Die Vertreibung aus Utopia

Früher wollten wir die Gesellschaft verändern, heute fliesst die utopische Energie in die Klimapolitik. Doch die Energiewende setzt einen weltweiten Gleichtakt voraus.

Martin R. Dean bei sich zu Hause in Basel, aufgenommen im Januar 2014. Foto: Georgios Kefalas (Keystone)

Martin R. Dean bei sich zu Hause in Basel, aufgenommen im Januar 2014. Foto: Georgios Kefalas (Keystone)

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Meine Grosseltern lebten auf dem Land. Sie bauten sich zwischen den Kriegen ein Häuschen, und wenn der Schnee fiel, legte mein Grossvater ein Scheit im Ofen nach, bis es siebzehn Grad warm war. Das war die Temperatur, auf die man sich einzustellen hatte. Wer dann immer noch fror, musste sich einen warmen Pullover anziehen. Mein Grossvater war Stumpenarbeiter bei Villiger; der Lohn, den er heimbrachte, war bescheiden. Vor dem Zubettgehen kontrollierte er, ob das Licht in allen Zimmern aus war, und warf einen kurzen Blick in den Keller, ob dort nicht doch noch eine Birne brannte.

Emotionale Vergeizung

Ich bin mit dem Energiesparen gross geworden, und es war kein berauschendes Erlebnis. Meine Grosseltern wurden vom Spareifer beinahe geizig. Geiz ist etwas, das sich nur schwer auf ein einziges Feld beschränken lässt, er kann sich mitunter auch auf die Gefühle erstrecken. Sparsamkeit war deshalb eine Tugend. Wer verschwendete, kam in den Verdacht, einen schlechten Charakter zu haben.

Erinnerlich ist mir die Erregung, als ich als siebenjähriger Bub im Dorf ein Schaufenster voll blinkenden Weihnachtsschmucks sah. Später, in Amerika, stand ich vor den Leuchtreklamen am Times Square, sah die grossen Autos, und das Gefühl von Verschwendung wurde allmählich durch ein anderes ersetzt: Grosszügigkeit. Und diese Grosszügigkeit war das Gegenteil von Engherzigkeit. Deswegen fuhren nämlich Künstler- und Schriftstellerfreunde in meiner Jugend ausladende amerikanische Wagen. Um zu zeigen, dass sie mit dem Leben generös umgingen. Dass sie der Enge des Landes und der emotionalen Vergeizung den Kampf ansagten. In den Siebzigerjahren, nach den Achtundsechziger-Kämpfen, kam eine milde Entspannung über das Land; man sah die Rasensprenger Wasser verschwenden, auch die Autoreiniger liessen den Schlauch offen, Swimmingpools wurden angelegt.

Heute geht es um den Planeten

Heute zwingen uns die Klimaerwärmung und die Ressourcenknappheit, den verschwenderischen Umgang mit fossilen Energien und deren Abfallprodukten zu ändern. Auch der Nahrungsmittelverschwendung wird der Kampf angesagt; der Kleiderverschwendung, der Lichtverschwendung; die westliche Welt rückt sich mit vielerlei Diäten zu Leibe.

Der Wendegedanke, der in seiner Dringlichkeit unabweisbar ist, ansonsten das Fortbestehen des Planeten auf dem Spiel steht, soll das Denken und Handeln lenken. Unmerklich wird so die Energiewende zu unserer eigentlichen Utopie, die alle anderen Utopien verblassen lässt. In meiner Jugend träumten wir vom gesellschaftlichen Abbau der Hierarchien, wir hingen der Utopie der Gerechtigkeit und der Gleichheit des Besitzes an. Wichtig war uns die Abschaffung des Patriarchats, danach die Gleichstellung der Ethnien, der Abbau von Hierarchien und Autoritäten. Wir redeten uns den Mund über die Verteilung der Produktionsmittel fusslig, während wir heute nur noch Ernährungstipps kauen. Früher wollten wir die Gesellschaft verändern, heute gilt es, den Planeten zu retten. Die Energiewende besiegelt die Vertreibung aus Utopia. Die utopische Energie steckt nicht mehr in den Gesellschaftsentwürfen und der Erweiterung des Bewusstseins, sondern in Ernährungsfragen, Körperpflege und Klimapolitik.

