Die verlassene Mutter

Katy erlitt das Schicksal eines Scheidungsvaters: Trotz gemeinsamem Sorgerecht warf sie der Ex aus dem Haus und wanderte später mit den Kindern aus.

Talfahrt: Der vierjährige Jay auf einem Ausflug mit der Mutter. Foto: Katy M.

Talfahrt: Der vierjährige Jay auf einem Ausflug mit der Mutter. Foto: Katy M.

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Der Tag, an dem Katys Kinder verschwanden, liegt in ihrer Erinnerung wie im Nebel (Namen und Orte geändert). Es war Januar 2015, die dunkelste Zeit des Jahres. Die dunkelste Zeit auch in Katys Leben. Nur mit Mühe bringt die vierfache Mutter die Daten zusammen. Im Dezember 2014 hatte das Bezirksgericht einer Aargauer Gemeinde ihren Ex-Mann Thomas dazu berechtigt, mit ihren drei gemeinsamen Kindern nach Oman überzusiedeln. Und im Januar waren sie plötzlich weg. Katy war nicht über den Zeitpunkt ihres Abflugs informiert worden, hatte keine Möglichkeit, sich zu verabschieden. Sie erfuhr davon, weil Verwandte aus den USA sich erkundigten, ob ihre Kinder in Oman seien. Wie so oft zuvor griff Katy zum Telefon, versuchte anzurufen, schrieb SMS. Wie so oft zuvor vergeblich.

Katy ist Amerikanerin asiatischer Herkunft, eine zierliche Person mit dunklen Augen. Sie erzählen vom Schmerz einer Mutter, die ihre Kinder verloren hat. Und damit alles, wofür sie die letzten sechzehn Jahre gelebt hat. Es ist das Schicksal der sogenannten Scheidungsväter: unfreiwillig von ihren Kindern getrennt, von den Müttern ausgespielt, finanziell gebeutelt, ohne rechtliche Handhabe, diese Situation zu ändern. Oliver Hunziker vom Verein für elterliche Verantwortung kennt die Geschichte: «Wir hören das immer wieder. Aber in neun von zehn Fällen sind Väter betroffen.» Nur dass Scheidungsväter in der Regel noch einen Job und damit eine Bestätigung für ihr männliches Selbstbild haben. Katys Job aber war ihre Familie.

Sie war unvorsichtig, ja naiv

Seit dem 1. Juli 2014 wird in der Schweiz getrennten oder geschiedenen Eltern das gemeinsame Sorgerecht zugesprochen. Die Eltern sollen in sämtlichen Fragen der elterlichen Sorge gemeinsam entscheiden. Damit will man verhindern, dass ein Elternteil dem andern die Kinder durch einen Ortswechsel entziehen kann. Im Streitfall muss eine Behörde entscheiden, wobei die Interessen der Kinder den Ausschlag geben sollen. So sieht es das Gesetz vor. Doch in der Praxis gibt es selten Gerechtigkeit, und richtungsweisende Urteile höherer Gerichtsbarkeiten stehen noch aus. Sie sei unvorsichtig gewesen, sagt Katy, naiv. Sie hätte sich wehren sollen, aber als sie endlich realisierte, dass sie kämpfen musste, hatte sie keine Kraft mehr dazu.

Die Liebesgeschichte von Thomas und Katy beginnt in Florida. Sie ist Studentin und kellnert nebenher in einem Café. Er, Schweiz-Italiener in Ausbildung, findet Gefallen an der quirligen und hübschen Katy und kommt immer wieder. Sie verlieben sich, ziehen zusammen, Katys zweijährige Tochter aus erster Ehe ist auch dabei. 1998 heiraten sie und übersiedeln in die Schweiz, nur zu zweit zunächst, später holt Katy ihre Tochter nach. Thomas arbeitet als Ingenieur, sie ist Stewardess, bald wird sie schwanger und gibt den Job auf. 2002 bekommen sie eine erste gemeinsame Tochter, ein Jahr später eine zweite. Die mittlerweile fünfköpfige Familie braucht Platz, also ziehen sie in sein Elternhaus im Aargau. 2010 folgt noch ein drittes gemeinsames Kind, Sohn Jay.

Loslassen wider Willen: Weitere Erinnerungsfotos der Mutter auf unserem Fotoblog.

