Die Sünder werfen mit Steinen

Im Kampf um einen Walliser Regierungssitz tragen Oskar Freysinger und Christophe Darbellay ihre politische Feindschaft offen aus. Und vergiften damit das politische Klima im Kanton.

Hier wird auch über Politik gesprochen: Der Wochenmarkt in Sitten. Fotos: Raisa Durandi

Hier wird auch über Politik gesprochen: Der Wochenmarkt in Sitten. Fotos: Raisa Durandi

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In Sitten herrscht Tauwetter. Damit erhält der Freitagsmarkt in der Altstadt wieder Zulauf. Und das zur rechten Zeit. Kurz vor den Walliser Staatsratswahlen geht es für die Kandidaten darum, sich nochmals unters Volk zu mischen. Gesundheitsdirektorin Esther Waeber-Kalbermatten (SP) sticht mit leuchtend gelber Tasche aus der Menge und schlendert an die Weintheke vor dem Rathaus. Baudirektor Jacques Melly (CVP) hat sich dort bereits installiert und spricht ins Mikrofon eines Radiojournalisten.


Es muss nicht immer Weisswein sein: Ein Walliser genehmigt sich ein Glas Rotwein.

Es gibt zu reden. Vor allem sie geben zu reden: Oskar Freysinger und Christophe Darbellay mit ihrem Wahlkampf um einen Platz in der Walliser Regierung. Ein Duell, wie es Freysinger und Darbellay seit Wochen führen, hat man im Bergkanton seit Jahren nicht mehr erlebt. Die beiden provozieren und keifen in aller Öffentlichkeit und veranstalten politisches Trash-Theater, das manchmal unterhält, aber oft jenseits des Erträglichen spielt. Freysinger schimpft Darbellay einen Opportunisten, der seine Positionen so rasch wechsle wie ein Slalomfahrer. Darbellay wiederum bezichtigt Freysinger, in seinen ersten vier Jahren als Staatsrat versagt und sein Departement nicht im Griff zu haben.

Aggressiv müssen beide auftreten. Beide haben einiges zu verbergen. Freysinger versprach vollmundig, für die Tourismusförderung beim Bund eine Milliarde Franken lockerzumachen; später hielt er an seinem Chefbeamten Jean-Marie Cleusix fest, obwohl dieser mit seinem autoritären Auftreten die Lehrerschaft gegen sich aufbrachte und jahrelang keine Steuern bezahlt hatte; und er rühmte die Schönheit einer Reichkriegsflagge in seinem Keller und gab sich ahnungslos, als Fotos aus Moskau auftauchten, auf denen er das Sankt-Georg-Band am Revers trug, ein Symbol prorussischer Nationalisten und Separatisten in der Ostukraine. Zum Opfer stilisierte er sich in der Affäre um Survivalist Piero San Giorgio, den er als Berater in eine Arbeitsgruppe berief und der als Rassist entlarvt wurde; auch seine Freundschaft zum Weinhändler Dominique Giroud, der den Fiskus betrog, wird ihm immer wieder vorgehalten.

Eine Gruppe junger Walliser mit dem Namen «Bringen wir seine Stimme zum Verstummen» hat Freysingers grösste Verfehlungen auf einen Flyer gedruckt und samt Abwahlempfehlung an alle Walliser Haushalte verteilen lassen. Das Geld kam durch Crowdfunding zusammen.

Darbellay, der Ehebrecher

Darbellay wiederum beichtete in den Medien eine aussereheliche Affäre, aus der ein Kind hervorging. Damit brachte der Familienpolitiker nicht nur sich selbst in Schwierigkeiten, sondern vor allem seine Partei, die CVP. Diese hatte ihn bereits als Staatsratskandidaten nominiert. Nicht wenige Christdemokraten fühlten sich verraten. Die Erzkatholiken unter ihnen hätten einen Ehebrecher niemals als Staatsratskandidaten nominiert. Für sie ist Darbellay ein Sünder und damit unwählbar.

Freysinger begriff sofort und witterte seine Chance, die CVP zu entzweien, Darbellay zu attackieren und gleichzeitig von eigenen Problemen abzulenken. Er heuerte den konservativen CVP-Politiker Nicolas Voide an und berief diesen und die unbekannte Oberwalliser SVP-Frau Sigrid Fischer-Willa in ein rechtsbürgerliches Bündnis. Wohl auch von seinem russophilen und Trump bewundernden Kommunikationsberater Slobodan Despot angetrieben, propagiert Freysinger seither eine «konservative Revolution». Im historischen Kontext taucht der Begriff für die Übergangszeit von der Weimarer Republik zum Nationalsozialismus auf und zirkuliert heute unter Europas Rechten. Was Freysinger damit sagen will, ist unklar. Seine «konservative Revolution» fürs Wallis ist vor allem eines: Er will die Walliser Regierung (3 CVP, 1 SP, 1 SVP), die er konsequent als Linksregierung abtut, mit seinem rechten Bündnis dominieren. Zu diesem Zweck schaltete «das rechtsbürgerliche Bündnis» in der Zeitung «Le Nouvelliste» ein ganzseitiges Inserat, auf dem eine Mutter weint, weil sie angeblich ihre Miete nicht mehr bezahlen kann, während der Staat monatlich 690 000 Franken für Asylsuchende zahle.

