Die stummen Bischöfe

Ob zu Islam, Migration oder Laien: Die Bischofskonferenz spricht nicht mehr mit einer Stimme. Lagerdenken höhlt ihr einstiges Profil aus.

Lasst uns beten, dass es besser wird (Stillleben der Bischofskonferenz von 2013, Thema: «Miteinander Kirche bauen». Foto: Steffen Schmidt (Keystone)

Lasst uns beten, dass es besser wird (Stillleben der Bischofskonferenz von 2013, Thema: «Miteinander Kirche bauen». Foto: Steffen Schmidt (Keystone)

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Mit profilierten Stellungnahmen sind die Schweizer Bischöfe öffentlich nicht mehr präsent. Gemeinsame Auftritte vor den Medien sind selten geworden. Letztmals war das Anfang Dezember, als sie in der Basilika von Valeria in Sitten eine Gebets- und Bussfeier für die Opfer sexueller Übergriffe im kirchlichen Umfeld abhielten. Auf römisches Geheiss legten sie ein Bekenntnis zur Nulltoleranz ab. Gemäss Generalsekretär Erwin Tanner war es ein geschlossener Auftritt der Mitglieder der Schweizer Bischofskonferenz in einer wesentlichen Frage. Was impliziert, dass solche Auftritte nicht die Regel sind. Zu stark lässt sich die Schweizerische Bischofskonferenz (SBK) durch Flügelkämpfe lähmen, um mit einer Stimme zu sprechen.

Und wenn sie es tut, dann bleibt diese Stimme so vage wie im Herbst zur Burka-Debatte. Die gemeinsame Stellungnahme war schlicht unverständlich. «Schweizer Bischöfe: Keine Position in Burka-Debatte», titelte die Plattform katholisch.de. Der konservative SBK-Präsident Charles Morerod rechtfertigte sich: Der Glaube könne nicht vorschreiben, ob man zur Volksinitiative Ja oder Nein sagen solle. Auf das damals angekündigte Dokument der Arbeitsgruppe Islam über die Gesichtsverhüllung wartet man noch immer.

Optimistisches Wegreden

Schaut man auf der Homepage, was die Arbeitsgruppe Islam sonst so zum brennenden Thema veröffentlicht, findet man dort fast nur Communiqués zu bischöflichen Reisen. Etwa über eine einwöchige Türkei-Reise im Mai 2016. Unter Leitung des Freiburger Weihbischofs Alain de Raemy versuchte sich die Gruppe ein Bild von den Veränderungen in der türkischen Gesellschaft und deren Folgen für die Christen zu machen. Das Communiqué frappiert durch seine optimistische Tonalität: Im Gespräch habe Diyanet-Chef und Erdogan-Freund Mehmet Görmez der Gruppe versichert, dass die säkulare Rechtsordnung auch nach der Verfassungsänderung erhalten bleibe. Die christlichen Partner hätten übereinstimmend von Fortschritten der Religionsfreiheit gesprochen. Exponenten der hiesigen Kirche schämen sich für diese blauäugige Einschätzung nur zwei Monate vor dem Putsch.

Zugleich bemängeln sie, dass das oberste katholische Leitungsgremium keine klare Positionierung mehr hat. Das liegt auch daran, dass die Bischofskonferenz nach ihrer vierteljährlichen Vollversammlung kaum mehr Pressekonferenzen abhält. Stattdessen hat sie diese Woche nach ihrer Versammlung in Einsiedeln erstmals die Bevölkerung zu ihrem Gottesdienst eingeladen. Die Bischofskonferenz solle damit öffentlich sichtbar werden, liess die neue PR-Beraterin Encarnacion Berger-Lobato verlauten.Sie leitet den Bereich Marketing und Kommunikation im Generalsekretariat. Inoffiziell aber heisst die Strategie der Bischöfe Marketing statt Information. Sie kommt seit 2015 zum Zuge, als die Bischöfe unter anderen den Informationsbeauftragten und früheren «Blick»-Journalisten Simon Spengler entliessen. Er hatte unter dem damals für die Medien zuständigen Abt Martin Werlen eine offene und offensive Medienpolitik verfolgt. Der neue Medienbischof Alain de Raemy hingegen fordert eine «authentisch katholische Information».

«Die Konferenz lähmt sich durch Flügelkämpfe.»

Vom Personalabbau betroffen sind auch wichtige nationale Dienststellen der SBK, sodass sie gesellschaftliche Top-Themen gar nicht mehr richtig bearbeiten können. Etwa bei der Dienststelle Migratio. Nationaldirektor Samuel Behloul, ein Islamwissenschaftler, hatte im Juni 2016 nach dreieinhalb Jahren aufgegeben. Er hatte die Bischöfe immer wieder zu einer klaren Positionierung beim Thema Migration und Migrantenpastoral aufgefordert. Er wollte einen Kompetenz- und Wissensort auf nationaler Ebene schaffen. Trotz des Migrationshintergrunds so vieler Katholiken konnte er sich nicht durchsetzen.

Das Prinzip Einzelaktion

An Schlagkraft hat auch die Schweizerische Nationalkommission Justitia et Pax verloren. Heute arbeitet dort Leiter Wolfgang Bürgstein allein zusammen mit einer ehrenamtlich tätigen Kommission. Alle Stellungnahmen und Statements müssen vom Präsidium abgesegnet werden. Communiqués mit dem Ja zur Atomausstiegsinitiative oder zur erleichterten Einbürgerung erscheinen aber nur im Namen von Justitia et Pax, ohne explizite Nennung der Bischöfe.

Vielleicht will die Bischofskonferenz bewusst nicht mehr so stark als solche in Erscheinung treten. Ein Eklat im November 2015 könnte dies erklären. Die SBK veröffentlichte damals, offenbar Rom gehorchend, einen Brief mit dem expliziten Verbot der Laienpredigt. Unmittelbar danach distanzierten sich die beiden liberalen Bischöfe Markus Büchel von St. Gallen und Felix Gmür von Basel von der offiziellen Devise. Sehr zum Ärger von Nuntius Thomas Gullickson in Bern. «So geht es nicht, das können die Gläubigen nicht akzeptieren», klagte er im Gespräch. Die Bischöfe müssten zusammenarbeiten, einen Text verabschieden, ihn aber nicht als Konferenz, sondern einzeln veröffentlichen.

Im Prinzip unterstützt er damit Bischof Huonder, der eigene Hirtenbriefe zu veröffentlichen pflegt.Tanner bestreitet nicht, dass sich der einzelne Bischof verstärkt auf die eigene Diözese konzentriert. Der Druck auf den einzelnen Bischof sei stärker, und dessen Aufgaben seien komplexer geworden. Angeregt von Papst Franziskus ist auch in der Schweiz eine Debatte über die Rolle der Bischofskonferenz in Gang gekommen: Soll die SBK hauptsächlich Plattform zum Informationsaustausch sein, oder soll sie sich schwergewichtig auch mit grundsätzlichen theologischen und pastoralen Fragen befassen und mit vereinter Stimme auftreten? Gemäss den strategischen Zielen für 2017 bis 2020 wird durchaus ein gemeinsames Vorgehen und Auftreten in diesen Fragen angestrebt. Ob es gelingt, muss die SBK allerdings erst beweisen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.06.2017, 18:59 Uhr

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