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Wie Sion seit 1976 um Olympische Spiele kämpft

Die Geschichte der Olympischen Winterspiele in der Schweiz ist eine von Enttäuschungen und unbequemen Stimmbürgern.

Die beste Kandidatur – und doch verloren: Adolf Ogi nach der Vergabe der Winterspiele 2006 an Turin. (19. Juni 1999)
Die beste Kandidatur – und doch verloren: Adolf Ogi nach der Vergabe der Winterspiele 2006 an Turin. (19. Juni 1999)
Fabrice Coffrini, Keystone
Unglaube auch bei Bundesrat Pascal Couchepin. (19. Juni 1999)
Unglaube auch bei Bundesrat Pascal Couchepin. (19. Juni 1999)
Keystone
An die Austragung erinnert immer noch das damals erstellte Olympiastadion: Im inzwischen umgenutzten Gebäude befinden sich heute Ferienwohnungen. (3. Januar 2009)
An die Austragung erinnert immer noch das damals erstellte Olympiastadion: Im inzwischen umgenutzten Gebäude befinden sich heute Ferienwohnungen. (3. Januar 2009)
Arno Balzarini, Keystone
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Der Bundesrat hat heute über seine finanzielle Unterstützung für die Olympia-Kandidatur der Walliser Hauptstadt Sitten informiert – 995 Millionen Franken beträgt die Beteiligung des Bundes maximal. Nach St. Moritz 1948 sollen mit Sion 2026 die Olympischen Winterspiele endlich wieder in der Schweiz stattfinden – zumindest, wenn es nach dem Sportdachverband Swiss Olympic und dem Organisationskomitee geht.

Vergangene Kandidaturen zeigen, dass die Fallstricke für Winterspiele in der Schweiz zahlreich sind. Schon St. Moritz musste neben den erfolgreichen Kandidaturen für 1928 und 1948 zwei Niederlagen hinnehmen: 1936 gingen die Spiele an Deutschland. Die Vergabe der Sommerspiele an Berlin vermittelte Deutschland das Recht, auch die Winterspiele im selben Jahr auszurichten. Das nationalsozialistische Regime liess sich die Chance nicht nehmen, schloss die unweit der Zugspitze gelegenen Gemeinden Garmisch und Partenkirchen zusammen und baute sie zum Kurort aus.

1976 die gleiche Kritik wie heute

Olympische Ambitionen hegte als nächstes – neben Lausanne, das sich 1936 und danach noch viermal erfolglos für die Sommerspiele beworben hatte – das im Unterwallis gelegene Sitten, das selber kein Wintersportort ist, aber unweit von Crans-Montana und zahlreichen weiteren Feriendestinationen liegt. Mit der Kandidatur für 1976 kam Sitten den Olympischen Winterspielen so nahe wie nachher nie mehr. Das siegreiche Denver scheiterte an der Bevölkerung des US-Bundesstaats Colorado, die einer Verfassungsänderung zustimmte, um die Spiele zu verhindern.

Die Argumente der Gegner von Denver 1976 gemahnen an jene der Olympia-Kritiker von heute: Die Spiele seien schädlich für die Umwelt, während die Organisatoren die Kosten unter- und die Einnahmen überschätzten. Das zweitplatzierte Sitten hätte die Spiele in der Folge übernehmen können, doch Organisation und Finanzierung konnten so rasch nicht wieder auf die Beine gestellt werden. In einer neuen Ausschreibung setzte sich Innsbruck durch.

77 Prozent der Schweizer Bevölkerung befürworteten Sion 2006.

In den 90er-Jahren folgte die nächste bittere Niederlage gegen eine US-amerikanische Stadt. Salt Lake City setzte sich gegen Sion-Wallis 2002 mit 54 zu 14 Stimmen durch – und das womöglich nur dank Bestechung von Mitgliedern des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Die Ethikkommission des IOC kam zum Schluss, dass sich mindestens 24 Komiteemitglieder bestechen liessen.

Noch in der Nacht nach der Wahl von Salt Lake City hatte der Vorstand von Sion-Wallis 2002 beschlossen, auch für 2006 zu kandidieren. Hinter der Kandidatur standen neben der Walliser Regierung und SVP-Bundesrat Adolf Ogi auch die Stimmberechtigten im Kanton Wallis, die der Kandidatur mit 67 Prozent Ja-Stimmen zustimmten. Gemäss einer Umfrage befürworteten auch 77 Prozent der Schweizer Bevölkerung Sion 2006.

Ogi kam Blatter dazwischen

Das Organisationskomitee unter Präsident Adolf Ogi und Generaldirektor Jean-Daniel Mudry leistete ausgezeichnete Arbeit. Das IOC bezeichnete das Dossier von Sion 2006 als bestes aller sechs Kandidaturen. Trotzdem setzte sich das italienische Turin mit 53 zu 36 Stimmen durch. Als Grund für die Niederlage wurden Retourkutschen von IOC-Funktionären vermutet. Der Berner Rechtsanwalt und langjährige Präsident des Internationalen Skiverbands FIS Marc Hodler hatte 1998 den Bestechungsskandal um Salt Lake City aufgedeckt und sich damit im IOC, dem er auf Lebzeit angehörte, Feinde geschaffen.

Ogi wiederum mutmasste 2013 in einem Interview mit Redaktion Tamedia, der damalige IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch habe ihm die Lancierung der Kandidatur Sepp Blatters für das Fifa-Präsidium übelgenommen.

Nach Sion wollten sich andere Schweizer Wintersportregionen mit einer Kandidatur versuchen. Im Schweizerischen Olympischen Komitee setzte sich Bern 2010 gegen Davos 2010 durch. Die Berner hatten die Rechnung aber wie die Promotoren von Denver 1976 ohne die Bevölkerung gemacht. 78,8 Prozent der Stimmenden im Kanton Bern lehnten es 2002 ab, den Organisatoren die nötigen Kredite zu gewähren.

Zehn Jahre später wollte erneut ein Bündner Komitee die Spiele in die Schweiz holen. Anders als bisher sollte aber nicht ein Wintersportort, sondern der ganze Kanton als Gastgeber der Spiele auftreten. Der Vorwurf des Gigantismus an die Adresse des IOC war inzwischen unüberhörbar.

6,8 Milliarden Dollar hatte Vancouver 2010 gekostet, Nagano 1998 gar 20 Milliarden. Die Verträge wurden immer komplizierter, die Sicherheitskosten stiegen auf ein Vielfaches. Trotz einer intensiven Kampagne unterlagen Regierung, Parlament, bürgerliche Parteien und Wirtschaft bei der Abstimmung: Rund 53 Prozent der Stimmenden sagten Nein zu Graubünden 2022. «Ich hoffe, dass der Kanton nicht in eine Art Depression verfällt», kommentierte OK-Chef Gian Gilli die Niederlage sichtlich enttäuscht.

Anfang Februar dieses Jahres scheiterte die Neuauflage der Bündner Kandidatur noch deutlicher an der Urne: Gar 60 Prozent lehnten Graubünden 2026 ab; darunter auch eine Mehrheit der Stimmenden in den Austragungsorten Davos und St. Moritz. Die Einbindung Zürichs in die Kandidatur war zuvor gescheitert. Damit wurde der Weg frei für eine erneute Kandidatur Sittens – wenn denn die Walliser immer noch olympiabegeistert sind.

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