Dieser Bundesrat passt ins Bild

Zwei Fotografen haben Bundesrat Alain Berset je ein Jahr lang begleitet. Die Fragen bleiben aber die gleichen: Wie zeigt sich Macht? Und wo beginnt die Inszenierung?

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Alain Berset und seine Entourage, zu Fuss unterwegs von ihrem Hauptquartier hinter dem Bundesplatz ins Medienzentrum, wo die Presse wartet: ein wenig mehr Dynamik als bundesratsüblich. Ein wenig mehr Souveränität. Und auch ein wenig mehr Wille zum Stil. Der schnittige Anzug, die schmalere Krawatte, die Sonnenbrillen. Und sogar an Körpergrösse überragt Berset das gewohnte Landesregierungsmass. Er passt gut ins Bild.

Das wissen auch sein Kommunikationsberater und seine Kommunikationschefin – die Spezialisten, die ihm Rat und Sicherheit bieten, wenn es um seine öffentliche Wirkung geht.

Peter Lauener ist der Kommunikationsberater Alain Bersets, und wenn man ihn danach fragt, dann amüsiert ihn dieser Eindruck. Aber ja, sagt er. Man sei hier anders organisiert als in anderen Departementen. Das bedeutet, dass er und seine Kollegin, Kommunikationschefin Nicole Lamon, keinem Generalsekretariat, sondern direkt ihrem Bundesrat unterstellt sind; so wie die persönlichen politischen Berater. Und diese Nähe sagt etwas über die Bedeutung, die die Öffentlichkeit für Alain Berset hat. Politik sei immer auch Kommunikation, sagt Peter Lauener. Und ähnlich sagt es sein Chef: «In einer direkten Demokratie ist die Aufgabe, die Bevölkerung zu überzeugen, nie zu Ende.»

Vor, hinter und um Berset herum

Zwei Fotobücher mit dem fotogenen Bundesrat kommen in diesen Tagen auf den Markt. Total sind es gegen zwei­hundert illustrierte Seiten, und immer wieder sieht man die beiden Kommunikationsspezialisten, während sie in der Medienöffentlichkeit sonst nie erscheinen. Sie sind vor Berset, hinter Berset und um Berset herum. Mit ihm im Lift und in der Limousine. Im Hotelzimmer und im Flugzeug. Bei der UNO und am WEF. Auf dem Rütli und in Tokio. Beim Schminken vor dem Fernsehauftritt. Oder beim Festzurren der Krawatte in einem Café in Basel, bevor es zur Konferenz der Botschafter geht. Und zwar mit dem Tram.

Die Aufnahme im öffentlichen Verkehrsmittel hat Peter Klaunzer gemacht. Er ist Bundeshausfotograf der Agentur Keystone-SDA, und er begleitete Alain Berset durch sein Präsidialjahr 2018. Dazu gibts (der Termin ist Zufall) einen zweiten Bildband zu Berset: Im Jahr zuvor war der freischaffende Freiburger Fotograf Nicolas Brodard mit dem Bundesrat unterwegs gewesen.

Kein Privatleben, keine Besprechungen mit anderen Bundesräten – das war der Deal für beide Fotografen. Zudem behielt sich das Departement sein Veto für Bilder aus Bereichen vor, zu denen die Medien normalerweise nicht zugelassen sind. Im Gegenzug hatten beide Fotojournalisten zu diesen Bereichen einen privilegierten Zugang. Und Einblick in Bersets ganze amtliche Agenda. Das Vetorecht, so sagen es alle beteiligten Parteien, sei nie beansprucht worden. Sie hätten, sagen die beiden Fotografen, alle Freiheiten gehabt. Und gestellte Bilder habe es nie gegeben.

Die Fragilität der Würde

Berset ist nicht der erste Bundesrat, der einen Fotografen so nah an sich heranlässt. Der Genfer Christian Lutz publizierte vor über zehn Jahren «Protokoll», nachdem er Bersets Vorvorgänger Pascal Couchepin mehrfach auf Auslandmissionen begleitet hatte. Das Buch war schmal, der Blick aber umso konzentrierter: Lutz interessierte sich für die Beflissenheiten auf den Bühnen der internationalen Diplomatie. Und dabei vor allem für die Momente, in denen diese Rituale aus dem Takt gerieten. Es ging Lutz dabei nicht ums Denunzieren: Seinem wachen Auge, seiner feinen Ironie genügte schon der unbotmässige Schritt eines Anzugträgers, die gelangweilte Miene eines Magistraten, um das Fragile jener Würde zu zeigen, um die sich die Mächtigen stets von neuem bemühen.

