«Die SRG sollte beim bürokratischen Wasserkopf sparen»

Bald entscheidet der SRG-Verwaltungsrat über den künftigen Standort des Berner Radiostudios. Es protestieren auch Politiker, von denen man es nicht erwarten würde.

Wie Regierungen das tun, so spart auch die SRG an der produzierenden Front statt beim bürokratischen Wasserkopf: SVP-Nationalrat Adrian Amstutz hat sich beim Protest-Komitee gemeldet, um sich gegen den Umzug des Berner Radiostudios nach Zürich zu engagieren.

Wie Regierungen das tun, so spart auch die SRG an der produzierenden Front statt beim bürokratischen Wasserkopf: SVP-Nationalrat Adrian Amstutz hat sich beim Protest-Komitee gemeldet, um sich gegen den Umzug des Berner Radiostudios nach Zürich zu engagieren. Bild: Keystone

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Die SRG werde sparen, versprach Direktor Gilles Marchand am 4. März. Die Stimmberechtigten hatten soeben die No-Billag-Initiative mit wuchtigem Nein bachab geschickt. Wenig später wurde klar, wo gespart wird: 170 Mitarbeitende des SRG-Radiostudios in Bern, das über Bundespolitik und Auslandthemen berichtet, sollen nach Zürich ziehen und gemeinsam mit dem Radiostudio Brunnenhof in der SRG-Zentrale Leutschenbach angesiedelt werden.

Auf diese Ankündigung von Anfang April folgte lauter Protest: Ausgerechnet die SRG, im No-Billag-Wahlkampf als letzte Bastion der regionalen Verankerung und Medienvielfalt gepriesen, will das Hauptstadt-Radiostudio nach Zürich holen, lautete der Tenor.

FDP-Nationalrat Kurt Fluri spricht im Videostatement auf der Protest-Website von einem «Schlag ins Gesicht der Unterstützer der SRG gegen die No-Billag-Initiative».

Neben Fluri haben sich noch weitere Parlamentarier zu Wort gemeldet, von denen man es teilweise nicht erwarten würde.

So schaltete die Website www.proradiostudio.be vor wenigen Tagen ein Video des Berner SVP-Nationalrats Adrian Amstutz auf. Amstutz, dessen Partei noch diesen Frühling die No-Billag-Initiative befürwortete und damit das Ende der SRG in Kauf nahm, sagt im Video: «Eine räumliche Trennung der Redaktionen hat grosse Vorteile in Bezug auf die Meinungsvielfalt. Die Meinungen verschmelzen sonst zu einem Einheitsbrei.»

Amstutz hatte sich selber beim Komitee «Pro Radiostudio Bern» gemeldet, um die Radiomitarbeiter und weitere Personen, die den Widerstand gegen den Umzug organisieren, zu unterstützen.

Auf Anfrage dieser Zeitung, warum er sich engagiere, sagt Amstutz: «Weil die SRG-Teppichetage, wie das auch Kantonsregierungen und der Bundesrat machen, an der produzierenden Front spart statt beim bürokratischen Wasserkopf.» Das nähere Umfeld der Führungsgremien werde stets verschont, während «bei der wirksamen Praxis» gespart werde, «bei den Genzwächtern, Polizisten, Pflegenden und so weiter». Die SRG mache es nun ebenso. Auch wehre er sich gegen die «voranschreitende Verzürcherung» der Medienlandschaft, sagt Amstutz.

«Ich müsste glücklich sein»

Überraschend auch der Auftritt der Zürcher Regierungsrätin Jacqueline Fehr (SP), die «eigentlich glücklich sein müsste», wie sie selber im Videostatement sagt: «170 hochattraktive Arbeitsplätze, sehr qualifizierte Mitarbeitende kämen in den Kanton Zürich arbeiten.» Wenn sie aber sehe, wie die Zürcher Optik zunehmend die Medienberichterstattung dominiere, mache sie sich Sorgen. Sie lade die SRG-Spitze «mit Nachdruck ein», das Projekt zu stoppen. «Die Schweiz ist mehr als Zürich.»

