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Kinderpsychologin kritisiert «Recht auf Ohrfeigen»

Gewalt an Kindern nimmt zu. Eine Expertin über gestresste Eltern, unsichere Krippen – und Schweizer Politiker, die am Recht auf Ohrfeigen festhalten.

«Die Statistik des Kinderspitals Zürich zeigt, dass wir ein Problem haben», sagt Kinderpsychologin Heidi Simoni: Mutter und Kind auf dem Schulweg. Foto: Keystone
«Die Statistik des Kinderspitals Zürich zeigt, dass wir ein Problem haben», sagt Kinderpsychologin Heidi Simoni: Mutter und Kind auf dem Schulweg. Foto: Keystone

Frau Simoni, am Kinderspital Zürich haben Verdachtsfälle auf Kindsmissbrauch zugenommen. Misshandeln Eltern ihre Kinder zunehmend?

Ob die Zunahme signifikant ist vor dem Hintergrund des Bevölkerungswachstums, kann ich nicht sagen. Aber die Statistik des Kinderspitals Zürich zeigt, dass wir ein Problem haben. Misshandlungen an Kindern nehmen nicht ab, trotz Prävention und Begleitung der Eltern. Die Statistik ist ja nur die Spitze des Eisbergs, sie erfasst nur ­Kinder, deren Verletzungen zu einem Spitalbesuch führen oder bei denen ein Nachbar oder eine Lehrerin Verdacht schöpft. Die meisten Misshandlungen bleiben unbemerkt.

Merken Sie einem Kind an, wenn es misshandelt wird?

Es gibt gewisse Hinweise. Wenn zum Beispiel ein Kind stark ­eingeschüchtert ist oder wie ein dressiertes Hündchen versucht, alles richtig zu machen und alle nonverbalen Signale der Eltern zu lesen. Vorauseilender Gehorsam ist kein kindertypisches ­Verhalten. Und dann gibt es natürlich diese schrecklichen Situationen im Tram oder im Laden, wenn Eltern ihre Kinder anschreien oder ihnen zuzischen: «Wart, bis wir zu Hause sind.»

Das Kinderspital verzeichnet auch wieder mehr «Schüttelbabys». Ist heute nicht allen Eltern klar, dass man Babys nie schütteln darf?

Diese Tendenz ist erschreckend. Beim Schütteltrauma hat man mit Prävention viel erreicht. Doch eine Kampagne, die vor zehn Jahren lief, erreicht die heutigen Eltern nicht mehr. Und auch wenn man die Gefahren des Schüttelns kennt, heisst das noch nicht, dass man sich im Griff hat. Man kann sich aber vorbereiten und den gefährlichen Impuls in eine andere Bahn lenken. Den Raum verlassen, das Baby, auch wenn es schreit, ein paar ­Minuten allein lassen. Oder noch besser: den Partner oder die Nachbarin um Hilfe bitten. Es kommt in fast jeder nahen Beziehung vor, dass man Grenzen überschreitet und dies nachher bereut. Aber das Schütteln eines Kleinkindes ist hochgefährlich und kann zum Tod führen.

Was sagt es über unsere Gesellschaft aus, dass Kinder misshandelt werden?

Das zeigt unter anderem eine gewisse Überforderung. Es gibt in der heutigen Kleinfamilie wenig Möglichkeiten, Hilfe zu holen. Zudem ist der Druck gross, funktionieren zu müssen und rundum fit zu sein. Viele Eltern haben zudem wenig Erfahrung im ­Umgang mit einem Kind. Auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie setzt sie unter Stress.

Es gibt jene, die finden, eine Ohrfeige habe noch nie geschadet, sie gehöre zur Erziehung und Eltern hätten das Recht dazu.»

Sie sagten unlängst im ­Fernsehen, es gebe eine Nulltoleranz bezüglich Gewalt an Kindern. Laut Gesetz ist es Eltern aber erlaubt, die Kinder zu schlagen.

Es ist zumindest nicht explizit verboten. Die Vorstellung hält sich hartnäckig, dass Eltern das Recht hätten, ihre Kinder zu ohrfeigen und ihnen einen Klaps auf die Finger oder auf den Hintern zu geben. Auch wenn heute viele Leute andere Vorstellungen von Erziehung haben, sind sie reflexartig gegen ein Ohrfeigenverbot, weil es ihnen selber auch einmal passiert. Doch es gibt einen Unterschied zwischen dem Ideal, das man anstrebt, und der Praxis, in der man das Ideal nicht immer erreicht.

Das Parlament hat ein ­Ohrfeigenverbot letztmals 2017 deutlich abgelehnt. Weil sich jeder als potenzieller Straftäter sieht?

Dieses Festhalten am Recht auf Ohrfeigen hat unterschiedliche Gründe. Es gibt jene, die finden, eine Ohrfeige habe noch nie geschadet, sie gehöre zur Erziehung und Eltern hätten das Recht dazu. Das sind die Konservativen. Dann gibt es jene, die finden, Familie sei Privatsache. Sie vermischen etwas. Natürlich ist die Familie wichtig, privat und sogar sehr intim. Aber für das Wohlergehen und den Schutz der Kinder ist die Gesellschaft als Ganzes verantwortlich.

Ab wann handelt es sich bei einer Ohrfeige wirklich um Gewalt?

