Die Tragödie eines Technikers

BND und CIA wurden 1994 als Crypto­-Eigentümer um ein Haar entlarvt. Der Schweizer Ingenieur Hans Bühler wurde zum unbequemen Zeugen.

Im Fokus der Medien: Hans Bühler nach seiner Rückkehr aus dem Iran am Flughafen Zürich (Januar 1993). Foto: Keystone

Im Fokus der Medien: Hans Bühler nach seiner Rückkehr aus dem Iran am Flughafen Zürich (Januar 1993). Foto: Keystone

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Ein Vierteljahrhundert hat Hans Bühler um Klarheit in seinem Fall gekämpft. Vor eineinhalb Jahren verstarb der Verkaufs­ingenieur aus Zürich-Oerlikon nach kurzer, schwerer Krankheit. Es gehört zur Tragik seiner Biografie, dass er die letzte Gewissheit in seinem Fall nicht mehr erfahren hat. Im März 1992 war er in Teheran verhaftet worden, als er für die Zuger Firma Crypto AG im Iran unterwegs war, um der Führung von Armee und Polizei hochwertige Schweizer Chiffriertechnologie zu verkaufen. Mit deren Hilfe konnten geheime Nachrichten via Fax oder Telefon vermeintlich sicher übermittelt werden.

Bühler war Hobbyfunker und Weltreisender aus Leidenschaft. Laut CIA lag er mit seinen Umsatzzahlen im obersten Zehntel aller Crypto-Verkäufer. Das hatte mit seinem Redetalent als Verkäufer zu tun, seiner Verbindlichkeit gegenüber den Kunden, aber auch mit dem Bedarf des Iran nach Chiffriertechnologie. Schon unter der Herrschaft des Schahs gehörten Persiens Armee und Geheimdienst zu den guten Kunden in Zug, unter Khomeini wurde die Geschäftsbeziehung weitergeführt.

Streit um das Lösegeld

Es war nicht die erste Verkaufstour Bühlers im Iran, er war oft dort und sprach sogar ein paar Worte Farsi. Der Iran hätte weder bei den USA noch bei den Russen sensitives Kriegs- und Polizeimaterial bestellt, die Armee- und Polizeiführung dieses blockfreien Staates setzte auf Schweizer Technologie. Was Bühler nicht ahnte: Seit ein paar Monaten misstraute der Iran aber auch den Chiffriergeräten aus Zug. Sieben Monate zuvor war der führende Oppositionelle Shapour Bakhtiar von zwei iranischen Agenten in Paris ermordet morden. Die westlichen Nachrichtendienste konnten die Beteiligung des Iran am Auftragsmord aus der Kommunikation mit den Agenten entschlüsseln. Auch ein Mitarbeiter der iranischen Botschaft in Bern, ein Grossneffe des damaligen Staatspräsidenten Ali Akbar Rafsanjani, war daran beteiligt und wurde verhaftet.

Mit Bühlers Verhaftung wollte der Iran mehr über die Zusammenhänge dieser Verhaftung erfahren und hielt ausserdem eine Schweizer Geisel, um die Abschiebung ihres prominenten Gefangenen nach Frankreich zu verhindern. Der Schweizer verbrachte in der Folge neuneinhalb Monate in iranischer Haft, einen Grossteil davon in einem Militärgefängnis nahe Teheran. Bühler wurde isoliert und psychisch gefoltert, einmal stoppte der Staatsanwalt das Verhör erst, als der Schweizer schon auf ein Streckbett gefesselt war.

Die offizielle Schweiz liess sich von Bühlers Verhaftung nicht beeindrucken und lieferte den iranischen Botschaftsmitarbeiter Ende Juni nach Frankreich aus. Bühler wusste offenkundig nichts vom geheimdienstlichen Hintergrund seiner Firma, er nannte in den Verhören bloss ein paar Namen auf Kundenseite, die Provisionen und Ausbildungszuschüsse erhalten hatten. Nach drei Monaten hätte er freikommen können, seine Firma oder die Schweiz hätten dafür aber 1,5 Millionen Dollar Lösegeld zahlen müssen.

Jetzt begann der Streit zwischen der CIA und dem deutschen Bundesnachrichtendienst (BND). Die USA und Deutschland hatten in solchen Fällen unterschiedliche Regeln. Das amerikanische Recht verbot die Zahlung von Lösegeld, Deutschland ging damit pragmatischer um. Die Crypto verfügte über wenig Reserven, seit sich die Geschäfte ab 1987 deutlich verschlechtert hatten. Die Zuger Firma baute bis 1993 hundert Stellen ab, weil zahlreiche Abnehmerländer unter der Schuldenkrise litten.