Es ist eine gute Ehe, glaubt Katy, nicht ohne Probleme, aber so ist das doch in der Ehe. Er ist engagiert im Beruf, ein liebevoller Vater. Sie kocht, putzt, fährt die Kinder zu ihren Geigen- und Schwimmstunden. Und dann bricht auf einmal alles auseinander. Sie habe es nicht kommen sehen, sagt Katy und findet sich damit erneut in der Rolle eines Scheidungsvaters. 80 Prozent aller Scheidungen würden von der Frau eingereicht, sagt Oliver Hunziker. «Es ist der Klassiker: Sie eröffnet ihm am Sonntagabend, dass sie die Scheidung will. Er fällt aus allen Wolken, ist geschockt, verzweifelt, wütend. Und während er in seinen Gefühlen Ordnung zu schaffen versucht, hat sie bereits alles organisiert und ist ihm Monate voraus.» Wenn man zwischen Hoffnung und Verzweiflung schwankt, ist es schwierig, rational zu handeln. Aber wer das versäumt, den strafen die Gerichte.

Die Ehe zerbricht an dem Tag, als er mittags nach Hause kommt und die Kinder zu McDonald’s ausführen will. Katy hat bereits gekocht, der Tisch ist gedeckt, sie fühlt sich übergangen, wird wütend, der Streit eskaliert. Er sagt, er wolle die Scheidung. Sie gibt zurück: «Du willst die Scheidung? Du kannst sie haben.» Sie kauft sich ein Ticket nach New York, um ihre Schwester zu besuchen. Bevor sie das Haus verlässt, verlangt Thomas ihren Schlüssel, in der Wut lässt sie ihn da. Am selben Abend noch bereut sie alles, bittet Thomas um Versöhnung, sagt, sie wolle das alles nicht. Er beruhigt sie, eine Auszeit könne ihnen beiden nur guttun.

Gemeinsame Freunde von Thomas beschreiben ihn als netten Typen, witzig, guten Vater. Er habe immer ruhig gewirkt, und die Ehe sei ihnen nicht zerrüttet vorgekommen. Für alle kam überraschend, was im Herbst 2011 passierte. Nur nicht für Thomas, den Ingenieur im militärischen Rang eines Offiziers, darin geschult, Operationen sauber und zielgerichtet durchzuführen. Auf Anfrage verzichtete Thomas darauf, seine Sicht der Dinge ausführlich darzulegen. Schriftlich teilt er mit, Katy habe vor ihrer USA-Reise eine Vereinbarung unterzeichnet, in der sie sich einverstanden erklärt habe, ihm die Kinder zu überlassen. Sie bestätigt, dass sie im emotionalen Aufruhr und unter Druck ein Papier unterschrieb, aber nach ihrer Rückkehr um Versöhnung bat, auch keine Scheidung wollte. Der strittigste Punkt war denn auch nicht die Obhut, sondern der Umzug nach Oman.

Ein verheerender Fehler

Nach zwei Wochen steht Thomas am Gate in Zürich-Kloten. Aber anstatt Katy nach Hause zu bringen, fährt er sie zu einer Freundin. Er wolle nicht, dass sie nach Hause zurückkomme, erklärt er ihr, er hat sich mittlerweile anders organisiert. Die Schwiegereltern lebten wieder bei ihnen, so sei es besser für alle. Und Katy fügt sich. Ein verheerender Fehler, sagt Hunziker: «Oft tun Partner im ersten Schock, was der andere will, ziehen etwa aus der Wohnung aus, in der Meinung, sie könnten die Situation so entspannen.» Doch vor Gericht heisst es dann, man habe die Familie verlassen. Auch Katy hofft auf eine gütliche Regelung, bittet gemeinsame Freunde um Vermittlung. Vergeblich. Sie raten Katy dringend, sich einen Anwalt zu nehmen, und der sagt ihr als Erstes, dass sie sofort nach Hause zurückmüsse. Sein Anwalt werde es sonst so darstellen, als habe sie die Familie verlassen.

Katy versucht wieder ins Haus zurückzukommen, und ihr Schwiegervater erbarmt sich und lässt sie rein. Doch im Dezember 2011 verfügt das Gericht, dass sie aus der gemeinsamen Wohnung ausgewiesen wird. Thomas hat sein Pensum reduziert, eine Haushälterin angestellt, und die Schwiegereltern kümmern sich um die Enkelkinder. Er kauft sogar einen Hund. Katy kann ihre Kinder jedes zweite Wochenende sehen. Doch wenn sie sie zu Hause abholen will, öffnet niemand die Tür, und die Schwiegereltern ziehen die Vorhänge zu. Stattdessen bringt Thomas die Kinder zum Bahnhof. Die Wochenenden verbringen sie in Katys neuer, enger Wohnung. Katy merkt, dass die Mädchen ihr die Schuld für die Scheidung geben. Nur der zweijährige Jay vermisst seine Mama schrecklich.

