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Die unlenkbare «Wunderwaffe» der SVP

Die Aargauerin Karin Bertschi politisiert rechts und hilft Flüchtlingen.

«Müll-Prinzessin» wird Karin Bertschi, die ein Recyclingunternehmen führt, genannt. Foto: PD
«Müll-Prinzessin» wird Karin Bertschi, die ein Recyclingunternehmen führt, genannt. Foto: PD

Zunächst tönt alles vertraut: SVP-Politikerin, jung, attraktiv, hoffnungsvoll, wird beim Gesetzesbruch erwischt. Karin Bertschi ist eine politische Senkrechtstarterin – und vorbestraft, wie die «Aargauer Zeitung» diese Woche berichtete.

Doch Bertschi unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von all den übermotivierten und leicht naiven Kolleginnen, die immer wieder aus den Reihen der SVP erwachsen.

Vorbildlicher Umgang mit eigenen Fehlern

«Müll-Prinzessin» wird die 26-Jährige genannt. Denn Bertschi führt ein Recyclingunternehmen mit zwei Filialen und rund zehn Angestellten, ein Baugesuch für eine neue Filiale liegt ab Montag auf. Bertschi hat also schon gezeigt, dass sie etwas kann. Sie hat auch gezeigt, dass sie ihren eigenen Kopf hat: Seit einem Jahr beschäftigt die SVP-Politikerin nämlich Flüchtlinge in ihrem Betrieb. Wenn sie schon mal da seien, müsse man sie integrieren, ist sie überzeugt.

Die Schöne und der Müll: Wie die damals 22-jährige Karin Bertschi die Reinacher Abfallentsorgungsstelle in ein Erlebnisparadies verwandelte. (Video: Chantal Hebeisen, Redaktion Tamedia 29.01.2013)

Auch ihr Vergehen fällt aus dem Rahmen – es ist keine der üblichen Blaufahrten. Im Jahr 2014 war sie bei einem Ehrverletzungsfall, der eine Verwandte betraf, als Zeugin vorgeladen. Als sie auf dem Polizeiposten einvernommen wurde, gab sie an, sie kenne die Person nicht, von der sie ihre Information hatte, um ihre Verwandte zu schützen – sie hatte es der Verwandten versprochen. Später korrigierte sie ihre Aussage und wurde gebüsst. Ihr Vorgehen war vielleicht naiv, dafür ist ihre Fehlerkultur vorbildlich. Sie habe einen Fehler gemacht, sagte sie der «Aargauer Zeitung», trage nun die Konsequenzen und habe ihre Lehren gezogen. So macht man das.

Sie bleibt stur und kommt damit durch

Vergangenen Herbst war Bertschi mit einem Glanzresultat in den Aargauer Grossen Rat gewählt worden – ohne dass ihre Wähler etwas von dieser Affäre wussten. Ob es ihr gross geschadet hätte, darf man dennoch bezweifeln. Es spricht viel für die junge Frau mit dem ansteckenden Lachen. Bertschi hat unternehmerische Ideen mit einem sozialen Dreh: Ihre Recyclinganlagen sind so konzipiert, dass man seinen Müll sauber und trocken, auch in Stöckelschuhen und in Begleitung von Kindern entsorgen kann. Mehr als zwei Drittel ihrer Angestellten sind Frauen, sie packt im Betrieb selber mit an, engagiert sich in der Freiwilligenarbeit, spielt Kirchenorgel und hat die RS gemacht, bevor sie den elterlichen Betrieb übernahm und ausbaute. Zudem beschäftigt sie Behinderte und Flüchtlinge – nicht unbedingt das politische Profil, das man von einer «SVP-Wunderwaffe» («Blick am Abend») erwarten würde.

Warum politisiert sie denn trotzdem für eine Partei, die ihre Bürger mit Burkaplakaten schreckt? In den grossen Linien, der EU-Frage oder der Steuerung der Zuwanderung, stimme sie mit der SVP überein, sagt sie. Sie sei zwar exponiert, aber es gebe in der SVP durchaus Platz für «eigene Köpfe» wie sie. Als der Parteichef sie wegen ihres Engagements zurückpfeifen wollte, blieb sie stur – und kam damit durch. Der SVP können solche Parteimitglieder nur guttun.

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