Das Inserat löste einen Sturm der Entrüstung aus. Die SVP hatte sich an vorderster Front für die Senkung der Sozialhilfebeiträge eingesetzt. Ein Lehrer thematisierte das Plakat im Unterricht und rief zu einer Demo auf, zu der über 1000 Leute zusammenströmten. Aus SVP-Kreisen heisst es, Freysinger wolle gegen den Lehrer vorgehen, aber nicht jetzt, während des Wahlkampfs.

Freysinger, der Superchrist

Freysinger kann auf den Support der SVP Schweiz zählen. Diese hat mit Darbellay bis heute eine Rechnung offen. Als CVP-Parteichef war er einer der Drahtzieher der «Operation Scipio» und hat einen gewichtigen Teil zur Abwahl Christoph Blochers aus dem Bundesrat beigetragen. Der Moment für einen Racheakt scheint günstig. Darbellay wirkt so geschwächt wie nie in den vergangenen Jahren. Prompt tauchte SVP-Nationalrat und «Weltwoche»-Chefredaktor Roger Köppel an einem Kongress der SVP Oberwallis auf und sinnierte über Darbellay in Lokalmedien, da würden «noch immer irgendwelche Kinder hervorkommen. Das ist nicht gut für seine Partei.»

«Unterste Schublade» sei das, der ganze SVP-Wahlkampf bestehe aus «Verleumdungen», schäumte Darbellay. Freysinger sagte, was Köppel getan habe, «war nicht korrekt». Doch natürlich köchelt Freysinger das Thema weiter.

Freysinger mimt den Superchristen und umschmeichelt mit dem Erzkatholiken Nicolas Voide an seiner Seite die Konservativen. Diesem Zweck dient auch sein selbst geschriebenes Chanson «La liberté». Die drei ersten Szenen des Videoclips auf Youtube zeigen Jesus, die drei Eidgenossen beim Rütlischwur und schliesslich Oskar Freysinger bei der Vereidigung im Nationalratssaal.

«Purer Opportunismus und Heuchelei»

«Purer Opportunismus und Heuchelei» sei das, entfährt es Robert Schmidt, Nationalrat und Staatsratskandidat der Oberwalliser CSP. Doch Schmidt weiss, was passiert, wenn er Freysinger attackiert: «Er gibt sich in die Opferrolle und ruft die Walliser auf, ihm zu helfen.» Die Gelegenheit dazu will er Freysinger nicht geben. Schmidt ist ohnehin skeptisch, ob Freysingers Taktik, konservative Kräfte zu mobilisieren, aufgeht. Er sagt, die Kirche und damit auch die Gesellschaft sei gerade unter Bischof Jean-Marie Lovey offener geworden. SP-Grossrat Gaël Bourgeois teilt diese Ansicht noch aus einem anderen Grund. Er sagt: «Voide ist ein reines CVP-Produkt und ist nun zum Opportunisten geworden.» Mit der Kandidatur als CVP-Mitglied gegen seine eigene Partei und für das rechtsbürgerliche Bündnis begehe er einen Tabu-bruch. Das heisst: Konservative Christdemokraten stimmen weder für Darbellay noch für Voide und schon gar nicht für Freysinger. «Freysinger, der Meister der niederschmetternden Vereinfachung, muss sich wohl damit abfinden, dass die C-Parteien in der Regierung weiter das Sagen haben», prophezeit der Walliser Politbeobachter Thomas Gsponer.

Glaubt man innerhalb der SVP an Freysingers Chance für eine konservative Revolution? Ein SVP-Politiker lächelt auf dem Sittener Wochenmarkt süffisant, nimmt einen Schluck Weisswein und sagt: «Das ist nicht entscheidend. Es geht darum, innerhalb der CVP Spuren zu hinterlassen, die lange nachwirken.» Im Übrigen müsse Freysinger auf Darbellay draufhauen, «sonst hat Freysinger keine Chancen».

Erstellt: 27.02.2017, 23:02 Uhr

Christophe Darbellay

Oskar Freysinger

Wählerbefragung

Darbellay liegt derzeit vorn

Dreizehn Kandidaten bewerben sich für einen Sitz in der Walliser Regierung – so viele wie seit Jahren nicht mehr. Der erste Wahlgang findet am 5. März, der zweite am 19. März statt. Eine Wählerbefragung, die vergangene Woche publiziert wurde, gibt Aufschluss über die Wahlchancen. 35 Prozent der Befragten gaben an, für Christophe Darbellay (CVP) zu stimmen. Dahinter folgen Jacques Melly (CVP, bisher, 33 Prozent), Roberto Schmidt (CSPO, 32 Prozent), Oskar Freysinger (SVP, bisher, 32 Prozent) und Esther Waeber-Kalbermatten (SP, bisher, 30 Prozent). Nicolas Voide (CVP) kam auf 28 Prozent und der ehemalige Nationalratspräsident Stéphane Rossini (SP) auf 27 Prozent Zustimmung. (phr)

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