Bei Klaunzer geht es laut Klappentext «um einen seltenen Einblick in den Alltag der hohen Politik», bei Brodard um «den Blick auf die Welt der Macht». Doch so sprechend wie die von Lutz sind die Bilder aus den Berset-Projekten nicht. Ästhetisch sind sie von unterschiedlicher Prägnanz. Und politisch Brisantes bringen sie nicht ans Licht. Doch das wird auch kaum jemand von Büchern erwarten, die «Alain Berset, Bundespräsident» (Klaunzer) und «Conseiller fédéral» (Brodard) heissen. Schon die Titel verraten den Respekt, mit dem die Fotografen ans Werk gegangen sind. Klaunzer und Brodard sagen beide, ihr Thema sei weniger dieser eine Bundesrat gewesen als vielmehr dessen Amt. Und beide wollten das Konkrete, das Normale des Regierens zeigen. Wenn auch mit unterschiedlichen Methoden.

Wenn Politik ein Schauspiel ist, dann bildet die kommune Nachrichtenfotografie die Schauspieler beim Schauspielen ab. Heraus kommen dann Bilder fürs Programmheft. Anschaulich zeigt das in diesen Tagen das WEF in Davos. Peter Klaunzer wollte mehr als das: auch das Davor und das Danach. Die Kulissen, die Requisiten, die Akteure zwischen Technik, Garderobe und Kantine, Leute aus dem Publikum. Er mag sich dabei, wie er erklärt, an die Tradition des «presidential photographer» gehalten haben. Jenes Leibfotografen also, den sich die US-Präsidenten halten, in ihrem Dienst und Sold, um ihr öffentliches Bild nach Bedarf zu pflegen. Klaunzer dagegen war zwar embedded, aber nicht Bersets Angestellter. Zudem ist er auch den klassischen Bildformeln der Politikwerbung nicht auf den Leim gegangen: der Staatsmann als Schaffer (telefonierend), als Visionär (aus einem Fenster blickend), als Mann von nebenan (winkend), als Mensch (mit Hunden und Kindern).

Über die Schulter geschaut

Solche Szenen kennt man aus dem Weissen Haus; Barack Obamas Fotograf Pete Souza war dafür berüchtigt. Und auch aus Österreich, wo manche Medien mittlerweile ihre Artikel mit den Produkten aus den PR-Ateliers der Regierungsmannschaft illustrieren, ohne sie als solche zu kennzeichnen. Sodass etwa mitten in der kritischen Diskussion über die Asylpolitik des Landes ein Bild auftaucht, das Propaganda für den Aussenminister macht: Sebastian Kurz als ­Kinderfreund in einem Flüchtlingslager in Äthiopien.

Man findet diese Bildformeln nun zwar auch in Klaunzers Berset-Buch. So blickt der Bundesrat schon auf dem Titelbild denkerisch aus dem Flugzeugfenster, er führt wichtige Telefonate, und er besucht die Patientin einer Kinderklinik. Allerdings gehören solche Auftritte zum Arbeitsrepertoire jedes Magistraten. Und sie sind bei Klaunzer ­selten derart überhöht, dass die Bilder zu blossen Sinnbildern werden.

Könnte es sein, dass die öffentliche Figur namens Alain Berset ein Angebot zur Identifikation darstellt?

Nicolas Brodard blickt ebenfalls ­hinter die Kulissen des Regierungsschauspiels. Aber er dreht die Perspektive, indem er das Theater aus der Sicht des Hauptdarstellers zeigt. Dazu schaut er Berset über die Schulter, und zwar wörtlich. Die Kamera des Fotografen folgt dem Blick des Bundesrats. In den besten Momenten bekommt der Betrachter so die Reaktionen ab, die Berset erfährt. Das Strahlen im Publikum am Jodlerfest in Brig zum Beispiel. Aber auch jenen säuerlichen Blick, der Berset vor einer Debatte im Westschweizer Fernsehen trifft: von Christian Lüscher, dem freisinnigen Genfer Nationalrat, einem scharfen Kritiker von Bersets AHV-Reform.

Brodard sagt, er gebe dem Betrachter die Möglichkeit, das Land mit den Augen eines Bundesrats zu sehen. Gleichzeitig könne er «Alain Berset porträtieren, ohne ihn zu zeigen». Womit ausgeschlossen sei, dass er eine PR-Botschaft transportiere. Allerdings, bei aller Umsicht: Schon die Aufmerksamkeit, die einem Bundesrat mit zwei solchen Projekten zuteilwird, ist eine Botschaft. Umso entscheidender stellt sich die Frage, was dabei herauskommt. Was sagen diese Bilder über diesen Mann, seine Arbeit und sein Amt?

