Wie Wermuth Wahlsieger werden will

Per High-Risk-Mission in den Ständerat: SP-Nationalrat Cédric Wermuth versucht im Aargau mit viel Geld das Unmögliche.

Cédric Wermuth will Ständerat werden und ist deswegen nervös. Bild: Reto Oeschger

Cédric Wermuth will Ständerat werden und ist deswegen nervös. Bild: Reto Oeschger

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Und wieder ein Treffer. Erst letzten Sonntag: «Wie Parlamentarier abkassieren», «‹Grosse Teile des Parlaments sind gekauft›», «Parlamentarier verdienen Millionen durch Mandate» – titelten fast alle grossen Medien, als handle es sich um eine gewöhnliche Studie. Dabei hatte Cédric Wermuth zwei Investigativjournalisten beauftragt, um zu recherchieren, wie viel Geld von Versicherungen und Banken direkt in die Taschen von vorwiegend FDP- und SVP-Parlamentariern fliessen. Finanziert hat die Studie: die Crowd, 10'000 Franken von 120 Einzelspenderinnen. Wermuth strikes again.

Wie damals beim Joint. Ein Joint am Rednerpult einer SP-Delegiertenversammlung steht am Ausgangspunkt der Karriere eines der bekanntesten Politiker der Schweiz. Ein Joint, ohne den Wermuth nicht geworden wäre, was er ist. Ein Joint, dessen süsslicher Cannabis-Geruch aber bis heute in seinen Kleidern zu hängen scheint – auch wenn es inzwischen Hemd und Anzüge sind und Wermuth zwei Töchter und zwei Legislaturperioden älter ist. Wermuth, das Animal Politique der Schweiz, von Gegnern verrufen als ewiger Student, Hausbesetzer und Berufspolitiker – jedoch beliebt und geschätzt in der eigenen Partei. Jetzt mit 33 Jahren will Cédric Wermuth für den Aargau in den Ständerat. Und droht zum ersten Mal zu scheitern.

Wermuth will eine Bewegung

Im bürgerlichen Aargau nimmt der Politikberater das wahrscheinlich grösste persönliche Risiko seiner bisherigen Laufbahn in Kauf. 300'000 Franken stecken in seinem Wahlkampf. 160 Stellenprozente arbeiten seit mehreren Monaten für ihn. Ein SP-Ständeratssitz steht auf dem Spiel. Die Ausgangslage? Tough! Es treten an: Hansjörg Knecht (SVP) – mit einer riesigen Hausmacht im Rücken. Thierry Burkart (FDP) – von den Unternehmen getragen. Die kantonale CVP-Präsidentin Marianne Binder – mit Frauenbonus und beim Volk bekannt. Und Wermuth? Der tritt mit Positionen an, die linker nicht sein könnten. Er versucht, den Sitz der abtretenden Parteikollegin Pascale Bruderer zu verteidigen, die mit der gegenteiligen Strategie erfolgreich war: Positionen einmitten.

Was passiert mit der Gesellschaft, wenn sie sich neu ordnen muss? Und wo bleibt dann die Solidarität? Solche Fragen treiben ihn um.

Dass das nicht sein Ding ist, machte er seinen Parteigenossen bereits bei der Delegiertenversammlung vor einem Jahr klar. Sie zogen ihn trotzdem der Frau vor. Wermuth versprach mehr als einen Wahlkampf, viel mehr. Er versprach die Rückkehr linker Inhalte in die Mitte der Gesellschaft. Wermuth versprach – eine Bewegung.

Momentan schläft er schlecht. Wie immer in Phasen hoher Belastung. Abends schaut er Netflix-Serien. Wermuth hat eine Schwäche für Dystopien, Zombiefilme, Weltuntergangsszenarien. Was passiert mit der Gesellschaft, wenn sie sich neu ordnen muss? Und wo bleibt dann die Solidarität? Diese Fragen treiben ihn um, die grossen Bögen, die Logik des Zerfalls, die Logik der Hoffnung – jetzt nach dem Aufschwung der Rechten. Logik. «Logik» ist eines von Wermuths Lieblingswörtern. In Gesprächen mit ihm fallen die «kleine Logik», die «grosse Logik», die «Town-Hall-Logik», die «Herrschaftslogik», die «skurrile Logik von Jugend».

