«Sie wollen nicht mehr Tierschutz, sondern Beträge vom Bund»

Ein Jahr nach dem Tierquälerei-Skandal von Hefenhofen ist die Schuldfrage noch immer nicht geklärt. Viele Pferdezüchter fürchten um ihr Geschäft.

Die Hefenhofener Stuten Liviana und Violine haben sich in der Herde bei Hans Bernhard in Affoltern im Emmental gut eingelebt. Foto: Adrian Moser

Die Hefenhofener Stuten Liviana und Violine haben sich in der Herde bei Hans Bernhard in Affoltern im Emmental gut eingelebt. Foto: Adrian Moser

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Man sieht nichts. Gar nichts. Auch nicht, wenn man so nah rangeht, dass man ihren Schweiss riecht und ihren feuchtwarmen Atem fühlt. Keine Narben, keine Spuren von Vernachlässigung, keine geschundenen Hufe. Liviana und Violine sehen aus wie zwei durch und durch normale, gesunde Rösser. Aber das sind sie nicht. Liviana und Violine, die heute auf dem Pferdehof der Familie Bernhard im westlichen Emmental zu Hause sind, saftige Wiesen, Blick auf die Jungfrau-Kette, sind Teil einer Geschichte, die die Schweiz im letzten Sommer wochenlang in Atem hielt.

Liviana und Violine sind reinrassige Freiberger. Angehörige der letzten einheimischen Pferderasse. Und damit Teil eines Kulturguts, dessen Schutz sich die Schweiz zur Aufgabe gemacht hat. Rund 10 Millionen Franken gibt der Bund jedes Jahr für die Freiberger-Pferde aus. Das Geld fliesst unter anderem zu den Züchtern: Für jedes Fohlen erhalten sie eine Pauschale von 500 Franken. Auch für jene Jungtiere, die direkt zur Schlachtbank geführt werden. Das sind immerhin 37 Prozent.

Die Eidgenossenschaft fördert aber auch die Pflege des Genpools: Es werden nur jene Freiberger-Hengste zur Fortpflanzung zugelassen, welche die strenge 40-tägige Prüfung im Schweizer Nationalgestüt in Avenches bestehen. Experten des Bundes begutachten dabei nicht nur die äussere Erscheinung der Tiere, ihr Fell, ihren Bau, ihre Proportionen. Sondern auch ihre Ausbildung, und ja, die Beamten prüfen sogar den Charakter der Pferde: von ausgeglichenem Temperament sollen die Freiberger sein, treu, genügsam, anpassungsfähig und sehr leistungsbereit.

Eine Welle der Empörung

Alles Eigenschaften, die sich auch die Schweizer gerne zuschreiben. Die Pflege der einheimischen Pferderasse ist ein bisschen auch die Pflege der Nation.

Wie ernst es den Behörden und den subventionierten Züchtern aber wirklich ist mit dem Wohl der Freiberger, darüber gibt es seit einem Jahr Zweifel. Anfang August 2017 wurde bekannt, dass der Züchter Ulrich K. im thurgauischen Hefenhofen rund 90 Pferde, die meisten Freiberger, unter äusserst prekären Bedingungen hielt. Aufnahmen von Tierschützern zeigten verwahrloste, abgemagerte, verletzte und sogar tote Tiere auf dem «Quälhof» («Blick»). Eine Welle der Empörung erfasste das Land. An Mahnwachen, bei Demonstrationen, in Petitionen und in Strafanzeigen wurde die immer gleiche Frage gestellt: Wer trägt die Verantwortung?

Der Kanton Thurgau, der die Einhaltung des Tierschutzes hätte sicherstellen müssen? Der Bund, der den Betrieb von Ulrich K. indirekt mit Subventionen am Leben hielt, das Leiden der Tiere verlängerte? Die vielen Leute in den Freiberger-Zuchtverbänden, die von den Problemen auf dem Hof wussten, sogar Pferde kauften in Hefenhofen, aber nichts unternahmen?

Schuld sind die anderen

Ein Jahr nach dem Skandal sind diese Fragen noch immer offen. Seitens der Politik ist immerhin das Bestreben erkennbar, Antworten zu finden. Kaum hatte die Polizei die rund 90 Pferde in Hefenhofen beschlagnahmt, setzte die Thurgauer Regierung eine unabhängige Untersuchungskommission ein. Sie untersucht, ob der Kanton im jahrelangen Rechtsstreit mit Ulrich K. Fehler gemacht und den Tierschutz vernachlässigt hat. Die Ergebnisse lägen Ende September vor, sagte Untersuchungsleiter Hanspeter Uster kürzlich dieser Zeitung.

Auffällig ruhig blieb es hingegen in der kleinen Szene der Züchter von Freiberger-Pferden. Einen Monat nach dem Hefenhofen-Skandal richtete sich Jean-Paul Gschwind, Präsident des Schweizerischen Freibergerverbands und CVP-Nationalrat, im Verbandsmagazin an die Züchter. Gschwind bedauerte, dass die «tollen Resultate» der Freiberger-Pferde an europäischen Concours im Sommer 2017 durch den Skandal von Hefenhofen «besudelt» worden seien. Der Fall schädige alle Anstrengungen der Züchter und zeige die Laxheit der Thurgauer Behörden. Dies sei nicht akzeptabel. Aber, so Gschwind im September: «Es ist Zeit, dieses Kapitel abzuschliessen und diese hässliche Sache zu vergessen.»

