Die Terrorwaffe als Wandschmuck

In der Schweiz hängt eine Luft-Luft-Rakete im Wohnzimmer eines Sammlers, in Italien wird derselbe Waffentyp konfisziert. Der Fall beschäftigt nun auch die Schweizer Justiz.

Hängt als Zierde in einem Walliser Wohnzimmer: Eine Matra Super 530. Foto: Christian Brun (Independant 24heures)

Hängt als Zierde in einem Walliser Wohnzimmer: Eine Matra Super 530. Foto: Christian Brun (Independant 24heures)

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Das Geschoss ist fast vier Meter lang, 250 Kilo schwer und erzeugt vor allem – viel Verwirrung. Am Dienstag dieser Woche präsentierte die italienische Polizei den Fund einer Razzia im Hangar eines Kleinflughafens in der Lombardei: eine Luft-Luft-Rakete vom Typ Matra Super 530. Zwei Italiener und der Tessiner Alessandro M. wurden als angeblich rechtsextreme Verschwörer verhaftet. Ausländer hätten ein Attentat auf ihn geplant, twitterte Italiens Innenminister Matteo Salvini zum Foto der Rakete. Italienische Medien schrieben vom «Raketenangriff auf Salvini». Die italienische Polizei hält die Lenkwaffe für voll funktionsfähig.

Nur eine leere Hülle

Wenn Jean-Paul Renaud die Fotos der in Italien entdeckten Rakete sieht, kann er nur den Kopf schütteln: «Das ist doch alles nur Müll.» Der 49-jährige Walliser hat zwei Raketen desselben Typs mit nach Hause genommen. Eine dieser Matra Super 530 hängt in seinem Wohnzimmer - ganz legal, versichert Renaud: Das ehemalige Kriegsgerät sei ungefährlich.

Das ehemalige Kriegsgerät sei ungefährlich, versichert Jean-Paul Renaud. (Foto: Christian Brun)

Die Redaktion Tamedia konnte sich davon überzeugen, dass die Metallhülle leer ist. «Jean-Paul Renauld» ist dennoch ein Pseudonym. Der Sammler alter Flugzeugteile fürchtet zu viel Aufmerksamkeit. Sein richtiger Name ist der Redaktion bekannt. Gegen Fotos von seinem ausgefallenen Wandschmuck hat er nichts einzuwenden.

Die Super 530 wurden vom französischen Rüstungskonzern Matra ab 1979 gebaut und gemeinsam mit Mirage-Kampfjets unter anderem nach Katar verkauft. Als der Golfstaat neue Flugzeuge anschaffte, verkaufte er die Mirage samt Bewaffnung nach Spanien.


Bildstrecke: Schweizer wegen Rakete in Italien verhaftet


Wie kommt nun ein Zivilist zu den schweren Waffen? Renaud sagt, er habe die Raketen 2013 in Madrid «bei einem Schrotthändler» gekauft. Sie waren ohne Sprengkopf und Antrieb. Danach musste er mehrere Monate auf die Durchfuhrbewilligung durch Frankreich und die Einfuhrbewilligung in die Schweiz warten. Ausserdem habe er bei den Behörden in Bern die Ungefährlichkeit der Raketen nachweisen müssen. Erst dann durfte er die Geschosse in ihren grünen Containern auf einem Autoanhänger nach Hause transportieren.

In seiner Gemeinde ist Renaud als Flugzeugfan bekannt. Nachbarn kommentierten die Neuanschaffung gelassen: «Gut, jetzt also Raketen.»

Lenkwaffen als Occasionen

Renaud hat den Verdacht, dass die in Italien als angebliche Attentatswaffe gezeigte Rakete aus derselben Tranche wie seine stammen könnte. Einen Hinweis darauf gibt auch das Aussenministerium von Katar. Es erklärte dem Sender al-Jazeera, dass die Rakete 1994 an «einen befreundeten Staat» verkauft worden sei.

Als Hauptverdächtige verhafteten die Italiener den 60-jährige Fabio Del B., einen ehemaligen Kandidaten der rechtsextremen Forza Nuova. Bei ihm wurden Handfeuerwaffen und Nazisymbole gefunden. Er stand auch in Kontakt mit den Besitzern des Hangars, in dem die Rakete lagerte. Italienische Medien zitieren Del B.s Anwalt: Sein Mandant sei lediglich gebeten worden, die Rakete zu schätzen. Sie habe keinen Sprengkopf, kein Radarsystem, keinen Antrieb und hätte selbst im funktionsfähigen Zustand nur vom Flugzeug aus gestartet werden können.

Laut italienischen Medien bot Del. B. auf Whatsapp die Rakete für 470'000 Euro zum Kauf an. Der Walliser Raketenbesitzer Renaud konnte da 2013 beim spanischen Schrotthändler wesentlich günstiger einkaufen. Er sagt, dass er in Madrid damals 6000 Euro bezahlte – für seine zwei Raketen.

Erstellt: 19.07.2019, 22:12 Uhr

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