Hauptsitz der Crypto AG im Kanton Zug (1993). Foto: Keystone

Die Frage der Lösegeldzahlung wurde zur grössten Belastungsprobe im Gemeinschaftsprojekt, das die CIA «Minerva» nannten. Der US-­Geheimdienst fürchtete, dass selbst eine verdeckte Zahlung Spuren hinterlassen würde. Der BND scheute zu grosses Aufsehen, wenn der Schweizer lange im iranischen Militärgefängnis verblieb. Nach neun Monaten drohte Bühler psychisch zusammenzubrechen, seine Lebenspartnerin in Zürich setzte alles in Bewegung, um Firma und EDA zu einer Regelung mit den Iranern zu drängen. Schliesslich bezahlte der BND das Lösegeld, ohne die CIA zu informieren. Die Überweisung lief über die Schweiz, das Lösegeld hiess inzwischen «Kaution».

«Kastrierte Technologie»

Nach seiner Rückkehr in die Schweiz erwies sich Bühler als dauerhaftes Risiko für das Projekt «Minerva». Er war durch die Haft, die tagelangen Verhöre und die psychische Folter traumatisiert und ausserdem überzeugt, dass ihn die Firma schon nach drei Monaten hätte freibekommen können. Tag und Nacht ging er den Gründen seiner Verhaftung nach, rief Beiräte, Verwaltungsräte und immer wieder die Geschäftsleitung an, sprach mit Medien, Behörden und ehemaligen Mitarbeitern. Ein 1977 entlassener Vizedirektor der Firma berichtete ihm von manipulierten Geräten und seiner Bevormundung durch amerikanische und deutsche Kryptologen, der Kollege im osteuropäischen Markt vom Misstrauen der jugoslawischen Armeeführung, ein Laborant sprach von «kastrierter Technologie», und ein Mitglied des Beirates machte Andeutungen über einen verdeckten deutschen Eigentümer.

Reporter befragen den Ingenieur nach der Haft im Iran: Hans Bühler am Flughafen Zürich Anfang Januar 1993. Foto: Keystone

CIA und BND gaben dem Fall Bühler bezeichnenderweise den Decknamen «Hydra». Dem Schlangenmonster aus der griechischen Mythologie wuchsen jeweils zwei Köpfe nach, wenn ihm einer abgeschlagen wurde. Und so war es: Jeder Versuch des deutschen Firmenchefs Michael Grupe, Bühler mit einer Abfindung, der Beschäftigung im Innendienst, einer Übernahme von Kosten seiner psychiatrischen Begleitung und eines finanzierten Outsourcings zum Schweigen zu bringen, konnte die Lage nur zeitweilig beruhigen. Bühlers Drang, über seinen Fall zu reden, war stärker, auch Klagedrohungen schreckten ihn nicht ab. Nach einem Beitrag 1995 in der «Baltimore Sun» erwirkte die Firma eine superprovisorische Verfügung. Aber jetzt musste sie klagen, es drohte ein öffentlicher Gerichtsprozess mit Vorladung von Zeugen. Die CIA empfahl diesen Weg, weil man Bühler in einem jahrelangen Gerichtsverfahren zu zermürben hoffte. Nach einem Ultimatum liess sich Bühler zum Stillschweigen verpflichten – ihm drohte fortan eine Konventionalstrafe von 100'000 Franken für jeden Bruch.

«Es war ein sehr enger Ausgang», ist im CIA-Bericht zum Abschluss der Hydra-Affäre vermerkt. Die Vereinbarung verhinderte die drohende Ausweitung des Falls, was das Ende der verdeckten Geschäftstätigkeit der Firma bedeutet hätte. Zahlreiche Kunden, speziell Indonesien und Ägypten, stellten Crypto-Vertretern im Aussendienst unangenehme Fragen, andere wie Italien waren stets skeptisch.

Der BND steigt aus

Die Hydra-Affäre führte 1993 zum Ausstieg des BND aus dem Gemeinschaftsprojekt. Der Bundesnachrichtendienst war verärgert, dass sich die CIA auch nachträglich nicht am Lösegeld beteiligte. Es war ausserdem absehbar, dass die Zuger Firma neues Geld benötigte, während sie zuvor zeitweilig Geld für die Geheimdienste abgeworfen hatte. Und jede Zahlung würde neue Spuren hinterlassen. Der BND war ausserdem nicht damit einverstanden, dass die Amerikaner ihre Erfolge bei der Entschlüsselung umgehend öffentlich machten.

Der Fall beschäftigte Hans Bühler bis an sein Lebensende. Statt heimzukehren in sein Haus in Zürich-Oerlikon mit der Hobbyfunkzentrale im Dachstock, hatte er neun Monate in einem Teheraner Militärgefängnis geschmort, geplagt mittels Verhörtechniken, die darauf angelegt sind, einen Menschen zu brechen. Statt beim Musikvortrag an der Maturafeier der Tochter seiner Lebenspartnerin dabei zu sein, hörte er die Schreie der gefolterten Mitgefangenen. «Wir vermissen dich», sagte die Tochter an der Trauerfeier im Seebacher Friedhof im August 2018. Auch die Zeitgeschichte wird ihn nicht vergessen, als unermüdlichen Kämpfer für die Wahrheit.

Res Strehle: Verschlüsselt – Der Fall Hans Bühler. Werd-Verlag, 200 S., 1994; Neuauflage als E-­Book 2020.

Erstellt: 12.02.2020, 21:51 Uhr

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