«Auch ausländische Casinos sollten uns sperren»

Spielsüchtige, die bei Schweizer Casinos gesperrt sind, können im grenznahen Ausland uneingeschränkt zocken. Die Politik will nun reagieren.

«Es ist wie in einer Fantasy-Welt»: Manche ausländische Casinos setzen gezielt auf spielsüchtige Schweizer als Kundschaft. Illustration: Benjamin Güdel

«Es ist wie in einer Fantasy-Welt»: Manche ausländische Casinos setzen gezielt auf spielsüchtige Schweizer als Kundschaft. Illustration: Benjamin Güdel

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Die Spielsucht macht üble Sachen mit Urs. Er schiebt seine Haare nach hinten. Schuppen. Ein Ausschlag auf der Kopfhaut. Er habe ihn bekommen, weil jemand in seinem Umfeld online zockte und er fast durchdrehte.

Urs spricht mit vier Männern im Alter zwischen 30 und 70, die in Wirklichkeit anders heissen. Alle zwei Wochen treffen sie sich in einem Raum der Suchtfachstelle St. Gallen und helfen ­einander. Das Spielen hat sie erst überglücklich und dann himmeltraurig ­gemacht, wie knapp 15'000 weitere Spielsüchtige in der Schweiz.

Bei jedem Treffen erzählen die Männer zuerst, wie es ihnen geht, und markieren dann ihren Zustand auf einer ­vertikalen Gefühlsachse. Urs’ Punkt klebt heute am tiefsten. Seine Augen sind glasig. Der rechte Fuss zittert.

Urs: Ich weiss, dass kein Spiel mehr drinliegt, sonst verliere ich meine Familie. Aber der Durst ist so gross. Ich brauche den Rausch. Nur noch einmal Glück haben und eine grosse Summe rausholen.

Marc: Das Spielen ist so schön, so einfach. Ich bin dann in meinem Mikrokosmos. Der Spielautomat und ich werden eins. Ich vergesse alle Termine. Scheissegal.

Daniel: Es ist wie in einer Fantasy-Welt. Im Schlaf drehen die Musik und die Farben der Maschinen einfach weiter.

Urs: Doch dann bricht alles zusammen. Ich frage mich immer: Was bin ich für ein Idiot?

Marc: Ich habe jeweils Angst. Und manchmal will ich die Frau beschuldigen, die mir die Jetons gewechselt hat. Sie hat ja gesehen, wie ich vom einen zum anderen Automat gerannt bin, hätte sagen können: «So, jetzt ist genug für dich.»

60'000 Menschen sind gesperrt

Ryszard Pilat tut genau das. Er ist Angestellter im Casino St. Gallen. Seine Aufgabe ist es, Spieler, die über ihren Möglichkeiten zocken, vom Spieltisch und den Automaten wegzubringen. ­Angehörige melden sich bei ihm, um ihre Liebsten zu schützen. Die Croupiers an den Roulettetischen rufen ihn an, wenn jemand flucht, dass er seinen ­ganzen Lohn verspielt habe. Und das System am Eingang blinkt, sobald jemand zum 13. Mal in einem Monat das Casino betritt.

Pilat kann die Gäste sperren. In 70 Prozent der Fälle tun sie dies jedoch selbst. In der Schweiz hatten Ende 2018 knapp 60'000 Personen eine Spiel­sperre, wie die Eidgenössische Spielbankenkommission (ESBK) schreibt. Sie dürfen ihr Glück nicht mehr an den rund 250 Spieltischen und 4500 Geldspielautomaten in den 21 Schweizer Casinos versuchen. Auch nicht bei Online-Glücksspielen von Schweizer Anbietern.

Die Versuchung aber bleibt. Insbesondere für Spieler, die nahe an der Landesgrenze leben. Denn die Schweiz und ihre Nachbarländer tauschen ihre Sperrlisten nicht aus. Gesperrte Zürcher, Basler oder St. Galler sind mit dem Auto in weniger als einer Stunde in einem Casino in Deutschland, Frankreich, Österreich oder Liechtenstein.

«Es braucht dringend eine internationale Sperrliste», sagt Regine Rust. Sie leitet die Therapiegruppe in St. Gallen und hakt immer wieder nach. Viele Spielsüchtige, die sie berate, seien in der Schweiz gesperrt, sagt Rust. Doch sie spielten einfach im Ausland weiter.

Marc: Die letzten zwei Sonntage habe ich Glück gehabt. Ich bin nach Konstanz gefahren, habe mir gesagt: nur 100 Franken. Doch es war beide Mal Feiertag. Die Spielhallen waren geschlossen.

Anton: Hattest du wirklich nur 100 dabei?

Marc: Nein, den ganzen «Bettel», Karten, alles. Und auch die Sackuhr meines Vaters, die ich noch hätte verkaufen können. Ich weiss, dass das dumm ist.

Urs: Gut, hast du die Uhr nicht verkauft. Ich habe mal ein goldenes Kreuz zum Juwelier gebracht, das ich zur Erstkommunion erhalten habe. Nur weil ich weiterspielen wollte.

