«Die WHO will die Tabakindustrie auslöschen»

Zigarrenproduzent Heinrich Villiger hält Studien für unglaubwürdig, die besagen, dass Werbeverbote Jugendliche vom Rauchen abhalten.

Heinrich Villiger ist überzeugt: «Werbung verleitet niemanden zum Rauchen, der nicht rauchen will.» Foto: Christian Beutler (Keystone)

Heinrich Villiger ist überzeugt: «Werbung verleitet niemanden zum Rauchen, der nicht rauchen will.» Foto: Christian Beutler (Keystone)

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Der Nationalrat hat das Tabakproduktegesetz an den Bundesrat zurückgewiesen. Hat er damit Ihre Firma gerettet?
Das kann man so nicht sagen. Wenn wir keine Werbung mehr hätten machen können, hätten wir keine neuen Produkte mehr einführen können. Aber es geht hier nicht um unsere Firma, sondern um eine ganze Industrie, die ohnehin schon mit unnötigen und restriktiven Vorschriften reguliert wird. Das ist schädlich und würgt die Innovation ab.

In vier Kantonen ist der Verkauf von Tabak an Kinder erlaubt, nirgends in Europa ist das Gesetz so grosszügig wie hier. Übertreiben Sie nicht ein wenig?
Was den Verkauf an Jugendliche angeht, da sind sich alle einig: Es braucht eine Grenze, die ist bei 18 Jahren. Damit habe ich kein Problem. Doch beim Werbe­verbot sehe ich die Sache anders. Es dient dazu, die Tabakindustrie zu vernichten. Das nützt niemandem etwas.

«Ich halte diese Studien, die einen Einfluss auf den Konsum behaupten, für unglaubwürdig und unbewiesen.»Heinrich Villiger

Diverse Studien belegen: Werbeverbote halten Jugendliche davon ab, mit dem Rauchen zu beginnen. Warum sind Sie dagegen?
Bei Studien muss man sich immer fragen: Wer ist der Auftraggeber? Für den Befund ist entscheidend, wen man fragt, wie man fragt und wie man die Antworten auswertet. Ich halte diese Studien, die einen Einfluss auf den Konsum behaupten, für unglaubwürdig und unbewiesen. Frankreich hat ein Werbeverbot, es rauchen genau gleich viele wie früher. In China wird praktisch nicht geworben, aber nirgends auf der Welt wird mehr geraucht. Die Leute dort rauchen halt gern.

Die meisten Neuraucher sind unter 18 Jahren. Das Bundesamt für Gesundheit schliesst daraus, dass die Werbung sehr wohl Jugendliche zum Rauchen verleitet.
Jugendliche rauchen wegen des Gruppendrucks, sie wollen dazugehören, zu den Erwachsenen. Mit Werbung hat das nichts zu tun.

Und was soll man dagegen tun?
Das ist eine Sache der Erziehung. Keines meiner Kinder hat geraucht, obwohl ich vom Tabak lebe. Natürlich sollen Jugendliche nicht rauchen. Wenn Sie mit 16 damit beginnen, dann kommen sie kaum mehr davon los. Aber das ist nicht die Aufgabe des Staates, auch wenn das die Gesundheitsfanatiker anders sehen.

Ist es angesichts von Tausenden toten Rauchern nicht etwas zynisch, von Gesundheitsfanatikern zu reden?
Schauen Sie, es geht um die Verhältnismässigkeit. Wir geben zu, dass Rauchen schädlich ist, und wir wehren uns nicht gegen Jugendschutz. Aber Tabak wird heute verdammt. Die WHO hat einen enormen Einfluss bis in die zuständigen Bundesämter und will den gesamten Zweig auslöschen. Damit wird eine Grenze überschritten. 30 Millionen Tabakbauern leben vom Tabak, das kann man doch nicht einfach wegwischen.

Warum machen Sie überhaupt Werbung, wenn sie keinen Einfluss auf den Konsum hat?
Ich sage nicht, dass Werbung nichts nützt. Ich sage, dass sie niemanden zum Rauchen verleitet, der nicht rauchen will. Mit Werbung machen wir unsere Zielgruppe auf neue Produkte aufmerksam und versuchen, unseren Konkurrenten, Kunden abzujagen. So gibt es eine blosse Verlagerung; der Absatz von Tabakprodukten ist seit Jahren stabil.

Er ging sogar zurück. Glauben Sie nicht, dass die Politik darauf ­Einfluss hatte?
Der Mensch ist kultivierter geworden. Das liegt aber sicher nicht am Staat, sondern daran, dass wir heute besser informiert sind. Wir wissen, welche Auswirkungen unser Tun hat, und können beurteilen, was wir uns zumuten dürfen.

Sie selbst rauchen seit über 60 Jahren. Haben Sie es nie bereut?
Nein. Ich war nie ein starker Raucher und inhaliere den Rauch nicht. Ich bin seit 1951 in der Industrie, da gehört es dazu, dass man probiert. Vor zehn Jahren hatte ich dann einen Herzinfarkt. Meine Frau holte sofort die Ambulanz, ihr verdanke ich, dass ich noch lebe. Seither rauche ich höchstens zwei bis drei Zigarren am Tag und lasse das unterste Drittel stehen, weil sich dort die schädlichen Stoffe ansammeln. Aber ich empfand das Rauchen nie als Laster.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.12.2016, 22:08 Uhr

Heinrich Villiger

Zigarrenfabrikant

Der 86-jährige Heinrich Villiger, Bruder von Alt-Bundesrat Kaspar Villiger, ist Allein­inhaber der Villiger Söhne Holding AG. Das Schweizer Unternehmen stellt pro Jahr rund 1,5 Milliarden Zigarren und Zigarillos her. Im Frühling gab er die Unternehmens­leitung nach 50 Jahren an einen Nachfolger ab. Villiger lebt im Aargau.

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