«Die werfen uns nicht hinaus. Die haben unser Geld gerne»

Die Schützen wehren sich gegen die EU-Waffenrichtlinie – mit viel Wut im Bauch. Besuch am Fahrtschiessen in Mollis.

«Schützen, aufpassen! Anschlagen! Feuer!» So tönte es vielfach am Wochenende im Schiessstand in Mollis. Foto: Fabienne Andreoli

«Schützen, aufpassen! Anschlagen! Feuer!» So tönte es vielfach am Wochenende im Schiessstand in Mollis. Foto: Fabienne Andreoli

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Ein rüstiges Ehepaar, der gemütliche Senior, die Gruppe junger Leute: Alle, die hier den Strassenrand entlanglaufen, tragen Sturmgewehre über den Schultern – mit einer Selbstverständlichkeit, als wären es Yogamatten. Und aus nicht allzu weiter Ferne knallt es. Am Wochenende kamen Schützen und vereinzelt auch Schützinnen aus der ganzen Region nach Mollis im Glarnerland. Auf ihren Rücken steht «Schützenverein Weesen», «Militärschützen Rüti» oder «SV Schmerikon». Mit dem Historischen Fahrtschiessen Mollis gedenken sie der Schlacht von Näfels und ihrer Opfer. Gemäss Fahrtsbrief, der amtlichen Darstellung der Schlacht, haben im Jahr 1388 etwa 450 Glarner, verstärkt durch ein paar Schwyzer und Urner, eine Habsburger Übermacht besiegt. Wie gross sie war, darüber zirkulieren verschiedene Zahlen. Einmal ist sie 6500 Mann gross, im Fahrtsbrief wächst sie gar auf «fünfzechen tusend mannen zuo ross und zuo fuoss».

«Schützen, aufpassen! Anschlagen! Feuer!» Es dauert einige Sekunden nach dieser Ansage aus dem Lautsprecher, bis der erste Schuss fällt. Dann knallt es wie bei einem 1.-August-Feuerwerk, die Schüsse verhallen zwischen den steilen Felswänden. Patronenhülsen klimpern zu Boden, der Geruch von Schiesspulver breitet sich aus. Ein Dutzend Männer liegt im Schiessstand auf dem Bauch, die Gewehre im Anschlag. Schütze Nummer sieben liegt regungslos auf dem Boden, nur die Bewegungen der Rippen zeigen, dass er noch atmet. Dann bewegen sich auch die Rippen nicht mehr. Der Zeigefinger knickt, Schuss, ein Ruck geht durch den Mann. Es ist eine nüchterne Umgebung für das Gedenken einer so grossen Tat wie jener von 1388. Der Schützenstand ist ein einfacher Holzbau, nur mit dem Notwendigsten ausgerüstet. Im Innern ist es düster, die Bise fährt scharf durch die versammelten Schützen.

Eine nüchterne Umgebung für das Gedenken einer so grossen Tat wie jener von 1388: Blick aus dem Schützenhaus auf den Scheibenstand. Foto: Fabienne Andreoli

«Die haben unser Geld gerne»

Der Schützenverein Weisstannen sammelt sich nach dem Feuer vor dem Schützenhaus. Sie tragen die Trainerjacken ihres Vereins, über dem Herz eingestickt ihre Namen: Ruedi, Franz, Sepp, Heidi, Leo. Die Meinungen sind gemacht. Sie werden am 19. Mai alle gegen die EU-Waffenrichtlinie stimmen. Auch wenn sich die Schützen einig sind, dass sich für sie nicht viel ändert. «Ich sehe den Sinn nicht. Wer eine Waffe will, der bekommt sie trotzdem», wirft Sepp ein. Und Leo: «Das bringt nur mehr Bürokratie. Überall soll man sich heute registrieren.» «Mir geht es gegen den Strich, dass uns die EU ständig droht.» «Es geht um einen schleichenden EU-Beitritt. Geben wir den kleinen Finger, nehmen sie die ganze Hand.» «Früher hat man noch geglaubt, was die Politiker in der ‹Arena› sagten. Aber heute ist man misstrauisch.» Abgewiesene Asylbewerber würden ja auch nicht ausgeschafft.

