Die verschollenen Geheimakten

Verloren oder vernichtet? Der Bund vermisst «extrem sensitive Akten» zur Schweizer Geheimarmee P 26.

Arbeitsraum in einer unterirdischen Bunkeranlage der Geheimarmee P 26 bei Gstaad: Die Anlage diente als Waffenlager und Ausbildungsstätte. Foto: Keystone

Arbeitsraum in einer unterirdischen Bunkeranlage der Geheimarmee P 26 bei Gstaad: Die Anlage diente als Waffenlager und Ausbildungsstätte. Foto: Keystone

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Die Rede von Ueli Maurer ist nirgends aufgeschrieben, sie ist verschollen, für immer Geheimsache. Er habe sie mündlich gehalten, liess der Bundesrat der WOZ ausrichten, die kürzlich über die wohl seltsamste Museumseröffnung der Schweizer Geschichte geschrieben hat. Medien waren keine geladen Ende November im Bunker «Schweizerhof» in Gstaad, die Besucher mussten ihre Handys in «Sicherheitstaschen» am Eingang abgeben. Das einzige Zeugnis des Akts sind zwei Seiten im «Anzeiger von Saanen» vom 22. Dezember, verfasst vom Museumsleiter Felix Nöthiger selbst.

Ein «rundum gelungener Anlass» sei das gewesen, schreibt Nöthiger über die Eröffnung des «Museums des Widerstands». Ueli Maurer hielt nicht nur eine Rede, sondern ehrte auch den «letzten Widerstandschef der Region 70 Gstaad», Funkinstruktor «Volker» erklärte den 62 Ehrengästen die Chiffriertechnik des «nicht knackbaren One-Time-Pad», und «Urs» demonstrierte das «lautlose Sabotagegewehr G150».

Nach dem gemütlichen Teil wurde das Museum geschlossen. Bis zum Jahr 2041. Die Spione des Nachrichtendiensts dürfen noch rein, ehemalige Mitglieder der P 26 und die nicht genannten Sponsoren. Sonst: niemand. Das Museum zeigt Materialien, Akten und Personenverzeichnisse, die 1991 vom Bundesrat unter eine 50-jährige Schutzfrist gestellt wurden. Diese Frist ist nun teilweise aufgehoben – aber nur für den exklusiven Zirkel, der Eintritt ins Museum erhält.

Die geheime Armee

28 Jahre ist es her, seit die Geheimarmee P 26 enttarnt wurde. Die Geheimnistuerei um die Schweizerinnen und Schweizer, die im Kalten Krieg im Fall einer ­Besetzung durch die Sowjetunion den Widerstand hätten organisieren sollen, hat seither kein Ende gefunden.

Über die Jahre rekrutierte die P 26 rund 400 Kämpfer. Im «Schweizerhof» in Gstaad wurden die Mitglieder militärisch ausgebildet. Das Hauptquartier lag in einem Bauernhof bei Burgdorf, übers Land verteilt lagerte die P 26 in Depots Maschinenpistolen, Panzerabwehrraketen, Sprengstoff, Funk- und Chiffriergeräte sowie kiloweise Gold. Der Widerstand wurde in aller Stille organisiert. Der Gesamtbundesrat und die jeweiligen Chefs des Militärdepartements wurden von der Armeespitze höchstens rudimentär über die geheimen Zellen informiert.

Dann, am 26. Februar 1990, der grosse Knall. Die «Schweizer Illus­trierte» enthüllte, dass es in der Schweiz eine Geheimarmee gebe. Es war einer der grössten Politskandale der Nachkriegsgeschichte. Eine parlamentarische Untersuchungskommission (PUK) kam Ende 1990 zum Schluss, dass die P 26 ohne Rechtsgrundlage operierte und ohne echte politische Kontrolle.

Alles geheim. Auf jeden Fall für jene, die damals nicht mitgemacht haben.