Sperrlisten austauschen

Nicht nur Präventionsfachleute fordern, dass die Schweiz ihre Sperrlisten mit den umliegenden Ländern austauscht. Auch Marc Friedrich vom Schweizer Casino-Verband sagt: «Das wäre sehr sinnvoll.» Doch obwohl das neue Geldspielgesetz es der Schweiz erlaubt, die Daten weiterzugeben, passiert nichts. Warum, das weiss Jean-Marie Jordan, Direktor der Spielbankenkommission. Die Gesetze in den verschiedenen Ländern seien unterschiedlich und würden sich ständig ändern. In Deutschland regle gar jedes Bundesland den Spielerschutz individuell. «Und die anderen Länder sind grundsätzlich weniger streng als wir», sagt Jordan.

Gerade wird die Situation für Glücksspielsüchtige in der Schweiz noch verzwickter. «Zockertum Liechtenstein», titelte der «Blick». Nach Ruggell und Schaanwald wurde diesen November auch in Triesen ein Casino eröffnet. Zwei ­weitere sollen folgen. Grund für den Casino-Boom im Fürstentum: Die Bedingungen sind verlockend. Casinos müssen nur zwischen 17,5 und 40 Prozent ihres Umsatzes an den Staat abgeben. In der Schweiz sind es zwischen 40 und 80 Prozent.

«Fünf Casinos für 38'000 Einwohner ist eine ausserordentlich hohe Dichte», sagt Suzanne Lischer, die an der ­Hochschule Luzern das Glücksspiel erforscht. Das Geschäftsmodell der liechtensteinischen Casinobetreiber ziele auf ausländische Spieler, im Wissen, dass viele davon in anderen Ländern ­gesperrt seien. Das wirtschaftliche Interesse werde höher gewichtet als der Spielerschutz.

Mit dem Casino-Boom ist aber auch die liechtensteinische Politik auf das Spielerproblem aufmerksam geworden. Katja Gey, die Leiterin des Amts für Volkswirtschaft, sagt: «Wir sind auf die Schweiz zugegangen, um einen Austausch der Sperrlisten anzuregen.» Bundesrätin Karin Keller-Sutter habe dies begrüsst. «Wir beginnen im Januar mit den Gesprächen», sagt Katja Gey. Sie gehe davon aus, dass es im Interesse beider Länder sei, gemeinsame Lösungen für einen starken Spielerschutz rasch voranzutreiben.

Ähnlich wie bei Alkoholikern

In der St. Galler Therapiegruppe ist inzwischen Pause. Die Männer rauchen in den Ostschweizer Nachthimmel. Später reicht Urs sein Smartphone herum, zeigt das Foto eines Schals, den er für seinen Sohn gestrickt hat. Er habe es mit scharfem Essen und heissen Duschen probiert. Doch nichts lenke ihn so gut vom Spielen ab wie die feinen Bewegungen seiner Finger mit den Nadeln.

Urs: Was soll ich tun, wenn auch das Stricken nicht mehr hilft?

Marc: Sprich doch mit jemandem, bei dem du dich geborgen fühlst und der dich kontrollieren kann. Mit deiner Frau zum Beispiel.

Urs: Ich habe Angst, dass dann alles zerbricht.

Daniel: Ich denke, sie ist froh, wenn du dich öffnest. Ihr könnt was zusammen unternehmen, gärtnern oder so, um dich abzulenken. Sie ist mit dir schon den ganzen Weg gegangen. Sie wird dich nicht fallen lassen.

Die Symptome von Spielsucht sind ähnlich wie bei Alkoholikern oder Drogenabhängigen: das starke Verlangen, die Gereiztheit und die Lügen über das Ausmass der Abhängigkeit. Laut einer Studie des Instituts für Sucht- und Gesundheitsforschung sind vor allem junge Männer betroffen. Die sozialen Kosten schätzt die Organisation Sucht Schweiz auf 600 Millionen Franken pro Jahr.

Drei Monate nachdem sie sich sperren lassen, können Spielsüchtige die Aufhebung ihrer Sperre beantragen. Dafür müssen sie dem Casino ihren Bankauszug zeigen, zum Gespräch in der Suchtfachstelle antraben und auch die folgende Frage beantworten: «Was bedeutet es für Sie, wenn die Sperre nicht aufgehoben wird?»

Ryszard Pilat vom Casino St. Gallen sagt, auf den Fragebögen lese er häufig: «Dann spiele ich halt im Fürstentum Liechtenstein oder in Bregenz weiter.» Damit müsse er leben. «Wir versuchen alles, um die Leute nicht unglücklich zu machen», sagt er.

Die St. Galler Therapiegruppe verabredet sich zum Schluss des Abends zum Weihnachtsessen in der Suchtfachstelle. Eine internationale Sperrliste würde schon helfen, sagen die fünf Männer. Doch auch dann gäbe es noch genügend Ausweichmöglichkeiten.

Daniel: Die Automaten in den kleinen Spielhallen im Ausland kontrolliert nie ­jemand.

Marc: In irgendeinem Hinterstübli kann man immer pokern.

Anton: Ich setzte mich mit Freunden auch schon an den Strassenrand. Wir schauten den Autos nach und wetteten auf die letzte Ziffer der Nummernschilder. Gerade oder ungerade. Zehn Franken. Oder wir setzten eine Fliege unter einen Aschen­becher. Vier mögliche Ausgänge. Wer richtig tippte, erhielt 50 Franken.

Erstellt: 10.12.2019, 06:50 Uhr

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