Die Überzeugte

Mit 27 Jahren leitet Laura Curau bereits die zehnte Abstimmungskampagne für die CVP. Sie verkörpert die Partei idealtypisch.

«In der Mitte sind die Stimmbürger nicht von Anfang an überzeugt», sagt Laura Curau. Foto: Franziska Rothenbühler

«In der Mitte sind die Stimmbürger nicht von Anfang an überzeugt», sagt Laura Curau. Foto: Franziska Rothenbühler

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Laura Curau hat eigentlich eine einfache Aufgabe. Sie leitet die Kampagnen für jenes politische Lager, das am meisten Abstimmungen gewinnt. Ihre Partei, die CVP, vertritt häufig den Kompromiss, den das Parlament in jahrelangem Ringen gefunden hat. Oder sie verteidigt die Haltung der gemässigten Kräfte, wenn eine «extreme» Initiative von links oder rechts an die Urne kommt.

Eine einfache Aufgabe? Die 27-Jährige lacht. Ein tiefes, raues Lachen, die Locken wippen dabei, die Augen funkeln angriffslustig. Genau diese Mitte-Position mache ihre Aufgabe doch zu einer Herausforderung, entgegnet sie. Denn im Unterschied zu ihren Gegnern dürfe sie nicht polemisieren – das funktioniere bei ihrer Zielgruppe nicht. «In der Mitte sind die Stimmbürger nicht von Anfang an überzeugt; sie hören sich beide Seiten an, wägen ab. Unsere Botschaften müssen deshalb sachlich erklärend sein.» Gleichzeitig reiche die Mitte nicht: Für eine Mehrheit müsse sie auch Stimmen an den Polen gewinnen – eine Gratwanderung, sagt die Thurgauerin. Das merke man den CVP-Kampagnen an, kritisieren Kampagnenleiter anderer Parteien hinter vorgehaltener Hand: Sie seien zwar solid, aber weder kreativ noch innovativ.

Wie verläuft die Debatte?

Im Moment orchestriert Curau von ihrem kleinen Büro hoch über dem Berner Hirschengraben aus die bürgerliche Ja-Kampagne zur Rentenreform, der wichtigsten sozialpolitischen Vorlage der letzten Jahre. Sie lässt in den sozialen Medien bekannte und weniger bekannte Frauen dafür werben, sie lässt Plakate mit dem simplen Slogan «Renten sichern» drucken, und sie lässt Parlamentarier an Podien auftreten. «Allein wäre das alles aber nicht möglich. Ich bin täglich in Kontakt mit den Kampagnenverantwortlichen der Verbände und der anderen Komitees», sagt sie.

Doch es ist nicht die sorgfältige Planung, von der die Befürworter in diesem Abstimmungskampf profitieren. Sondern die unvorhersehbare Dynamik. Ihre Gegner hatten einen Fehlstart: FDP-Präsidentin Petra Gössi erzürnte gleich zum Auftakt die Auslandschweizer, als sie die Rentenauszahlungen ins Ausland anprangerte. Das Ja-Lager hingegen hat mit den Alt-Bundesrätinnen Eveline Widmer-Schlumpf (BDP) und Ruth Dreifuss (SP) zwei gewichtige Fürsprecherinnen gewonnen.

Curau könnte nun jubeln: Unbezahlbar, diese Alt-Bundesrätinnen! Und die ungeschickte FDP-Präsidentin erst! Doch dazu hat sie zu viel Respekt – vor der unvorhersehbaren Dynamik. Für sie bleibe die grösste Herausforderung in einer Kampagne, den Verlauf der öffentlichen Diskussion zu erahnen, sagt sie.

Wenn die energische Thurgauerin über politische Kampagnen spricht, klingt sie tausendfach erprobt. Dabei ist sie erst seit zweieinhalb Jahren auf dem CVP-Generalsekretariat und hat zehn überparteiliche Komitees betreut. In der Parteizentrale in Bern hatte Curau bereits während ihres Studiums in Unternehmenskommunikation ein Praktikum absolviert. Dass sie mit 25 Jahren Kampagnenleiterin wurde, ist aber kein Zufall. Es ist vielmehr die selbstverständliche Fortsetzung eines parteipolitischen Gestaltungswillens, der die ganze Familie Curau zu Hause im beschaulichen Weinfelden prägt. Grosseltern, Vater, Mutter und Bruder hatten und haben allesamt politische Ämter. Verwurzelt sind die Curaus in der CSP, deshalb identifiziert sich Laura Curau mit dem christlich-sozialen Flügel der CVP. Eine Haltung, die bei der Initiative gegen die Heiratsstrafe mit ihrer Rolle als Kampagnenleiterin kollidierte. «Da musste ich mir überlegen: Kann ich ein Anliegen vertreten, das die Ehe als Institution zwischen Mann und Frau definiert?» Das Dilemma habe sie gelöst, als sie festgestellt habe, «dass es der Partei nicht um diesen Satz, sondern um die Abschaffung einer Steuerungerechtigkeit ging». Das sei in der Kampagne auch so dargestellt worden. In der Aussenwahrnehmung half das aber nicht: Im Abstimmungskampf musste ausgerechnet sie, die gesellschaftspolitisch Liberale, mit der Kritik von Homosexuellen leben.

Die Bedeutung des C in CVP

Trotz dieser Differenz verkörpert Curau die CVP geradezu idealtypisch – auch das C im Namen. Gospelchor-Sängerin, Ministrantin, Sozialhelferin mit einer kirchlichen Jugendgruppe in Rumänien: Die engagierte junge Frau ist katholisch aufgewachsen. «Ich glaube an Gott und lebe Spiritualität», sagt sie. Vielleicht erklärt diese soziale Ader, weshalb in der Partei und ausserhalb kaum Kritik an ihrer Person zu vernehmen ist. Und wenn, dann lautet sie immer gleich: Curau äussere sich in den sozialen Medien zu pointiert, nehme sich als Kampagnenleiterin zu wenig zurück, wirke manchmal verbissen und besserwisserisch, heisst es. «Das passt recht gut. Ich bin überzeugend und dossierfest. Wenn diese Stärken zu sehr in den Vordergrund treten, kann das verbissen und besserwisserisch herüberkommen», sagt sie und lacht ihr tiefes, raues Lachen.

Alles weiss sie freilich nicht besser. Geht es um die Zukunftsperspektive ihrer Partei, die zwar Abstimmung um Abstimmung gewinnt, aber Wahl um Wahl verliert; um die Frage also, wie sich der Abwärtstrend der CVP aufhalten lässt, wird Laura Curau nachdenklich. Überlegt lange. Und sagt schliesslich: «Ich weiss es leider nicht.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.09.2017, 22:18 Uhr

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