An der einseitigen Schuldzuweisung an die Thurgauer Politik hat sich bis heute nichts geändert. Auf Nachfrage bekräftigt Verbandspräsident Gschwind: «Hefenhofen war ein Einzelfall. Der Kanton Thurgau hat seine Arbeit nicht gemacht. Aber das ist jetzt erledigt.» Gibt es keine Mitverantwortung der Züchter, die die Zustände auf dem Hof kannten? «Nein, das ist nicht unser Problem. Der Tierschutz ist Sache des Kantons. Die Behörden haben zu lange weggeschaut.» Schuld, so scheint es, sind die anderen.

Thomas Frei lehnt sich langsam zurück in seinem Bürostuhl. Die Bewegung sagt: Das wird ein längeres Gespräch. Kaum jemand kennt die hiesige Pferdeszene besser als er. Frei, der mit Pferden aufwuchs, begleitet sie seit über 40 Jahren als Journalist. Heute ist er Chefredaktor und Verleger des Pferdemagazins «Kavallo». Er hat sich im Keller seines Henggarter Einfamilienhauses ein Büro eingerichtet. Dort produziert er elf Hefte pro Jahr. Wie es läuft? «Wir überleben. Das ist gut», sagt Frei.

«Kavallo» berichtete bereits 2016 über Missstände auf dem Hof von Ulrich K. und übte damals auch Kritik an den untätigen Behörden. Doch die einseitige Schuldzuweisung an Ulrich K. und die Thurgauer Politik überzeugt Frei nicht. Er glaubt, dass man die veränderten wirtschaftlichen Strukturen begreifen müsse, um den Fall Hefenhofen richtig erfassen zu können. «Das Verhältnis zwischen Mensch und Ross hat sich gewandelt. Früher hielt man Pferde, um sich mit ihnen den Lebensunterhalt zu sichern. Heute muss der Besitzer Geld verdienen, um sein Pferd zu finanzieren.»

Der Verband unternahm nichts

Die Freiberger-Pferde seien eine Ausnahme, jedenfalls für die traditionellen Züchter, so Frei. «Für sie ist das Pferd nach wie vor landwirtschaftliches Produktionsgut. Ein Geschäft. Viele Züchter wollen nicht mehr Tierschutz, weil das ihre Arbeit erschwert. Sie wollen Ruhe und pünktlich ihre Beiträge vom Bund.» Aus diesem Grund hätten auch viele Züchter und Vertreter des Verbands nichts unternommen, obwohl sie seit Jahren von den Problemen auf dem Hof von Ulrich K. wussten. «Es hat einfach niemand gehandelt», sagt Frei. Aber was heisst eigentlich wissen? Und was heisst handeln?

Hans Bernhard kommt gerade vom Rasieren. Er steht in seiner Scheune und tupft sich das Blut aus dem Gesicht. Bernhard ist ein Neuling in der Pferdeszene. 2015 sattelten er und seine Familie um. Sie gaben die Bio-Schweinezucht auf und begannen, auf den westlichen Hügeln des Emmentals einen Bio-Pferdehof einzurichten, mit Aufzucht für Jungtiere und Altersheimplätzen für ältere. 2016 fuhr Hans Bernhard erstmals nach Hefenhofen zu Ulrich K. Eigentlich beabsichtigte er, nur ein Fohlen zu kaufen. Es wurden dann zwei, weil er und seine Tochter sich in verschiedene Fohlen verliebten. Und es entstand ein loser Kontakt mit Ulrich K., wie ihn viele Züchter pflegten. Er habe schon geahnt, dass K. Probleme habe, sagt Bernhard jetzt. Er habe auch überlegt, ob und wie er K. helfen könnte, als dessen Vater im Frühling 2017 gestorben sei. «Aber diese Bilder, die dann in der Zeitung waren, das hätte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen können.»

Keine Spätfolgen

Sofort entschieden die Bernhards, zwei Pferde aus Hefenhofen zu adoptieren und ihnen zwei Plätze im Stall zu überlassen, die ansonsten vermietet werden könnten. Von der ersten Auktion im Sand jedoch fuhr Bernhard mit leerem Transporter nach Hause. «Keine Chance», erzählt er. Der Andrang sei viel zu gross gewesen. Tierschützer, Gaffer, Züchter. Bei der zweiten Auktion, zwei Monate später, gingen die Pferde von Ulrich K. dann kaum mehr weg. Das öffentliche Interesse? Erloschen. Die Preise? «Eher tief. Etwa Metzgerpreis», sagt Bernhard. Manche Käufer hatten besonderes Glück: Ihre Stuten stellten sich in den folgenden Monaten als trächtig heraus. Somit sprang für sie noch eine Fohlenprämie heraus. «Bei uns war das leider nicht der Fall», sagt Bernhard.

Liviana und Violine, die zwei Stuten, die Bernhard nach der Auktion in seinen Transporter lud, haben sich gut eingefügt in die Herde. Spätfolgen zeigten sie keine, so Bernhard. Im Gegenteil. Ruhig seien sie, und pflegeleicht. Ganz normale, gesunde Rösser.

Erstellt: 04.08.2018, 07:44 Uhr

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