«Einer für alle»

«Jetzt wird es mühsam», sagte Wermuth vorletzte Woche im Aarauer Volkshaus, dem Zuhause der kantonalen SP. Ihm stecken noch ein paar Gräser vom Wahlplakate schleppen im Nacken. Er hat sie eigenhändig in der Aarauer Innenstadt aufgestellt. Die heisse Phase des Wahlkampfs beginnt. «Jetzt werde ich nervös», sagt er. Es geht nun länger, bis er Entscheidungen trifft. Ohnehin gehe es lange, bis er sich auf politische Positionen oder Strategien festlege. So spontan der Joint gewirkt hatte, so kalkuliert war er. Genauso die aktuelle Kampagne.

An die Wand gelehnt stehen noch mehr seiner Plakate: «Einer für alle» prangt in grossen roten Buchstaben darauf, Wermuth im weissen Hemd im Zentrum, umringt von Menschen, die alle in dieselbe Richtung schauen, voraus, lächelnd, entschlossen, nach oben. «Wie eine Sekte», spotten die Kommentatoren auf Onlineportalen. Wermuth brauchte lange, bis er sich für ein Sujet entscheiden konnte. Messianisch sollte es nicht aussehen. Hoffnungsvoll aber – Bewegungslogik eben.

Cédric Wermuth packt selbst mit an. Bild: Reto Oeschger

Wermuth zum Anfassen

Bewegungen entstehen nicht von heute auf morgen: Auf dem Tisch stehen Chips, Eistee und Wasser, vom Pool im Garten weht Chlorgeruch herein, ein heisser Samstagnachmittag Ende Juli in einem stattlichen Einfamilienhaus in Oberrohrdorf. 14 Jugendliche sitzen um einen Holztisch, und Wermuth kommt vom Klima zur globalen Ungleichheit, zur Ungleichheit in der Schweiz, zwischen den Geschlechtern und zum Schluss dazu, was das alles mit den Lobbys zu tun hat. Die Jugendlichen wagen es kaum, ihn mit Chipskrachern zu unterbrechen, sie siezen Wermuth, obwohl er schon seit Beginn ausdrücklich per Du ist. Da für sie, nah, und dann auch im Ständerat. Wermuth verteilt allen seine Handynummer.

Dreimal trifft er an diesem Tag Menschen zu Hause, dreimal klingt er spontan, und («selbst der Vatikan hat einen Vaterschaftsurlaub») dreimal lachen die Menschen zu demselben Witz. Der tatsächlich gar keiner ist. Die Wermuth-zum-Anfassen-Logik.

Nach den Treffen geben die Menschen Wermuth ihre Kontaktdaten, erklären schriftlich, wie sie sich für ihn engagieren können – Filme schneiden, Grafiken basteln, Briefe verschicken. Per Whatsapp, Instagram, Mail und Brief bleiben sie in Verbindung. Sie können Postkarten bestellen, um Wermuth zur Wahl zu empfehlen. Der bleibt mit ihnen verbunden, per Instagram, Twitter, möglichst oft in echt. Wenn jeder nur vier, fünf weitere motiviert, dann…

Nun hängt das Wahlplakat. Bild: Reto Oeschger

In die Kampagne, mit der Wermuth im Aargau gewinnen will, fliessen 15 Jahre seiner Erfahrung als Politstratege – und die seines langjährigen Freundes Marco Kistler, früheres «Mastermind der SP-Zentrale», heute selbstständig. Sie träumten gemeinsam von dem grossen Ding. Eine Bewegung wie etwa der linke Aufbruch in den USA nach der Wahl Donald Trumps. Also schaffte er die Verbindung.

Wermuth überzeugte die Agentur Tandem, die Alexandria Ocasio-Cortez gross gemacht hat, mit ihm zusammenzuarbeiten. Die 29-jährige Demokratin wurde letztes Jahr quasi aus dem Nichts zu einer der einflussreichsten Politikerinnen der USA. Wermuths Corporate Design stammt von derselben Agentur. «Was hier passiert, ist das Einmaleins aller erfolgreichen linken Kampagnen, in den USA oder historisch in der Schweiz: Viele Menschen setzen sich gemeinsam für etwas ein, an das sie glauben», sagt Marco Kistler. Um das Unmögliche zu schaffen, müssen Leute wählen, die es sonst weniger tun: die Frauen und die Jungen.

