Die weltliche Botschaft von Weihnachten

Die Religion musste in diesem Jahr für zahlreiche Schreckenstaten herhalten. Die Weihnachtsbotschaft ist ein Korrektiv dagegen – über das Christentum hinaus.

Zeichnung: Felix Schaad

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Die Zahl der Christen nimmt hierzulande ab, die Bedeutung von Weihnachten nicht. Das hat damit zu tun, dass ein paar Tage Ruhe und Besinnlichkeit in einer immer schnelleren Zeit über den Kreis der Gläubigen hinaus wichtiger werden und sich das Bedürfnis nach Spiritualität und Gemeinschaft auch in einer zunehmend laizistischen Welt hartnäckig hält. Und vielleicht auch damit, dass die Kirche die Zeichen der Zeit erkannt hat und diese Tage nicht mehr wie einst mit bleiernen Vorschriften überlädt. Die Trennung von Kirche und Staat lässt dem zivilen Leben seinen Raum. Kinos, Restaurants, Clubs sind offen – das ist wichtig an Tagen, an denen die Einsamkeit für viele besonders spürbar wird. Und wenn der eine oder andere aus Respekt vor dem Ereignis Geselligkeit nicht mit Besäufnis verwechselt, ist die Weihnachtsbotschaft schon zur Hälfte angekommen.

Zinsen im Jenseits

Wenn diese Botschaft von ihrem dogmatischen Gehalt befreit wird, ist sie aktuell und kann einen Beitrag zur Friedfertigkeit leisten. Es sind schliesslich kein Kriegsherr und auch keine Alleswisser, die im Zentrum der weihnächtlichen Erzählung stehen, sondern ein Zimmermann und seine Frau, eine Geburt unter einfachsten Bedingungen, ein paar Hirten, die sich empathisch zeigen, ein Engel als Wegweiser und drei angereiste Könige, die für einmal dem Volk huldigen statt umgekehrt. Dass die Empfängnis unbefleckt erfolgt sein soll, ist dem Wunderglauben und der Prüderie jener Zeit geschuldet, in der die Legende entstanden ist. Inzwischen widersetzt sich der aufgeklärte Teil der Kirche den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen nicht mehr gänzlich – es bleiben ihm in der Schöpfungsgeschichte der Erde genügend unerklärliche Wunder.

In einer Zeit, da viele Schreckens­taten im Namen der Religion begangen werden, ist die Botschaft von Liebe und Versöhnung besonders wichtig. Aus aktuellem Anlass sei daran erinnert, dass es sie in allen Weltreligionen gibt. Das hat damit zu tun, dass sie alle historisch in den grossen Städten entstanden sind, wo auf engstem Raum mit überweltlich gültigen Normen Racheexzesse vermieden werden mussten. Der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk versteht die Religionen deshalb als «Zornbanken», bei denen die Gläubigen ihre Wut über irdische Kränkungen und enttäuschte Ambitionen einlegen können und dafür mit Zinsen im Jenseits entschädigt werden. Auch der Islam dient überwiegend dieser Funktion; gegen die Attentäter in Paris wurde in den vergangenen Wochen oft jenes Wort aus dem Koran (5.32) zitiert, wonach Gewalttäter der Menschheit antun, was sie ihren unschuldigen Opfern angetan haben.

Aber die Religion allein ist offenkundig kein ausreichender Damm gegen Gewaltexzesse und ihre ideologische Rechtfertigung. Dazu ist sie zu stark von der absoluten Wahrheit (und vom Irrtum anderer Weltsichten) überzeugt und unterscheidet allzu hart zwischen ihren Anhängern und den Skeptikern und Ungläubigen. Alle Weltreligionen in der Geschichte sind immer wieder missbraucht worden, um vermeintlich absolute Wahrheiten mit Gewalt durchzusetzen. Diese Gewalt ist oft auch deshalb besonders grausam, weil sich ihre Urheber im Recht wähnen.

Da ist der Rechtsstaat mit seinen Grundsätzen der stärkere Damm gegen Gewalt­exzesse, auch wenn er schon bessere Zeiten erlebt hat als in diesen Jahren. So sind wichtige Wachstumspole der Weltwirtschaft wie China, Indien oder auch die Türkei in den vergangenen Jahren der Demokratie und der Meinungsfreiheit keinen Schritt näher gekommen, im Gegenteil. In anderen Regionen ist ein quasireligiöses Verhältnis zur Nation am Wachsen, das auf Dauer nichts Gutes für den Rechtsstaat bedeutet. Denn Nationen neigen nun einmal ebenso stark wie Religionen dazu, zwischen dem Eigenen und dem Fremden hart zu unterscheiden und sich entsprechend abzuschotten, wo die Privilegien des Eigenen infrage gestellt werden.

Bleiben als wichtigste Dämme jene international verpflichtenden Abkommen, die universale Gültigkeit für alle haben: die Menschenrechtsdeklarationen der UNO, entstanden Mitte des vergangenen Jahrhunderts nach den vielleicht düstersten Jahren der Zivilisationsgeschichte überhaupt. Und, vielleicht ähnlich hoch einzuschätzen, das weltweite Klimaabkommen, das in Paris nun erstmals verbindliche Obergrenzen für die Erderwärmung setzt. Zwischen Klimaerwärmung und Gewalt besteht ein direkter Zusammenhang, wie jüngst eine Studie für Afrika nachgewiesen hat.

Wenn wir die Weihnachtsbotschaft über die kirchliche Legende hinaus ernst nehmen, sollten wir alles tun, um diesen Abkommen zur weltweiten Verbindlichkeit zu verhelfen. Landesrecht vor Völkerrecht ist dabei eine ebenso kurzsichtige Devise wie jene leichtfertige Preisgabe der Verhältnismässigkeit im Rechtsstaat, wie sie die Durchsetzungsinitiative vorsieht. Entschlackt von ihrem anekdotischen Gehalt, ist die Weihnachtsbotschaft universal: Bethlehem ist überall, Empathie ein menschlicher Wesenszug auch gegenüber dem Fremden, und damit gebührt das Recht auf Integrität allen – ob in einer Krippe im Stroh geboren oder sonst wo.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.12.2015, 21:46 Uhr

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