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Die Unbesiegbaren

In der Schweiz können zwei Personen den Ausgang einer Abstimmung beeinflussen: Eveline Widmer-Schlumpf und Doris Leuthard. Glaubt man.

Janine Hosp
Ausnahmetalente: Eveline Widmer-Schlumpf und Doris Leuthard (2010). Foto: Reuters
Ausnahmetalente: Eveline Widmer-Schlumpf und Doris Leuthard (2010). Foto: Reuters

Sie hat es wieder getan. Wieder hat sie sich in den Abstimmungskampf um eine höchst umstrittene Vorlage eingeschaltet. Und wieder exakt drei Wochen vor dem Urnengang – dann, wenn die Stimmberechtigten ihr Abstimmungscouvert erhalten haben. Der einzige Unterschied: Alt-Bundesrätin Widmer-Schlumpf (BDP) hat dieses Mal im Interview mit der «SonntagsZeitung» ein Ja zu Altersreform empfohlen; im Februar war es ein Nein zur Unternehmenssteuerreform III. Diese wurde mit 59,1 Prozent überraschend deutlich abgelehnt. Seither geniesst Widmer-Schlumpf den Nimbus der Unbesiegbaren, sie gilt als Person, die den Ausgang einer Abstimmung entscheiden kann. Ohne Geld, ohne gross angelegte Kampagne. Alleine kraft ihrer selbst.

Neben Widmer-Schlumpf gibt es heute nur eine Person in der Schweizer Politik, der die Stimmberechtigten so bereitwillig folgen: Bundesrätin Doris Leuthard (CVP). Die populäre Magistratin weist die beste Abstimmungsbilanz aller amtierenden Bundesräte aus – nur zwei von 15 Abstimmungen hat sie verloren, jene zur Zweitwohnungsinitiative und zu teureren Autobahnvignetten.

Sie berühren die Seele der Leute

Wie machen sie das? «Sie sind Ausnahmetalente», sagt Politikberater Mark Balsiger. Sie seien klug, fleissig, verlässlich, bodenständig – Attribute, die in der Schweiz nach wie vor geschätzt würden. Sie seien auch gute Kommunikatorinnen, könnten eine Stimmung intuitiv erfassen und so ein Geschäft von A bis Z prägen. Und: Sie berühren die Seele der Leute. «Das kann man nicht lernen.»Bei Widmer-Schlumpf spielt auch ihre Geschichte hinein: Als wilde Kandidatin drängte sie Christoph Blocher 2007 aus dem Bundesrat und wurde symbolisch zu dessen Bezwingerin. Von der SVP wurde sie darauf heftig attackiert. Mit dem Resultat, dass sich grosse Teile der Bevölkerung mit ihr solidarisierten und sie zur Schweizerin des Jahres wählten.

Ist es Zufall, dass sie beide Frauen sind? «Bei Widmer-Schlumpf und bei Leuthard wird ihr Machtbewusstsein nicht spürbar», sagt Mark Balsiger. In der Öffentlichkeit würde vielmehr ihr Engagement für das Gemeinwohl wahrgenommen.Bis man auf Bundesräte stösst, die eine ähnliche Strahlkraft entwickelten, muss man in der Liste im Internet weit nach unten scrollen – vielleicht bis zu Otto Stich und Willi Ritschard. Adolf Ogi ist zwar ein Charismatiker, meldet sich aber so regelmässig zu Wort, dass seine Voten nicht mehr viel Beachtung finden. Christoph Blocher: polarisiert zu stark. Micheline Calmy-Rey: ebenso. Ruth Dreifuss: zu rot. Kaspar Villiger: zu grau.

Dass Widmer-Schlumpf den Ausgang der Abstimmung zur Unternehmenssteuer massgeblich beeinflusst hat, darauf weist die Nachbefragung der Tamedia hin: 31 Prozent der Nein-Stimmenden sagten, die Alt-Bundesrätin sei für sie die überzeugendste Akteurin gewesen. «Widmer-Schlumpf hat gut und gerne 4 bis 5 Prozentpunkte zum Ergebnis beigetragen», sagt Politologe Michael Hermann. Als ehemalige Finanzministerin kannte sie die komplexe Vorlage so gut wie sonst kaum jemand. Und sie war glaubwürdig, weil sie als Bürgerliche die Stimme gegen die Phalanx von Wirtschaft und bürgerlichen Parteien erhob – selbst gegen ihre eigene.

Auch bei der Altersvorsorge erscheint die heutige Pro-Senectute-Präsidentin kompetent: Im Interview sagt sie etwa, noch als Finanzministerin habe sie ausrechnen lassen, wie viel Geld heute von der Arbeitstätigen zu den Pensionierten über die zweite Säule umverteilt werde. Und warnt: Die Reform sichere die Renten für mehr als zehn Jahre. «Wer diesen Schritt verhindern will, riskiert, unsere Vorsorgewerke an die Wand zu fahren.»

Auch sie können nicht zaubern

Nach Hermanns Einschätzung kann eine einzelne Person nur unter drei Bedingungen eine Abstimmung massgeblich beeinflussen: Sie muss bekannt und glaubwürdig sein. Sie muss sich gegen ihre politische Peergruppe engagieren. Und es muss sich um eine komplexe Vorlage handeln, bei der sich überforderte Stimmende statt an der Sache an einer Person orientieren.

Aber auch Widmer-Schlumpf und Leuthard könnten nicht zaubern, merkt Hermann an: «Die Vorlage selber spielt eine grössere Rolle als die Person.» Viele Vorlagen aus Leuthards Departement stiessen auf grosses Wohlwollen, weil Schweizer gerne bereit seien, Geld für die Infrastruktur auszugeben. Ungleich schwieriger ist es für Simonetta Sommaruga (SP), die sich oft mit Migrationsthemen konfrontiert sieht.Nach dem Auftritt Widmer-Schlumpfs am Sonntag glauben nun viele, dass sich die Geschichte wiederholt und die Stimmenden ihr auch am 24. September folgen. Nach Ansicht Hermanns sind die Chancen intakt, dass die Vorlage angenommen wird – aber nicht wegen Widmer-Schlumpf. In diesem Wahlkampf werde sie nur noch ein Stein im Mosaik sein. Sie kämpfe zwar immer noch gegen die Bürgerlichen, aber eben nicht mehr gegen die eigene Partei.

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