

11'465 Franken im Kanton Bern, 5859 in Freiburg

Laut Kehrli ist die Annahme nahe­liegend, dass auch die steigende Zahl der Flüchtlinge in der Sozialhilfe die Aus­gaben pro Kopf erhöhen. Viele haben keine Angehörige, die sie unterstützen könnten, sprechen wenig oder gar nicht Deutsch und haben keine gute Ausbildung. Nur: Die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe kann auf keine entsprechenden Zahlen zurückgreifen. Sie werden zwar seit kurzem erhoben, erst muss aber noch geprüft werden, ob die Kantone dies einheitlich tun. Im Kanton Bern zum Beispiel kann man noch nicht sagen, ob sich die Ausgaben pro Kopf wegen der Flüchtlinge erhöht haben. Er unterscheidet in seiner offiziellen Statistik nur zwischen Schweizern und Ausländern. So lässt sich nicht sagen, ob Flüchtlinge eine umfangreichere Unterstützung benötigen. In Zürich war dazu gestern Nach­mittag keine Auskunft erhältlich.

Die Ausgaben pro Empfänger für die wirtschaftliche Sozialhilfe variieren von Kanton zu Kanton stark. Am höchsten waren sie 2014 mit 11'465 Franken pro Jahr im Kanton Bern, am tiefsten im Kanton Freiburg mit 5859 Franken. Im Kanton Zürich beliefen sie sich auf 10 726 Franken. Laut Janine Heldner, Abteilungsleiterin beim Sozialamt des Kantons Berns, sind die Ansätze in den vergangenen Jahren nicht angehoben worden, manche Leistungen wurden im Gegenteil gekürzt. Sie kann sich vorstellen, dass die Empfänger im wirtschaftlich weniger starken Kanton länger brauchen, um wieder eine Stelle zu finden, und auf umfangreichere Unterstützung angewiesen sind; es arbeiteten mehr Personen als früher auf Abruf oder verdienten nicht genug, um davon leben zu können. Auch sind in Bern schon alle Leistungen in diesem Betrag enthalten.

Aber immerhin: Bern gehört zu den wenigen Kantonen, die 2014 die Nettoausgaben pro Empfänger senken konnten. Bern hat ein Bonus-Malus-System bei den Sozialdiensten eingeführt, auch damit sie ihre Anstrengungen verstärken, um Gelder zurückzufordern, die der öffentlichen Hand zustehen – Bevorschussungen für IV-Renten oder Kinderalimente, Taggelder oder Erbschaften. Manche Mitarbeiter studieren nun Todesanzeigen, um zu wissen, wo Erbschaften anfallen könnten. So sind die Ausgaben zwar noch leicht gestiegen, die zusätzlichen Einnahmen jedoch haben sie deutlich übertroffen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.10.2016, 09:39 Uhr

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