Die SRG-Zahlen führen in die Irre

Der Einblick in die Kosten lenkt von der eigentlich wichtigen Diskussion über das Fernsehen ab.

Seine Sendung ist verhältnismässig günstig: SRG-Talkmaster Roger Schawinski. Foto: Steffen Schmidt (Keystone)

Seine Sendung ist verhältnismässig günstig: SRG-Talkmaster Roger Schawinski. Foto: Steffen Schmidt (Keystone)

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Seit dieser Woche kennen wir ein paar neue Finanzzahlen: Eine Folge «Voice of Switzerland» kostet 817'000 Franken. Dagegen ist der Talk von Roger Schawinski Low Budget: Pro Folge müssen die Gebührenzahler 14'000 Franken zahlen.

Die Oberen unseres Staatsfernsehens haben den Ruf nach mehr Transparenz erhört. Vielen Dank! Licht dringt ins dunkle Zahlendickicht. Die neue Offenheit am Leutschenbach ist lobenswert, weil öffentlich-rechtliche Anstalten in der Regel wenig bis gar keine detaillierten Einblicke in ihre Ausgabenbücher gewähren. Der kritische Zeitgenosse fragt sich ob der Transparenzoffensive: Was bringt uns diese? Wissen wir jetzt, wie gut oder wie schlecht die 1,2 Milliarden Franken Gebührengelder jährlich investiert sind? Die Antwort ist: Nein.

Kosten und Leistungen des öffentlichen Radios und Fernsehens mit Zahlen zu messen und zu vergleichen, ist praktisch ein Ding der Unmöglichkeit. Selbst das Schweizer Radio und Fernsehen hat Mühe, für alle Sendungen Zahlen auszuweisen. Zum Beispiel die Kosten für «Glanz und Gloria» oder das Abendmagazin «10 vor 10». Beide Formate sind in der Abteilung Information angesiedelt. Weil viele Mitarbeiter wechselnd im Einsatz stünden, sei eine Kostenberechnung unmöglich. Auch einfache Anfragen können nicht beantwortet werden. Nicht, weil die Verantwortlichen etwas zu verheimlichen hätten. Sondern, weil die Recherchen zu komplex, zu aufwendig wären. Die Aufstellung der Kosten pro Sendeminute – eine vermeintlich einfach zu recherchierende Kennzahl – ist hochkomplex.

Der Grund, warum SRG-Boss Roger de Weck grünes Licht für die Kostenpublikation gegeben hat, liegt auf der Hand: Er muss nach der knappen RTVG-Abstimmung den SRG-Kritikern Hand bieten. Ob das der bevorstehenden Service-public-Debatte aber hilft? Wohl kaum. Die Berichterstattung der letzten Tage hat dazu geführt, dass böswillige Schlüsse gezogen wurden. Die neue Transparenz ist unvorteilhaft, weil sie unvollständig ist und den SRG-Kritikern in die Hände spielt. Konkurrenzmedien mokierten, dass selbst die günstigsten SRF-Sendungen drei- bis viermal teurer seien als ihre Sendungen und dabei etwa gleich viele Zuschauer erreichten. Langjährige TV-Profis wollen aus den publizierten Zahlen gar heraus­lesen, dass das Schweizer Radio und Fernsehen problemlos den «unnötigen Bläh-Apparat» abbauen könne. Im Leutschenbach hätten sie sehr «üppige Konditionen». Natürlich war der Kommentar eines TV-Machers scherzhaft, als er die teureren Kleider von Talker Kurt Aesch­bacher als Grund sieht, warum dessen Format teurer ist als andere Talk-Sendungen.

Kein fairer Streit

Die Reaktionen zeigen, dass die Transparenz einen fairen Streit gar nicht zulässt, weil wichtige Details fehlen. Wünschenswert wären zusätzliche Daten, ohne dabei Geheimhaltungsinteressen Dritter zu verletzen. Hier ein paar Vorschläge: Wie hoch ist der Anteil freier Mitarbeiter oder jüngerer Angestellter mit vergleichsweise be­scheidenen Gehältern? Was zahlt SRF allein für die einzelnen Redaktionen? Was für Technik? Was zahlt SRF an externe Produktionen? Wie viel gibt das Unternehmen für Mitarbeiter in der Administration aus? Wie hoch sind die Kosten für Reisen? Und was verdienen die Stars?

Das wären nützliche Zahlen, um Rückschlüsse auf die Kosteneffizienz zu ziehen. Aber auch hier ist Vorsicht geboten. Ein politisches Magazin, das von der Presse recherchierte Themen aufgreift, ist billiger als ein Format, das investigativ neue Themen angeht und dabei auch mal Umwege und Sackgassen in Kauf nehmen muss. Wenn solche Themen dann aber zur Ausstrahlung kommen, können sie eine Breitenwirkung erzielen. Sie stiften also einen ungleich höheren Nutzen als Berichte über Themen, die bereits bekannt sind.

Die Effizienz von Fernsehsendungen kann nicht allein anhand der Kosten beurteilt werden, sondern nur im Vergleich von Kosten und Ertrag. Entscheidend ist der Nutzen einer Sendung. Und damit ist nicht der private Nutzen für die Zuschauer gemeint, sondern der öffentliche Nutzen für die Gesellschaft, der Beitrag zur freien individuellen und öffentlichen Meinungsbildung gemeint. Diesen abzuschätzen, ist die Heraus­forderung – keine ökonomische, sondern eine publizistische. Die veröffentlichten Zahlen lassen sich einfach missbrauchen. Und sie lenken von der eigentlichen Diskussion ab: Welchen Service public wir künftig wollen.

Erstellt: 24.10.2015, 00:04 Uhr

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