Es sieht alles so mühelos aus

Zu sehen ist das schiere Ausmass an Auftritten und Reisen in einem Bundespräsidentenjahr. Auch die Frischluftknappheit, die in diesem Universum aus Konferenzsälen, Korridoren und Hinterzimmern herrschen muss; wo es sie gibt, führen die Schnittblumen gegen die Aktenstapel einen aussichtslosen Kampf. Ins Auge aber sticht vor allem eines: die Parkettsicherheit dieses Bundesrats. Die Souveränität, mit der er seine Rolle als Magistrat ausfüllt. Und die scheinbar ebenso mühelose Art, eine Weltgewandtheit zu verkörpern, die man einem Vertreter dieser Landesregierung nicht zugetraut hätte.

25. Mai 2018, Besuch der Architekturbiennale in Venedig: Alain Berset steht im Sommeranzug am Heck eines Taxiboots, das über die Lagune setzt, neben seiner Frau und einem persönlichen Mitarbeiter. Und Peter Klaunzer fotografiert vom Bug aus übers Dach des Boots den ganzen Glamour auf dem türkisblauen Meer: eine bella figura. Was Bersets Kollegen in der Landesregierung derweil tun: Sie wetteifern um die besten Plätze in den Hitparaden der «peinlichsten Bundesratsauftritte» und setzen sich, so wie Johann Schneider-Ammann, für den «Donnschtig-Jass» in einen Elektroscooter, um einen Stapel Autoreifen auf dem Bundesplatz zu überfahren.

Volksnähe also. Oder das, was viele dafür halten. Zwar sieht man auch Alain Berset auf Festwirtschaftsbänken und auf der Rütliwiese sitzen. Nicht ohne Krawatte allerdings. Könnte es also sein, dass die öffentliche Figur namens Alain Berset, wie sie sich hier zeigt, ein Angebot zur Identifikation darstellt? Es wäre eines für den urbanen Teil des Landes, während der übrige Bundesrat sich an die Agglomerations- und die Rustikalschweiz wendet.

Ist Politik nur Show?

«Wissen Sie», sagt Berset, «es ging hier nicht um einen Werbespot für mich. Die Fotografen haben die Wahl der Sujets selbst getroffen.» Die Entwürfe der Bücher hat er noch nicht gesehen, und darum hat nun leider auch die Frage keinen Sinn, wie er sich in diesem Spiegel sieht. Aber, so Berset: Bundesräte seien keine Schauspieler. «Ich habe immer sehr viel Wert darauf gelegt, ich selbst zu sein. Wenn jemand nur eine Rolle spielt, merkt man das sofort.»

Andere würden sagen, genau das mache gutes Schauspiel aus: Es ist nicht mehr zu erkennen, dass es sich um eine Rolle handelt.

Bleibt die Frage, ob das die richtige Frage ist. Ist Politik nur Show? Alles nur Inszenierung? Wer diesen Verdacht verbreite, der tue nichts gegen den Verlust an Vertrauen in die Politik, schreibt die österreichische Politologin Petra Bernhardt. Vor allem aber übersehe er, dass Inszenieren ganz normales Alltagshandeln sei. Auch in der Politik. Und dann schreibt die Expertin, eigentlich bekannt für ihren kritischen Blick auf politische PR mittels Bildern, etwas diesbezüglich Bemerkenswertes: «Viel wichtiger als ihre Darstellungsdimension ist die Frage, welche Ergebnisse die Politik erzielt.»

Erstellt: 25.01.2019, 18:43 Uhr

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Zwei Bücher, eine Ausstellung

Peter Klaunzer: Alain Berset, Bundes­präsident / Président de la Confédération. Verlag Stämpfli, Bern 2019. 112 Seiten, etwa 29 Franken. Erscheint in diesen Tagen.

Gleichnamige Ausstellung mit Klaunzers Bildern im Kornhausforum Bern (Galerie): 1. Februar bis 2. März. Eröffnung am 31. Januar, 19 Uhr: Einführung von ­Bernhard Giger, Leiter des Hauses, danach Gespräch mit dem Fotografen und dem Bundesrat.

Nicolas Brodard: Conseiller fédéral. Text von Oswald Sigg. Till Schaap Edition, Bern 2019. 160 Seiten, etwa 49 Franken. Erscheint Ende Februar / Anfang März.

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