Die Situation setzt Katy psychisch sehr zu. Ihre Versuche, mit Thomas zu sprechen, blockt er ab. Dann bittet er sie um ein Treffen. Er legt ein vorbereitetes Papier auf den Tisch, will ihr 100 000 Franken geben, wenn sie alle Ansprüche auf die Kinder aufgibt. Sie lehnt ab. Erst jetzt wird Katy klar, dass sie um die Kinder kämpfen muss. Im März 2012 beginnen die Scheidungsverhandlungen. Trotz seiner Proteste erhalten sie das gemeinsame Sorgerecht. Allerdings überlässt sie ihm die Obhut über die Kinder, denn sie glaubt, dass er ihnen ein besseres Leben bieten kann.

Das bittere Ende

Im Frühjahr 2014 werden die beiden offiziell geschieden. Im Sommer informiert Thomas Katy darüber, dass er seinen Job verlieren könnte. Später lässt er sie wissen, ihm sei gekündigt worden und er wolle eine neue Stelle antreten. In Oman. Und dass sie besser einwillige, denn er werde sich ohnehin durchsetzen. Mitte September hat sie einen Nervenzusammenbruch, kommt in die Klinik. Thomas bereitet in der Zwischenzeit die Übersiedlung nach Oman und den anstehenden Prozess vor.

Im Dezember 2014 sehen sie sich vor Gericht wieder. Es geht um den strittigsten Punkt im neuen Scheidungsrecht, nämlich den sogenannten Zügelartikel. Will ein Elternteil ins Ausland übersiedeln, darf er das nur mit der Zustimmung des anderen. Im Streitfall muss ein Gericht entscheiden – gemäss dem Wohl der Kinder. Laut den Gerichtsakten sagten die Mädchen aus, wenn sie bei der Mutter seien, machten sie sich Sorgen um den Vater. Das Gericht hält fest, sie stünden offensichtlich «in einem starken Loyalitätskonflikt». Darüber schüttelt Oliver Hunziker nur den Kopf: «Hier von einem Loyalitätskonflikt zu sprechen, ist ein Hohn. Wenn die Kinder von der einen Person abhängig sind und nur ihre Version der Trennung hören, übernehmen sie natürlich deren Sicht.»

Nur der mittlerweile vierjährige Jay will nicht weg von seiner Mama. Doch das Gericht befindet, es sei in seinem besten Interesse, bei den Geschwistern zu bleiben. In schönstem Juristendeutsch hält das Gericht fest: «Durch den Wegzug ins ferne Ausland wird der Kontakt der Gesuchsgegnerin zu ihren Kindern selbstredend deutlich erschwert, wodurch aber keine generelle Kindswohlschädlichkeit des Auslandwegzuges anzunehmen ist.»

Dezember 2014. Katy hat zehn Tage Zeit, den Beschluss anzufechten. Es gibt in dieser Frage noch keinen Entscheid eines höheren Gerichts, und es bestehen reelle Chancen, dass ein höheres Gericht anders urteilen wird. Doch Katy ist erschöpft. Freunde sind besorgt um sie, wissen, dass sie nicht aufgeben darf, wenn sie ihre Kinder nicht verlieren will. Doch sie hat weder die Kraft noch das Geld, den Rechtsstreit weiterzuziehen. Ausserdem hat Thomas vor Gericht versprochen, die Mutter könne die Kinder per Skype sprechen und er könne günstige Flugtickets für sie besorgen.

Doch im Verlauf des Jahres 2015 zeigt sich, dass auch das nicht klappt. Das Gericht hatte festgehalten, es liege in der Verantwortung des Vaters, dass die Mutter die Kinder sehen könne. Doch Katy fehlt die rechtliche Handhabe, das auch einzufordern.

Es ist November 2015. Katys Kinder besuchen eine internationale Schule in Oman, sie hat sie zuletzt im Juli gesehen. Katy hat ihren Job in der Pflege. Ab Frühling 2016 wird sie, wenn sie mehr als 4500 Franken verdienen sollte, Kinderunterhaltsbeiträge an Thomas zahlen müssen. Auch wenn sie das Geld lieber in einen Flug nach Oman investieren würde. Denn sie vermisst ihre Kinder, jeden Tag. Es ist eine unerträgliche Situation, die Hunziker bestens kennt: «Es ist ähnlich, wie wenn jemand einfach verschwindet. Bei einem Todesfall kann man mit der Situation abschliessen. Aber die Kinder sind ja immer noch da. Viele rutschen dann in die Bitterkeit ab.» Katy hat ihre Kinder verloren und diese ihre Mutter. Und sie kann nichts dagegen tun.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.11.2015, 23:17 Uhr

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