Das bringen Waffengesetz-Reformen wirklich: Die Zahlen

In der Debatte um die Abstimmung ging bisher vergessen, wie wirksam die Anpassungen der letzten 20 Jahre waren.

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«Ich höre noch heute den Satz: ‹Ich erschiesse dich, habe genug Munition.›» Eine 90-jährige Frau hat sich an die Redaktion gewandt. Per Brief, verfasst auf einer Schreibmaschine. Sie schildert darin, wie ihr Mann sie immer wieder mit seiner Waffe bedroht hatte. Er sei begeisterter Schütze gewesen, «mit vielen, vielen Abzeichen und Bechern». Angefangen hatten die Drohungen in den 70er-Jahren. Ihr Mann sei nach einem Schlaganfall manisch-depressiv geworden. Erst drei Jahrzehnte später habe sie sich an die Polizei gewandt, sagt die Frau im Gespräch.

Sie sei sicher nicht die Einzige, der so etwas passiert ist. Doch, so ihr Vorwurf an Politik und Medien: Dieser Aspekt werde jeweils kaum erwähnt, wenn die Schweiz wieder einmal über ein schärferes Gesetz für Schusswaffen debattiere.

Die aktuelle Reform ist Teil einer Entwicklung, die seit zwei Jahrzehnten anhält. Und die messbare Folgen hat.

Aktuell trifft diese Einschätzung weitgehend zu. Als Bundesrätin Karin Keller-Sutter zum Auftakt des Abstimmungskampfs für ein Ja zur Anpassung des Waffenrechts am 19. Mai warb, betonte sie vor allem, dass die Schweiz mit einem Nein die Mitgliedschaft im europäischen Grenzraum Schengen riskiere. Auch Operation Libero setzt auf den Slogan «I love Schengen». Und die bürgerlichen Befürworter sagen vor allem, wie wenig sich mit dem neuen Gesetz doch für die Schützen ändere. Einzig das linke Ja-Lager setzt seit einigen Tagen auf den Slogan: «Weniger Waffen heisst weniger Waffengewalt.»

Betrachtet man die aktuelle Reform für sich alleine, ist der Sicherheitsgewinn wohl nicht gross: Im Wesentlichen werden neu halbautomatische Schusswaffen – zum Beispiel ehemalige Sturmgewehre der Armee – verboten. Die Ausnahmeregelungen sind aber so weit gefasst, dass niemand erwartet, dass damit die Zahl der Schusswaffen in den Schweizer Haushalten deutlich verringert wird. Diese Sichtweise klammert aber aus, dass die aktuelle Reform Teil einer Entwicklung ist, die seit zwei Jahrzehnten anhält. Und die messbare Folgen hat.

1999 trat das erste nationale Waffengesetz in Kraft. Grundlage war ein Verfassungsartikel, den das Volk fünf Jahre zuvor mit 86 Prozent angenommen hatte. Der Bund muss seither «Vorschriften gegen den Missbrauch von Waffen» erlassen. Die jetzige Reform dieses Gesetzes ist bereits die dritte – jedes Mal musste EU-Recht umgesetzt werden. Hinzu kam 2016 ein Gesetz, das den Austausch von Waffendaten zwischen den Behörden regelt.

Schusswaffen und tödliche Gewalt, das kann in der Schweiz fast mit familiären Dramen gleichgesetzt werden: Zuletzt schwankte die Zahl der Todesfälle mit Schusswaffen zwischen 200 und 250 pro Jahr. 90 Prozent sind Suizide. Hinzu kommt selten ein tödlicher Unfall. Bei den ein bis zwei Dutzend Opfern von Tötungsdelikten pro Jahr handelt es sich mehrheitlich um Angehörige oder Bekannte der Täter.

Im Vergleich zur Zeit vor dem ersten nationalen Waffengesetz hat sich die Zahl der jährlichen Todesfälle mit Schusswaffen halbiert. Obwohl die Bevölkerung der Schweiz seither um eineinhalb Millionen Menschen gewachsen ist. Einen Rückgang gab es sowohl bei den Suiziden als auch bei den restlichen Todesfällen. Er passierte nicht auf einen Schlag, sondern über Jahre.

Im Jahr 2000 kam es zu 351 Suiziden mit Schusswaffen, 2016 waren es 212. Der Zahl der Suizide insgesamt hat sich in diesem Zeitraum ebenfalls reduziert – von rund 1200 auf etwas über 1000 Fälle pro Jahr. Bei den anderen häufigen Suizid-Methoden gab es kaum Veränderungen.

Bei den Tötungsdelikten zeigt sich ein ähnliches Bild: Schusswaffen werden weniger häufig verwendet. In den ersten fünf Jahren nach dem nationalen Gesetz von 1999 erfolgte ein Drittel aller versuchten und vollendeten Tötungsdelikte mit Schusswaffen, in den letzten zehn Jahren ein Fünftel. Kommen Schusswaffen zum Einsatz, haben die Opfer eine geringere Überlebenschance als bei einem anderen Tatvorgang. Im Vergleich der beiden untersuchten Zeiträume ging die Zahl der ­Getöteten zurück, während sich die Zahl der versuchten Tötungen erhöhte.

In ausländischen Studien wurde ein Zusammenhang zwischen einem schärferen Waffengesetz und dem Rückgang der Schusswaffentoten festgestellt. In der Schweiz ist es komplizierter: Die im internationalen Vergleich hohe Verfügbarkeit von Schusswaffen in den Haushalten hat vor allem mit der Armee zu tun. Bei den Waffen, die keinen Bezug zur Armee haben, ist die Schweiz Durchschnitt.

Im gleichen Zeitraum, in dem die Schweiz ihr Waffengesetz verschärft hat, führte auch die Armee diverse Reformen durch. Der Bestand wurde ab Mitte der 90er-Jahre von einer halben Million Soldaten auf aktuell unter 150'000 verkleinert – bei einer deutlich kürzeren Dienstzeit. Seit rund 10 Jahren nehmen die Soldaten zudem keine Munition mehr nach Hause. Und mehrere neue Regeln haben dazu geführt, dass heute nur noch jeder Zehnte nach dem Ausscheiden aus dem Militär seine Waffe behält.

Die Folgen der schärferen Waffengesetze und vor allem der Armeereformen zeigen die Befragungen des Kriminologen Martin Killias. Im Jahr 2000 war demnach in jedem dritten Haushalt eine Schusswaffe vorhanden. 15 Jahre später noch in jedem fünften.

Video: Streit ums Waffenrecht – erklärt

Was die EU mit dem Schweizer Waffengesetz zu tun hat, erklärt Inlandredaktor Philipp Loser. Video: Lea Koch, Nicolas Fäs

Erstellt: 16.04.2019, 19:11 Uhr

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