Frage in die Runde: Soll die Schweiz wegen dieser Einschränkungen bei der Waffenbesorgung alle Vorteile riskieren, die ihr das Schengen-Abkommen bringt? Zugriff auf das internationale Fahndungssystem, Reisefreiheit, Entlastung im Asylwesen? «Die werfen uns nicht hinaus. Die haben unser Geld gerne», sagt ein Schütze.

«Aber Valerio. Das hat doch mit unserer Tradition nichts zu tun.»
Fredy Reifler,
Begeisterter Schütze und Teilnehmer
des Fahrtschiessens

Schützinnen und Schützen verstehen auch nicht, weshalb die EU ausgerechnet ihre Waffe als böse Waffe klassiert. Sie wissen, wie man mit ihr umgeht. Am Kontrollposten vor dem Schiessstand zeigen sie unaufgefordert ihre Waffe, bei allen ist der Verschluss offen, das Magazin entfernt. So, wie es die grossen Lettern auf den Aushängen fordern. Dafür bekommen sie ein «Guet Schuss». Nach dem Schiessen dasselbe Prozedere. Als sich Walter Pfiffner aus dem Sankt-Gallischen vor bald 50 Jahren zum Jungschützenkurs aufmachte, nahm ihn sein Vater beiseite und sagte: «Hör einmal zu, junger Burscht. Diese Waffe hier, das ist kein Spielzeug.» Diese Worte hat Pfiffner noch heute im Ohr, wenn er sein Sturmgewehr zur Hand nimmt. «Wir Schützen wissen alle, was mit einer ­Waffe passieren kann. Es ist nicht die Waffe, sondern der dahinter, der den Blödsinn macht.»

Es scheint, als bahne sich am 19. Mai wieder ein Kampf gegen eine ausländische Übermacht an – wenn auch nur mit Stimmzetteln und nicht auf dem Schlachtfeld wie 1388. Die Glarner hatten sich damals mit einem eigenen Landgesetz nicht nur von den Habsburgern losgesagt, sie hatten auch deren Burg Windegg zerstört. Das liessen sich diese nicht gefallen. «Am nünten tag im aberellen» fielen sie ins Glarnerland ein, wie es im Fahrtsbrief festgehalten ist. Das riesige Heer der Habsburger schritt Richtung Näfels. Das kleine Grüppchen von 450 Glarnern, das die Letzi sichern sollte, suchte das Weite. Das Heer durchbrach die Befestigung und zog plündernd ins Tal hinein.

Gibt es unter den Schützen in Mollis auch einen, der nicht mit der EU auf Konfrontation gehen will? Vor dem Schiessstand heisst es, man werde hier keinen finden. Einer findet sich aber doch. Fredy Reifler (76), zu seiner Aktivzeit Motorradfahrer. Er hat die 17 Seiten der bundesrätlichen Vorlage sorgfältig gelesen, wie er sagt, und ist zum Schluss gekommen: «Für uns Schützen ändert sich nichts.» Und: Wegen der minimen Einschränkungen für die übrigen Waffenbesitzer lohne es sich nicht, die vielen Vorteile zu riskieren. Sein Begleiter ist entrüstet: «Wir können uns doch nicht unsere Tradition kaputtmachen lassen!» «Aber Valerio», sagt Reifler. «Das hat doch mit unserer Tradition nichts zu tun!» Reifler schüttelt den Kopf. Viele plapperten nur nach, was auf den Plakaten stehe. «Aber die Leute sollen sich die Zeit nehmen und die Unterlagen lesen. Und sie sollen dabei denken.»