Mehr Spionagefilm war seither in der Schweiz nie mehr. Entsprechend gross ist das Interesse an den ehemaligen Untergrundkämpfern – bis heute. Der «Blick» schleicht regelmässig an Beerdigungen von ehemaligen Mitgliedern der P 26 herum (diese Woche beispielsweise in Luzern), und ein Dokumentarfilm des Westschweizer Fernsehens RTS über das Thema löste im Dezember in der Romandie eine Kontroverse aus.

Auch das historische Interesse an der P 26 ist nach wie vor gross. Im Jahr 2016 stellte ein Forscher beim Bundesarchiv ein Einsichtsgesuch in ein Schlüssel­dokument über die P 26: den sogenannten Cornu-Bericht, den bisher nur ganz wenige Personen lesen durften. Doch das Bundesarchiv teilte dem Forscher mit, dass es den Bericht gar nicht hat. Darauf alarmierte der Historiker die oberste Aufsichtsinstanz über alles, was geheim ist in der Schweiz: die Geschäftsprüfungsdelegation der Eidgenössischen Räte (GPDel). Sein Verdacht: Jemand hat die Akten vernichtet.

Das war im September 2016. Seither versucht die GPDel herauszufinden, was mit dem Cornu-Bericht passiert ist. Diese Woche hat sie den Zwischenstand ihrer Abklärungen veröffentlicht, weit hinten in ihrem Jahresbericht. Dank diesem Eintrag kommt die Geschichte nun ans Licht. Den Cornu-Bericht selbst, 117 Seiten dick, hat die GPDel zwar inzwischen gefunden – allerdings nicht im Bundesarchiv, sondern im Verteidigungsdepartement (VBS) selbst. Genauer: bei der Abteilung Informations- und Objekt­sicherheit (IOS), bei der die Sicherheit sensibler Akten offensichtlich nicht besonders hoch ist. Denn der Cornu-Bericht ist nackt: Sämtliche Beilagen fehlen, insgesamt 7 Ordner und 20 Dossiers. Die Geheimsache: verschollen.

Ein Jahr gesucht

Wo diese Akten verblieben sind, ist auch heute – nach über einjährigen Abklärungen – immer noch unklar. Inzwischen hat die GPDel das VBS mehrmals zu weiteren Suchaktionen aufgefordert. Verteidigungsminister Guy Parmelin persönlich antwortete: Man tue, was man könne. Es nützte nichts. «Die Akten werden noch gesucht», teilte das VBS auf Anfrage mit. Wo die Dokumente verblieben seien, könne man auch «nach mehreren Recherchen und Interviews mit damaligen Verantwortlichen noch nicht erklären». Man suche weiter.

Schlamperei? Bewusste Entsorgung? Diebstahl? Auf jeden Fall: ein Gesetzesbruch. Nur schon die Tatsache, dass die Dokumente damals im VBS verblieben, ist laut dem GPDel-Präsidenten Claude Janiak unzulässig. «Diese Akten gehören ins Bundesarchiv», sagt der SP-Ständerat. Laut Ansicht der GPDel hätte der Bericht Cornu inklusive Beilagen 1991 selbst nach damaligen Recht dem Bundesarchiv übergeben werden müssen. «Dass die Akten nun auch noch verschwunden sein sollen, wundert die GPDel sehr», sagt Janiak. «Das nährt natürlich Spekulationen, und das ist nicht gut.»

Für Sacha Zala, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Geschichte, ist es «skandalös», dass solche Akten beim Bund einfach verschwinden. «Es ist schwer vorstellbar, dass diese Dokumente, die immerhin im Cornu-Bericht erwähnt sind, einfach verloren gehen. Eher muss man vermuten, dass sie entwendet oder vernichtet wurden, weil es darin um ausländische Nachrichtendienste geht.» Das müsse allerdings nicht heissen, dass die Akten inhaltlich von grosser Bedeutung seien. «Man darf die Paranoia der Geheimdienstler nie unterschätzen.»