Auch aus der CVP, die institutionell mit der SRG stark verbunden ist (CVP-Bundesrätin Doris Leuthard hat das Mediendossier, CVP-Politiker Jean-Michel Cina ist SRG-Präsident), kommt Kritik. Dem Vernehmen nach will sich sogar CVP-Präsident Gerhard Pfister öffentlich gegen die Umzugspläne äussern. Er sei mit «Hauptstadtregion Schweiz», einer Lobbygruppe der Kantone Bern, Freiburg, Wallis, Solothurn und Neuenburg, die sich gegen den Umzug wehrt, im Gespräch, heisst es aus dem Umfeld der Radiomitarbeiter. Pfister war am Freitag für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Sollte er sich öffentlich gegen das Projekt aussprechen, hätte die SRG gewichtige Exponenten aller grossen Parteien gegen sich, wenn sie die Sparmassnahme realisiert.

Kritiker zweifeln am Sparziel

Das ist die Hoffnung der Protestierenden: «Wir hoffen, dass die Führungsgremien den politischen Preis als zu hoch erachten für das vergleichsweise geringe Einsparpotenzial, das erst noch unsicher ist», sagt Priscilla Imboden, Radioredaktorin und Co-Präsidentin des SSM Radiostudio Bern. Die SRG rechnet, mit der Radiokonzentration insgesamt 10 Millionen Franken einsparen zu können, davon entfielen im Idealfall 4,4 Millionen Franken auf den Umzug des Berner Studios nach Zürich.

Doch Kritiker zweifeln, ob diese Rechnung aufgeht. Denn um das Sparpotenzial in Bern ausschöpfen zu können, müsste die SRG ihren teuren Hauptsitz an der Giacomettistrasse verlassen, an den sie allerdings bis 2032 per Mietvertrag gekettet ist. Findet sie keinen Nachmieter, muss sie noch 14 Jahre dort bleiben oder die Liegenschaft zumindest finanzieren. Der Plan der SRG-Spitze wäre, den Hauptsitz in die günstigere Liegenschaft an der Schwarztorstrasse zu verlegen, wo heute das Radiostudio beheimatet ist.

Monatelanges «Gestürm»

Zuständig für den Radiostudio-Entscheid ist der Verwaltungsrat der SRG. Juristisch ist dies nicht ganz eindeutig, da Standort-Entscheide je nach Tragweite und Ausmass entweder vom Verwaltungsrat oder vom Regionalvorstand letztinstanzlich entschieden werden. Im Fall des Radiostudios habe man sich aber darauf geeinigt, dass der Verwaltungsrat entscheidet, sagt SRG-Sprecher Edi Estermann. Der Entscheid fällt im Herbst – ob an der ordentlichen Sitzung vom 18. und 19. September oder an einem anderen Tag, sagt Estermann nicht. Sicher ist, dass der Verwaltungsrat daran interessiert ist, die nun seit fünf Monaten dauernde Kontroverse bald zu beenden.

Nächste Woche wollen die Gegner nochmals richtig laut werden: Am Donnerstag, 30. August, findet auf dem Bundesplatz die Kundgebung «Pro Medienvielfalt» statt, an der die Corona der Berner Politik sowie prominente Kunstschaffende auftreten wollen: Stadtpräsident Alec von Graffenried (Grüne), der Berner Regierungspräsident Christoph Neuhaus (SVP) und Ständerat Beat Vonlanthen (CVP) halten eine Ansprache, Schriftsteller Pedro Lenz, Rapper Greis und weitere stellen sich an diesem Tag gratis zur Verfügung.

Technologischer Fortschritt

SRG-Sprecher Estermann gibt zu bedenken, dass der geprüfte Umzug keine reine Sparmassnahme, sondern auch inhaltlich begründet wäre: «Radio muss sich digital weiterentwickeln. Das kostet Geld und Ressourcen. Räumliche Nähe macht Zusammenarbeit produktiver und begünstigt den technologischen Fortschritt. Und die Nähe zum TV- und Online-Bereich sorgt für zusätzliche Synergien.»

Die Proteste nehme man bei der SRG-Führung aber zur Kenntnis, und sie würden in die Entscheidfindung sicher einfliessen.

Erstellt: 24.08.2018, 16:48 Uhr

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