«Dieser Aberglaube ist völliger Blödsinn»

Wie Evi und die auffällige Sturm-Häufung einzuschätzen sind und wieso Schweizer anders als Deutsche auf dieses Naturereignis reagieren, sagt Meteorologe Jörg Kachelmann.

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Zurzeit bläst Sturm Evi bei uns. Am Donnerstag kommt Friederike – weiss man schon, wie heftig Friederike ausfallen wird und wo das genau sein wird?
Sie wird bei uns kein grosses Drama; es wird einmal recht stürmen, vor allem abends um die Kaltfront herum, auf den Bergen auch mit Orkanböen, die es aber im Flachland kaum geben wird. Ein Sturm, den man früher in den Medien nicht gross erwähnt hätte. Aber wenn die deutschen Medien ganz aufgeregt sind, weil es dort stärker ist und es heute auf jeden Klick ankommt, sind wir alle natürlich schon ganz aufgeregt.

Burglind, Evi, Friederike: Wieso erleben wir so viele Stürme nacheinander – was ist der meteorologische Grund?
Wir haben nach vielen Jahren Pause mal wieder das Wetter, von dem wir immer wieder in der Schule gehört haben: Wir sind in der Westwindzone.

Ist das eine aussergewöhnliche Häufung?
Es war in den letzten Jahren extrem selten, nun ist es in der Nähe des Normalen.

Hat das global irgendwie mit den vielen Hurrikanen zu tun, die im Herbst über Florida & Co. zogen?
Nein. Auch der Aberglaube, dass das Wetter in den USA mit irgendeiner Verzögerung zu uns käme, ist völliger Blödsinn.

Kaum zieht ein heftiger Sturm auf, wird er mit dem «Jahrhundertsturm» Lothar verglichen. War Lothar tatsächlich ein Jahrhundertsturm?
Ja, Lothar war etwas ganz Besonderes. Keines dieser Tiefs in diesem Winter kam ihm auch nur nahe. Wenn Lothar der Tagi war, ist alles, was jetzt passiert, nicht einmal ganz «20 Minuten».

Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein ähnlicher Sturm wie Lothar in den nächsten Jahren auftritt?
Wie immer. Gering, aber nie ausgeschlossen, wenn alles passt.

«Laubbläser sind unschweizerisch.»

Sie haben unlängst gesagt, dass sich die Deutschen in extremen Wettersituationen, wie beim Sturmtief Burglind, zu leichtfertig verhalten und damit sich selbst unnötig in Gefahr bringen. Was tun sie bei Stürmen denn genau, die Deutschen?
Es war ein leicht satirischer Text, weil ich das Gefühl habe, dass es fast immer Deutsche sind, wenn irgendwo eine Lawine runtergeht und jemand abseits der Piste fuhr. Oder kürzlich sieben Tote wegen eines relativ zahmen Würstlisturms in Berlin, das ist tragisch, und ich versuche, mit meiner Arbeit permanent darauf hinzuweisen, dass man solche Stürme perfekt überleben kann, wenn man nur von den Bäumen wegbleibt.

Woran liegt dieses Verhalten?
Schwer zu sagen. Ich bin als kleiner Schwob mit vier Jahren in die Schweiz gekommen und kenne beide Seiten. Es ist vielleicht der unbewältigte Konflikt des obrigkeitshörigen Beamtenliebhabers, dem im Beruf Hierarchien wichtig sind. Und das wird andererseits in der Freizeit gerne kompensiert, dass man sich durch unsichtbare Hierarchien ungern etwas sagen lässt. Dazu gehören auch Tempolimiten und Verbote auf Skipisten.

Und wie siehts da mit den Schweizern aus?
Man muss zugeben: Es gibt viel weniger Schweizer als Deutsche, also werden sie auch seltener zu Opfern von Naturereignissen. Und bei uns ist das Hierarchieverständnis eher umgekehrt: Das Gefälle zwischen Chefarzt und Krankenschwester ist geringer als nördlich von uns, wir sind freundlicher miteinander, aber eher durch eine Verbotstafel beeindruckt, weil sie nicht im helvetisch-konzilianten Konjunktiv («Sie chönd scho do dure fahre, aber s wär welewäg gschider, wänn vilicht nöd, me wäiss nie») zu uns spricht, sondern wortlos verbietet.

Und in der Schweiz röhren nach einem Sturm die Laubbläser auf. Ich habe heute Morgen zwei gesehen. Auch ziemlich speziell, nicht?
Laubbläser sind unschweizerisch. Es ist wie bei den Leuten, die nicht mehr «poschte», sondern «ichaufe» sagen und denen das Essen «schmöckt». Für jeden Tag, an dem das passiert, stirbt noch einmal ein Schweizer an der Beresina, und Roger Federer zwickts im Tiebreak. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.01.2018, 15:17 Uhr

Meteorologe und Unternehmer Jörg Kachelmann betreibt den Wetterkanal kachelmannwetter.com. (Bild: Twitter)

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