Beziehungen zu britischen Diensten

Erstellt wurde der Cornu-Bericht im Jahr 1991. Eigentlich untersuchte eine PUK die P-26-Affäre, doch als sie mit ihrer Arbeit schon fertig war, wurde eine neue Frage akut: Welche Beziehungen hatte die P 26 zu vergleichbaren Widerstandsorganisationen im Ausland, die – zum Beispiel Gladio in Italien – sogar in Terroranschläge verwickelt gewesen sein sollen? Die Zusatzuntersuchung übertrug der damalige Militärminister Kaspar Villiger (FDP) einem Neuen­burger Untersuchungsrichter namens Pierre Cornu. Als dieser seinen Bericht mit Beilagen im Spätsommer 1991 im Bundeshaus ablieferte, hielt der Bundesrat seinen Inhalt für derart heikel, dass er ihn sogleich für geheim erklärte – für 50 Jahre.

Lediglich eine Zusammenfassung wurde veröffentlicht, in der Cornu zum Schluss kam, dass die P 26 zwar nicht in ein Netzwerk mit ausländischen Organisationen integriert war. Hingegen unterhielt die P 26 enge Beziehungen zu britischen Diensten. P-26-Leute wurden sogar in Grossbritannien ausgebildet. Derart eng war die Kooperation der P 26 mit den Engländern, dass London über die P 26 mehr wusste als der Bundesrat, wie Cornu damals sagte.Ist das wirklich alles, was Cornu herausgefunden hat? Seinen Bericht darf die Öffentlichkeit bis heute nicht lesen. Mehrmals lehnte der Bundesrat eine Aufhebung der Schutzfrist auf – zuletzt 2009. In seiner Antwort auf eine Anfrage des damaligen Nationalrats Jo Lang (Grüne) begründete der Bundesrat die strikte Geheimhaltung mit dem Quellenschutz der Personen, die Cornu Auskunft gegeben hätten. Zudem würde eine vorzeitige Publikation «die Beziehungen der Schweiz zu mehreren befreundeten ausländischen Staaten belasten», so der Bundesrat.

Welche Dokumente genau verschollen sind, verrät die GPDel in ihrem Jahresbericht nicht. Recherchen dieser Zeitung haben aber ergeben, dass es sich um «extrem sensitive Akten» handle, wie eine informierte Person sagt. Unter anderem befinden sich darunter die Protokolle der Einvernahmen, die der Untersuchungsrichter führte, Namen von ausländischen Geheimdiensten und ihrer Agenten, Namen von Schweizer ­P-26-Mitgliedern sowie Originaldokumente der Geheimarmee.

Kampf um den Ruf

Gut möglich, dass die Akten nie mehr ans Tageslicht kommen. Es käme den ehemaligen Mitgliedern vielleicht gar nicht so ungelegen. Wo nichts ist, da kann auch nichts stören. Wo nichts ist, ist Raum für Verklärung und Mythenbildung. Nach der Enttarnung waren die Mitglieder der P 26 in der öffentlichen Meinung eine Gruppe von Schweizer Biederrambos, bis an die Zähne bewaffnete kalte Krieger in Einfamilienhäusern. «Die Diabolisierung von damals hat Spuren bei den Mitgliedern hinterlassen», sagt Martin Matter, der ein Buch zum Thema geschrieben hat.

2009 wurden die Mitglieder der P 26 von ihrer Schweigepflicht entbunden – und erhielten für ihre «Verdienste in gefahrvollen Zeiten» Worte des Dankes des damaligen Verteidigungsministers Ueli Maurer. Seither bemühen sich die ehemaligen Kämpfer um ihren Ruf. Das Buch von Matter war ein Schritt in diese Richtung («Sie waren überzeugt, sich für eine gute Sache einzusetzen», sagt der Autor), und auch der RTS-Dokumentarfilm war sehr versöhnlich gehalten. «Das waren Patrioten, mutige Männer und Frauen», hiess es in der Anmoderation.

Und wie war es nun wirklich? In zwei Monaten erscheint eine über 500-seitige Dissertation zur Widerstandsorganisation, und wahrscheinlich wäre auch ein Besuch im Bunker von Gstaad aufschlussreich. Vielleicht liegen die Akten ja dort. Doch eben: alles geheim. Auf ­jeden Fall für jene, die damals nicht mitgemacht haben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.02.2018, 20:20 Uhr

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