Die Tierwürde ist nicht mit Geld aufzuwiegen

Ein Fall von Tierquälerei und die Hornkuhinitiative sind Phänomene eines erschreckenden Trends.

Armin Capaul stemmt sich gegen den Trend. Er hat die Hornkuhinitiative lanciert. Foto: Pascal Mora (Keystone)

Armin Capaul stemmt sich gegen den Trend. Er hat die Hornkuhinitiative lanciert. Foto: Pascal Mora (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Beide sind Landwirte, aber sie könnten gegensätzlicher kaum sein: Armin Capaul, ein Bergbauer aus dem Berner Jura, und V. S., ein Teilzeitlandwirt aus dem unteren Aaretal, dessen Name zu seinem eigenen Schutz ungenannt bleibt. Letzte Woche standen beide – am selben Tag, aber aus verschiedenen Gründen – im Scheinwerferlicht. Auf der Politbühne der eine, vor der Justiz der andere.

Armin Capaul deponierte am Mittwoch vor der Bundeskanzlei 46 Kisten, gefüllt mit über 120'000 beglaubigten Unterschriften: Die Hornkuhinitiative kommt vors Volk. Eine Stunde später erhielt V. S. im Zurzacher Bezirksgericht sein Urteil: 18 Monate Haft wegen Tierquälerei, bedingt auf zwei Jahre, ausserdem Bussen und Verfahrenskosten von mehr als 10'000 Franken. Er hatte im letzten Oktober mit seinem Geländefahrzeug vier Wildschweine überfahren und getötet, eine Bache und ihre drei Frischlinge. Das Urteil mag recht hart sein, aber obwohl die Tierquälerei nachgewiesen ist, darf V. S. weiterhin Kühe halten – mit oder ohne Gehörn.

Beides, die rücksichtslose Brutalität des Wildschweinkillers und (unter umgekehrtem Vorzeichen) der beharrliche Kampf des Kleinbauern Capaul haben einen erschreckenden Hintergrund: Der Mensch verliert den Respekt vor dem Mit-Geschöpf – und das enthornte Tier auch seine Würde. Im Stall ebenso wie auf freier Wildbahn, unter Brücken im Wallis und Bündnerland, wo die gefrevelten Kadaver geschützter Wölfe gefunden wurden, ebenso wie auf Wiesen und Auen im ganzen Land, wo Schwäne, die gefälligst im Wasser zu bleiben haben, zum Abschuss freigegeben werden sollen – nur, weil halt auch sie Bedürfnisse verspüren.

Löcher in den Schädel gebrannt

Zugegeben: Der Bauer, der angesichts einer Wildschweinrotte auf dem abgeernteten Maisfeld zum rasenden Berserker wird, ist ein dramatischer Einzelfall. Seine Motivation allerdings ist dieselbe wie jene der Viehzüchter, die in wachsender Zahl dazu übergegangen sind, ihre Tiere systematisch zu verstümmeln: Es geht ums liebe Geld. V. S. drehte durch, weil er befürchtete, die öffentliche Hand würde den Schaden, den das Schwarzwild in seinen Kulturen anrichtet, nicht adäquat berappen. Schweizweit veröden immer mehr Viehzüchter die Hornknospen ihrer wenige Tage alten Kälber, indem sie ihnen Löcher in den Schädel brennen. Das kommt alleweil günstiger als jede bauliche Massnahme, die den Dichtestress im Stall reduzieren und die Tiere abhalten könnte, die Hörner als Waffe einzusetzen.

An diesem Punkt setzt Capauls Hornkuhinitiative an: Der schlaue Bauer kennt seine Pappenheimer, er will den Kollegen nichts verbieten und noch weniger etwas wegnehmen. Im Gegenteil: Seine Initiative will umverteilen – und Viehzüchter, die auf die Enthornung verzichten, mit einem finanziellen Zustupf an den Ausbau des Laufstalls belohnen. «Die Hörner der Kuh», sagt der Bauer, «sind ein lebendiger Körperteil, der nicht als Waffe, sondern der Kommunikation und gegenseitigen Körperpflege dient.»

Gute Nachricht aus Rapperswil

Als Konsumenten können wir dazu beitragen, dass die Tiere, die mit uns leben und von denen wir leben, würdig und respektvoll behandelt werden. Die Bio-Knospe muss durch das Hornkuh-Label ergänzt werden, damit wir – allenfalls für ein paar Rappen mehr – nur noch die Milch, den Käse und das Fleisch jener Tiere kaufen, die beim Alpaufzug nicht nur Blumen auf dem Kopf tragen, sondern auch ihren natürlichen Kopfschmuck.

Die gute Nachricht kommt aus Rapperswil, wo der National-Zirkus seine Schweiz-Tournee angetreten hat – zum ersten Mal ohne Elefanten unterm Chapiteau. Chapeau, Familie Knie! Die grauen Dickhäuter müssen nicht mehr vorführen, dass der Mann mit dem Hakenstock ihr Meister ist. Sie geniessen am Zürichsee so etwas wie einen Vor­ruhestand und dürfen Kinder auf dem Rücken herumtragen. Die Stosszähne allerdings, die ihnen aus Sicherheitsgründen gezogen wurden, wachsen auch hier nicht mehr nach. Wer wissen will, wie viel Würde ein Elefant mit Stosszähnen ausstrahlt, soll den Zürcher Zoo besuchen.

Erstellt: 01.04.2016, 08:48 Uhr

Artikel zum Thema

«Eine Abstimmung mit dem Herzen»

Die meisten Kühe sind enthornt. Eine Volksinitiative will dies ändern und den Tieren «ihre Würde zurückgeben». Tierschützer unterstützen dies nur unter Vorbehalt. Mehr...

«Man stelle sich Wappen ohne Hörner vor»

Porträt Bergbauer Armin Capaul aus dem Berner Jura will dem Rindvieh Hörner und Würde zurückgeben – mit einem «Hornfranken». Mehr...

Viele Tiere sind arme Schweine

Das Schweizer Tierschutzrecht gilt in der Bevölkerung als streng. Tatsächlich aber leben viele Nutztiere auf engstem Raum, ohne Auslauf, angebunden oder in Einzelhaltung. Und das alles legal. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Paid Post

Verstehen Sie Ihre Arztrechnungen?

Sie wollen wissen, was genau auf Ihrer Arztrechnung steht? Kein Problem – lassen Sie es sich einfach im Kundenportal des Gesundheitsversicherers Atupri übersetzen.

Die Welt in Bildern

Weisse Pracht: Schneebedeckte Chalet-Dächer in Bellwald. (18. November 2019)
(Bild: Jean-Christophe Bott) Mehr...