Eine Untersuchung der Uni Freiburg hat gezeigt, dass Eltern da unsicher sind. An den Haaren oder an den Ohren ziehen, ist das schon Gewalt? Oder anschreien? Ja, natürlich ist das Gewalt. Aber ganz ohne Gewalt geht es doch nicht, etwa beim Impfen oder wenn ich einem widerspenstigen elfmonatigen Kind die Winter­jacke anziehe. Die Studie hat auch gezeigt, dass Eltern teils falsche Vorstellungen davon haben, was kleine Kinder verstehen und befolgen können. Sie glauben, das Kind folge absichtlich nicht und lerne nur durch Strafen. Das ist falsch und fatal.

«Mit Ohrfeigen kann man ein Kind allenfalls dressieren. Aber es lernt dabei sicher nichts Sinnvolles.»

Wie bringt man dem Kleinkind bei, dass es die Musikanlage nicht berühren soll oder dass es andere Kinder nicht schlägt?

Man kann erstens die Musik­anlage schützen. Zweitens kann man dem Kind etwas vergleichbar Interessantes zum Spielen geben, etwas Glänzendes mit Knöpfen. Drittens kann das Kind helfen, die Musikanlage ein- und auszuschalten. Wenn ein kleines Kind andere Kinder schlägt, ist das oft ein unbeholfener Versuch, mit dem anderen Kind Kontakt aufzunehmen. Je grösser der ­Widerstand seitens der Erwachsenen, desto aggressiver sind die Kontaktversuche. Es ist wichtig, zu vermitteln, dass das so nicht geht. Gelingt es aber gleichzeitig, zu verstehen und zu übersetzen, kann das enorm entspannen. Mit Strafen wie Klaps oder Ohrfeigen kann man ein Kind allenfalls dressieren. Aber es lernt dabei sicher nichts Sinnvolles.

Könnte ein Ohrfeigenverbot überhaupt durchgesetzt ­werden? Man sieht ja nicht in die Familien hinein.

Noch wichtiger als das Verbot wäre die Diskussion und Sensibilisierung. Ein Verbot wäre ein gesellschaftlicher Konsens darüber, wie man mit Kindern umgeht, was akzeptabel ist und was nicht. Vor noch nicht langer Zeit durften Lehrer die Schüler schlagen. Jetzt ist es an der Zeit, dass wir uns als Gesellschaft positionieren. Eltern sind nicht Herr und Meister über ihre Kinder, sie dürfen sich nicht an ihnen ab­reagieren. Gewalt an Kindern führt zu einer Verrohung und Abstumpfung der ganzen Gesellschaft. Heranwachsende lernen damit, dass man sich mit Fäusten ausdrücken und seine Macht ausspielen kann. Sie lernen nicht, Konflikte auszutragen und etwas gewaltfrei durchzusetzen. Das lernen Kinder übrigens sehr gut im Kontakt mit anderen Kindern, etwa in Spielgruppen oder Kindertagesstätten. Doch dort brauchen Erzieherinnen genügend Zeit und Ressourcen, um die Kinder dabei zu begleiten. Das haben sie nicht.

Das Onlinemagazin «Republik» hat unlängst einen erschreckenden Bericht über die Kindertagesstätten-Kette Globegarden publiziert. Was denken Sie dazu?

Der Bericht hat unsere Sorgen bezüglich der Qualität in Kindertagesstätten bestätigt. Speziell an dem Fall ist, dass er eine ­Kita-Trägerschaft betrifft, die hochprofessionell daherkommt. Demgegenüber gibt es viele Kitas mit ungenügender pädagogischer Qualität, bei denen das Manko schon auf den ersten Blick ersichtlich ist. Es zeigt sich jetzt, dass alle nur mit Wasser ­kochen und dass Eltern bei einer Hochglanz-Kita nicht aus dem Schneider sind. Das Qualitätsproblem betrifft alle, auch die Bessergestellten.

«Es befremdet, dass die Schweiz nicht stimmige Strukturen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf findet.»

Woran erkennen Eltern gute Kitas?

Sie müssen sich darauf verlassen können, dass die Kita-Plätze Qualitätsstandards im Sinne des Kindeswohls erfüllen. Daneben vertrauen sie auf ihr Bauchgefühl. Es gibt Kitas, die trotz knapper Ressourcen gute Arbeit leisten. Doch generell fehlt das Geld, um bezüglich Kinderbetreuung, Ausbildung der Mitarbeitenden und Elternkontakte das wünschbare Niveau zu erreichen.

Der Bund hat 370 Millionen Franken in die Schaffung von Kita-Plätzen investiert. Genügt das nicht?

Der quantitative Ausbau war wichtig. Aber die Betriebskosten können mit den Elternbeiträgen nicht gedeckt werden. Und es ist eben eine Fehlannahme, dass die Betreuung zu Hause gratis wäre. Berechnet man das Einkommen, das eine Betreuungsperson mit Minimallohn erhält, wird klar, dass die Betreuung eines Kindes deutlich mehr kostet als die üblichen 120 Franken pro Kita-Tag.

Was ist Ihr Eindruck, wie geht es den Kindern insgesamt?

Es geht ihnen in der Schweiz ­relativ gut. Trotzdem gibt es zu viele Kinder, die in Armut aufwachsen, misshandelt werden oder in den ersten Lebensjahren nicht erhalten, was sie für eine gute Entwicklung brauchen. Es ist befremdlich, wenn ein Land wie die Schweiz nicht stimmige Rahmenbedingungen für das Aufwachsen junger Kinder und die Vereinbarkeit von Familie und Erwerbsarbeit findet.

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