Die Durchsetzung der Energiewende bedeutet einen spürbaren Schub in der Selbstrationalisierung von jedem Einzelnen. Jeder muss das Gleichgewicht von Ausgeben und Sparen bei sich neu austarieren. Die elektronischen Medien begleiten uns in diesem Umbau des Ichs. Sie bauen neue Wege und Umwege zwischen den Wünschen, den Ängsten und dem Verstand. Ob wir dabei bereits einen Schritt in die Selbstentmachtung gehen, wie Byung-Chul Han sagt, bleibe dahingestellt.

Energiewende, eine Fiktion?

Eine bessere Welt ist diejenige, in der keine Energie mehr verschwendet wird. Neu ist: Aus einem kleinen, am häuslichen Herd gedachten Gedanken wird in diesem neuen Jahrhundert ein grosser, globaler Gedanke. Weltumspannende Gedanken müssen nicht in jedem Fall tolle Visionen sein. «Die Achse des Bösen» beispielsweise, mit der Präsident Bush junior die Welt neu ordnen wollte, war nichts mehr als eine Schimäre. Ist die globale Energiewende eine Fiktion? Sie bringt nur dann nachhaltige Ergebnisse, wenn sie nationale Grenzen übersteigt. Ja, die Energiewende setzt einen weltweiten Gleichtakt voraus.

Die globale Durchsetzung des Energieverbrauchs aber stösst dort an ihre Grenzen, wo man die einzelnen Staaten und Gesellschaften genauer in den Blick nimmt. Staaten haben ihren eigenen Haushalt und machen ihre eigenen Rechnungen, wie das Beispiel Australien zeigt, das nur zögerlich seine Energieaufgaben machen will. Ähnlichkeiten, die Indien oder China in ihrer Entwicklung mit Europa haben, täuschen über eine grundsätzliche Verschiedenheit hinweg: Gesellschaften entwickeln sich mit unterschiedlichem Tempo aufgrund völlig differenter Ausgangslagen. Erst recht sind die Menschen in den Anden und Alpen, auf Madagaskar, in Durban und im Elsass nicht auf demselben Globus zu Hause. In jedem Land herrscht eine andere Zeit der Entwicklung, die keinesfalls überall dieselbe Richtung einschlägt. Jedes Land ist anders von der Klimaerwärmung betroffen. Der eurozentrische Blick ebnet viel von diesen Differenzen ein.

Projekt globalen Ausmasses

Auch die «Rückständigkeit», stellte ich bei einer Reise in Indien fest, kann überraschende Allianzen mit dem Fortschritt eingehen. Als Bild für die Hybridität des indischen Fortschritts prägte sich mir der Elefant in Delhi ein, der auf der mehrspurigen Autobahn neben all den neu gebauten Tata-Autos dahintrabte. Ökologischer war seine Bewegungsart allemal. Die Unterschiedlichkeit der globalen Entwicklung dürfte die globale Energiewende aufhalten, die Verschiedenheit der Geschichten und Mentalitäten wird die Durchsetzung dieses Denkens sogar verändern.

Die Umstellung auf erneuerbare Energien stellt zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte ein Projekt globalen Ausmasses dar. Sie stützt sich auf eine Weltgemeinschaft, die es nicht gibt. Sie bildet einen Teil jener Globalisierung, die weltweit gleiche Standards und gleiche Limiten in ökologischen Fragen voraussetzt. Meine Skepsis, ob sich die Staaten und Gesellschaften zu dieser ökologischen Gemeinschaft zusammenraufen können, bleibt bestehen. Während Europa bei seiner Flüchtlingspolitik tagtäglich an seinen Partialinteressen scheitert, verspräche die von der europäischen Aufklärung ausgehende Energiewende zuletzt ein konkretes Stück Zukunft.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.09.2015, 09:43 Uhr

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Autoren nehmen Stellung

Vor den eidgenössischen Wahlen vom 18. Oktober äussern sich im TA fünf Schweizer Autorinnen und Autoren zu Herausforderungen des Landes – heute der 1955 in Menziken AG geborene Schriftsteller, Journalist und Essayist Martin R. Dean. Sein 2003 erschienener Roman «Meine Väter» wurde mit dem Schillerpreis ausgezeichnet. Zuletzt erschien von ihm der Essayband «Verbeugung vor Spiegeln. Über das Eigene und das Fremde». (Verlag Jung und Jung, Salzburg 2015). Dean lebt in Basel. (TA)

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