Wie die Bronx in den Aargau kam

In den vergangenen Monaten war der Nationalrat in über 60 Häusern zu Gast, manchmal waren es Parteimitglieder, manchmal irgendwelche Menschen, die ihn, ihre Nachbarn, Freunde, Verwandten oder Turnvereinsmitglieder zu sich nach Hause einluden, «grassroot» nennt es die amerikanische Agentur. Und die Bronx-Logik scheint auch im Aargau zu funktionieren. Noch bleiben zwei Monate zu den Wahlen, und schon mehr als 5200 Personen haben sich der Bewegung angeschlossen, 50 Lokalgruppen, fast 2000 Einzelspenden. Und wenn das nicht reicht, hilft vielleicht noch etwas Menschlichkeitslogik: ein einfühlsames Porträt in der «Schweizer Illustrierten» etwa, mit noch nie veröffentlichten Details zum tragischen Tod seiner Mutter.

Hier sei Wermuths Problem nach wie vor sein Rebellen-Image: «Obwohl es lange her ist, konnte er es noch nicht ganz korrigieren», sagt Hermann.

«Das ist die bemerkenswerteste Personenkampagne, die ich in diesem Land je gesehen habe», sagen Profis wie Michael Hermann, Politgeograf. «Der Professionalisierungsgrad ist enorm, Wermuth bringt ein unglaubliches Talent und Energie mit.» Die Frage ist jedoch, ob es die richtige fürs richtige Rennen ist. «Mobilisierungskampagnen eignen sich, um die eigene Basis an die Urne zu bringen. Bei Ständeratswahlen braucht es jedoch eine überparteiliche Ausstrahlung», sagt Hermann. Hier sei Wermuths Problem nach wie vor sein Rebellen-Image: «Obwohl es lange her ist, konnte er es noch nicht ganz korrigieren.»

Es ist ein Wahlkampf mit grossem Einsatz. Alles oder nichts. Ein Kampf der Gerechten. Von unten nach oben. Es scheint, als gehe es um nichts Geringeres als die Zukunft der Schweizer Gesellschaft, den «Day of Decision», Tag der Entscheidung. Im neusten Wahlkampf-Videoclip der SP verprügelt Wermuth einen der bösen alten Männer, die in der Schweiz aufrüsten wollen und sich keinen Deut ums Klima scheren. Seite an Seite mit Mattea Meyer, Fabian Molina und Nadine Masshardt. Wermuth glaubt wirklich an die Bewegung. Und im Oktober wird sich zeigen, ob die Strategie aufgeht. Wenn, dann gelingt ihm eine kleine Sensation. Logisch.


Das Politbüro
Die Irrungen und Wirrungen des eidgenössischen Wahlkampfs – kommentiert von Raphaela Birrer und Philipp Loser.

Erstellt: 09.09.2019, 17:07 Uhr

Heisser Ständeratswahlkampf im Aargau

Die Sozialdemokraten müssen bei den Ständeratswahlen gleich in mehreren Kantonen zittern. Während der Nationalrat im Herbst ziemlich sicher linker und grüner wird, könnte der Ständerat sich in die Gegenrichtung entwickeln: Fast die Hälfte der Ständeratsmitglieder treten nicht mehr an, die Bürgerlichen hoffen auf einen Sieg. Die SP muss mehr als die Hälfte ihrer zwölf Sitze verteidigen. Kritisch sieht es für sie in Baselland, St. Gallen, Bern und eben im Kanton Aargau aus.

Dort ist die Ausgangslage besonders spannend. Neben Cédric Wermuth haben drei weitere Personen Chancen für die zwei Sitze. FDP-Nationalrat Thierry Burkhardt, der wohl den Ständeratssitz von Philipp Müller verteidigen kann, sagt: «Ich bin der konsensfähigere Typ als Wermuth. Ich bin es, der es schafft, Mehrheiten zu bilden im Parlament.» SVP-Nationalrat Hansjörg Knecht, der bei den Wahlen 2015 das zweitbeste Resultat machte, meint: «Wer nicht Berufspolitiker ist, wie Wermuth, sondern ein Unternehmen leitet und Jobs schafft, hat nicht so viel Freizeit für einen Wahlkampf.» Knecht kann auf eine grosse Hausmacht und langjährige Erfahrung zählen. CVP-Kantonalpräsidentin Marianne Binder sieht ihre Chance im zweiten Wahlgang, zu dem es sicher kommen wird, weil auch GLP, BDP und EVP antreten: «In den Ständeratswahlen werden in der Regel Konsenspolitiker gewählt. Und da habe ich als CVPlerin einen Vorteil.» (rar)

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