Sorge um die Tradition: Schütze Valerio. Foto: Fabienne Andreoli

Karl Mächler ist auch Befürworter des revidierten Waffengesetzes, sitzt im Vorstand des Glarner Schützenverbands und hat in den letzten Wochen vier kantonale Delegiertenversammlungen von Schützen besucht. Er gehörte stets einer kleinen Minderheit an. Vielleicht sei es auch eine grössere, sagt Mächler – nicht alle wollten sich exponieren. Er beobachtete, dass dort wie auch im Schiessstand sehr emotional argumentiert werde. Manche wetterten gegen das «Entwaffnungsdiktat der EU», andere würden das Ende des Schiesswesens heraufbeschwören.

Was die Abstimmung für den Besitz von Waffen bedeutet und welche Auswirkungen ein Nein für die Schweizer Bürgerinnen und Bürger hätte. (Video: Lea Koch, Nicolas Fäs)

Mächler ist seit 40 Jahren aktiver Schütze, und sollte die EU tatsächlich einmal das Schiesswesen gefährden, stünde er klar auf der Seite der jetzigen Gegner. Für den BDP-Politiker und Mitglied des Kantonsparlaments ist entscheidend, welche Konsequenzen ein allfälliger Ausschluss aus dem Schengen-Abkommen für die Wirtschaft und für die Sicherheit haben könnte.

Erschlagen und ertränkt

Wie es den Glarnern 1388 dennoch gelang, das stolze Heer zu besiegen, darüber wird Unterschiedliches überliefert. Sie hätten die Habsburger überrumpelt, als sie dabei waren, Vieh zu rauben, heisst es. Oder sie hätten Felsblöcke in die Reitergruppen donnern lassen. Das Chaos hätten sie genutzt und die Habsburger gegen Weesen in die Sümpfe getrieben, sie erschlagen oder im Walensee ertränkt. Der Schreiber des Fahrtsbriefs hält dazu nur fest: «Wie vil derselben an der zal sy mag man eigentlich nit wüssen.»

Ein Sturmgewehr gibt es schon heute nur unter strengen Auflagen: Ein Schütze im Schiessstand.

Martin Siegrist, Glarner, gewann das historische Schiessen mit dem Maximum von 50 Punkten. Dafür bekam er als Bundesgabe ein Sturmgewehr 90 – respektive ein Stück Papier. Um tatsächlich ein Sturmgewehr zu bekommen, muss er bei der Polizei einen Strafregisterauszug beantragen. Damit kann er bei der Gemeinde einen Waffenerwerbsschein einlösen. Gegen diesen Schein erhält er dann im Zeughaus das Gewehr. Diese Prozedere gilt heute schon.

Erstellt: 14.04.2019, 22:45 Uhr

Eine schwindende Macht

130'000 Mitglieder zählt der Schweizer Schiesssportverband und ist damit nicht nur referendumsfähig, sondern auch initiativfähig. «Es lohnt sich, wenn der Bundesrat eine gute Lösung sucht, damit wir nicht das Referendum ergreifen», sagte Präsident Luca Filippini vor zwei Jahren. Den Schützen reichte das Aus­gehandelte nicht, und sie ergriffen das Referendum. Auch wenn sie am 19. Mai an der Urne erfolgreich sein sollten, wird die politische Macht des Verbands in den nächsten Jahren wohl weiter sinken. Viele Schützenvereine sind überaltert und können sich nur dank Fusionen am Leben erhalten. Die Zahl der Jungschützen – der potenziellen Neumitglieder – ist 2016 zwar sprunghaft von 6980 auf 9743 gestiegen, aber nur, weil das Zulassungsalter auf 15 Jahre gesenkt wurde. Seither sinkt ihre Zahl wieder. Die Vereine versuchen, ihre Mitgliederzahl zu stabilisieren, indem sie neue Sportarten fördern: So werben sie mit dem Targetsprint um Junge, einer Kombination von Mittelstreckenlauf und Schiessen. (jho)

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