Die wundersame Verjüngung des ältesten AKW der Welt

Hinter indischen und amerikanischen Reaktoren: Warum Beznau I in der IAEA-«Rekordliste» nach hinten gerutscht ist.

Die Baustelle des Atomkraftwerks Beznau, aufgenommen im Oktober 1967.

Die Baustelle des Atomkraftwerks Beznau, aufgenommen im Oktober 1967. Bild: Keystone

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Im Kampf um die politische Lufthoheit kommt Symbolen eine gewichtige Rolle zu. Eines davon ist Beznau I. In der Debatte um die Laufzeit der Atomkraftwerke hat der Reaktor besondere Bedeutung erlangt. Nachdem das englische Atomkraftwerk Oldbury (Jahrgang 1967) seinen Betrieb 2012 eingestellt hatte, ging der Titel des ältesten Meilers der Welt in die Schweiz: an Beznau I (Jahrgang 1969).

Die Schweizer Atomkraftgegner reagierten umgehend. 15 Organisationen und Parteien aus dem links-grünen Spektrum kritisierten diesen «fragwürdigen Rekord». «Nun ist Beznau I das dienstälteste AKW der Welt – kein Grund zum Feiern – aber einmal mehr, es definitiv abzustellen», so der damalige Nationalrat und mittlerweile abgewählte Badener Stadtrat Geri Müller (Grüne). Beznau I wurde in der Folge zu d e m Symbol für eine Politik, die einen – aus Sicht ihrer Kritiker – überalterten und somit stark risikobehafteten Meiler am Netz lässt.

Doch dieser «Rekord» ist Geschichte – zumindest gemäss der IAEA, der internationalen Atomenergie-Organisation der Vereinten Nationen, die in einer Datenbank alle Reaktoren weltweit erfasst. Bis weit ins letzte Jahr war dort der kommerzielle Betriebsbeginn von Beznau I mit dem 1. September 1969 angegeben. Mittlerweile aber steht an gleicher Stelle ein anderes Datum: 9. Dezember 1969. Damit fällt Beznau I um mehrere Ränge auf Platz 5 zurück. Tarapur 1 und Tarapur 2 (Indien) gingen am 28. Oktober 1969 ans Netz, Oyster Creek und Nine Mile Point 1 (USA) am 1. Dezember 1969.

Daten «vereinheitlicht»

Anstoss für die wundersam anmutende Verjüngung war – ausgerechnet – der Versuch der Atomkraftgegner, die Laufzeit der Reaktoren in der Schweiz auf 45 Jahre zu begrenzen. Eine entsprechende Volksinitiative gelangte im letzten November zur Abstimmung (wo sie keine Mehrheit fand). Verbindlich für die von den Initianten geforderte 45-Jahre-Frist war das Datum der kommerziellen Inbetriebnahme der Meiler. Die Atomaufsicht des Bundes (Ensi) nahm deshalb diese Daten unter die Lupe. Ihr Befund: Die AKW-Betreiber hatten den Begriff der Inbetriebnahme nicht bei allen Meilern «ausdrücklich» beziehungsweise «einheitlich» verwendet. Daraufhin wurden laut Ensi die Daten für alle Schweizer Atomkraftwerke «vereinheitlicht».

Bildstrecke – Die Atomkraftwerke der Schweiz

Bei Beznau I zeigte sich: Der Meiler startete am 6. September 1969 den Probebetrieb und durchlief bis am 9. Dezember ein «Versuchsprogramm», wie das Ensi mit Verweis auf einen Betriebsbericht aus der damaligen Zeit schreibt. Das Ensi veranlasste darum, das Startdatum in der Datenbank der IAEA auf den 9. Dezember zu verlegen – was die IAEA offenbar akzeptierte. Die Öffentlichkeit aktiv informiert hat das Ensi nicht. Die Behörde verweist darauf, die Datenbank sei öffentlich zugänglich.

Auch AKW-Gegner sagten nichts

Das neue Startdatum war zumindest auch einem Teil der Atomkraftgegner bekannt, und zwar bereits im Zuge des Abstimmungskampfs. Konkret geht es um die Schweizerische Energie-Stiftung (SES), wie diese auf Anfrage bestätigt. Doch auch die SES unterliess es, die Öffentlichkeit ins Bild zu setzen – aus politischem Kalkül? SES-Experte Nils Epprecht verneint: «Wir hatten die Änderung auf der Website der IAEA zwar bemerkt, jedoch keine Zeit, dem Grund dafür nachzugehen.» Denn es sei unklar, so Epprecht, ob das neue Datum nun direkt mit den anderen Kraftwerken vergleichbar sei. Ein «Versuchsprogramm», wie es das Ensi nenne, habe zweifelsfrei auch bei anderen Atomkraftwerken dieser Generation stattgefunden. «Es fehlt somit der Beweis, dass die nun als älter aufgeführten vier Kraftwerke auch tatsächlich früher mit dem kommerziellen Betrieb gestartet sind als Beznau», sagt Epprecht.

Während des Abstimmungskampfes hat die SES in ihren Mitteilungen auf die Nennung «ältestes AKW der Welt» weitestgehend verzichtet und stattdessen den unbestrittenen Terminus «ältester AKW-Park der Welt» verwendet, wie Epprecht sagt. Das Durchschnittsalter der fünf Schweizer Reaktoren beträgt gut 42 Jahre – das sind fast 13 Jahre mehr als im weltweiten Durchschnitt, wie der World Nuclear Industry Status Report 2017 aufzeigt.

Tatsache ist ebenso: Beznau I steht seit zweieinhalb Jahren still. Grund sind 925 Materialfehler in der Stahlwand des Reaktordruckbehälters, welche die Betreiberin Axpo entdeckt hat. Wann und ob überhaupt der Meiler wieder Strom produzieren wird, ist ungewiss. Ende September hat die Axpo den für Ende Oktober anvisierten Neustart auf Ende Februar 2018 verschieben müssen. Das Ensi verlangt zusätzliche Materialuntersuchungen, die laut Axpo «umfangreich» sind. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.10.2017, 11:50 Uhr

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