Dieser Feminismus ist eine Wucht

Die neue Frauenbewegung ist kämpferisch, aber nicht verbissen. Sie lebt von Macherinnen, nicht von Opfern.

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Heute ist Frauenstreik. Schon dieses Wort ist eine Provokation! Der Frauen­streik ist ja kein Arbeitskampf im eigentlichen Sinn. Als politischer Protest richtet er sich nicht gegen eine einzelne Firma oder eine Branche. Ein ganzes System steht am Pranger –und zwar von links bis rechts.

Die neue Frauenbewegung, wie sie sich im Vorfeld dieses 14. Juni 2019 gezeigt hat, passt in keine Schublade. Sie lässt sich parteipolitisch nicht klar verorten. Auch wenn der Streikaufruf nach Gewerkschaft klingt und vor allem bürgerliche Frauen lieber von einem nationalen Aktionstag als einem Streik sprechen: Der heutige Tag verspricht zu einem Fest aller Frauen zu werden.

Lehrerinnen, Pflegefachfrauen, Politikerinnen, Vollzeitmütter, Praktikantinnen, Kaderfrauen, Studentinnen, Bäuerinnen und Rentnerinnen: Zu Tausenden werden sie in die grossen Schweizer Städte strömen, um Reden und Konzerte zu hören, sich an Aktionen zu beteiligen oder einfach nur da zu sein. Und natürlich will man sich auch kämpferisch geben: Frauen sollen endlich überall gleichen Lohn für gleiche Arbeit erhalten. Damit sich Berufs- und Familienleben verein­baren lassen, braucht es bezahlbare Krippenplätze. Die Aufteilung von entlöhnter und unbezahlter Arbeit darf nicht einseitig zulasten der Frauen gehen. Und auch unser Vorsorge- und Steuersystem soll den Fokus nicht länger allein auf die klassische Erwerbsbiografie des Mannes legen.

Die Frauen studieren und verhandeln selbstbewusst

Die Forderungen sind so alt wie dringlich. Man mag sie eigentlich längst nicht mehr hören. Im neuen Feminismus werden sie aber in einer solch unverkrampften Selbstverständlichkeit und mit einer solchen Wucht präsentiert, dass niemand mehr sagen kann, das gehe ihn oder sie nichts an.

Der Handlungsbedarf ist ja auch offensichtlich: Mädchen sind in der Schule heute zwar besser als Knaben. Sie schaffen eher den Übertritt ans Gymnasium, und zunehmend lassen auch die Studentinnen an den Schweizer Universitäten die Studenten hinter sich. Im Berufsleben geben aber noch immer die Männer den Ton an: Sie verdienen mehr, arbeiten meist Vollzeit und machen rascher Karriere. Ihre Kolleginnen finden sich nach der Ausbildung tendenziell in schlechter bezahlten Branchen wieder, nach der Geburt des ersten Kindes treten die meisten Mütter kürzer, in die obersten Führungspositionen schaffen die Frauen es kaum. Dafür sind sie zu Hause die Chefinnen. Sie schmeissen den Haushalt, erziehen die Kinder und pflegen die betagten Angehörigen. Unbezahlt natürlich.

Doch jammern bringt nichts. Man muss bei sich selbst anfangen. Im Kampf gegen die alten Rollenmuster stellen sich aufgeklärte Eltern die Frage, ob sie von ihren Mädchen tatsächlich vor allem Empathie und Verständnis verlangen und ihre Jungs eher dazu erziehen, die Ellbogen einzusetzen und im Mittelpunkt zu stehen. Im neuen Feminismus trauen sich kluge Gymnasiastinnen mit guten Mathematiknoten ein ETH-Studium zu. Berufstätige Frauen machen nicht länger die Faust im Sack und sehen sich als Opfer. Sie schliessen sich zusammen, netzwerken und verhandeln selbstbewusst ihren Lohn. Frisch Vermählte diskutieren vor der Familiengründung, wer sich wie viel um den Nachwuchs kümmert, und wenn die werdende Mutter den Löwinnenanteil trägt, fragen sie sich: Wieso eigentlich? Emanzipierte Väter wiederum lassen sich von ihren Frauen zu Hause nicht länger zu Juniorpartnern degradieren, sondern machen die Erziehungs- und Hausarbeit auf ihre Art.

Auch immer mehr Männer machen mit

Natürlich hat das Umdenken erst begonnen. Chefs entscheiden sich im Zweifelsfall immer noch zu oft für den Kandidaten statt die Kandidatin, weil sie ihm mehr Durchsetzungskraft zutrauen. Im Gegensatz zu den Frauen werden Männer nie gefragt: «Wie bringst du Beruf und Familie unter einen Hut?» Auch die Politik verabschiedet sich erst allmählich vom verbreiteten Rollenbild. Die Gesetze begünstigen nach wie vor die traditionelle Arbeitsteilung in der Familie.

Die neue Frauenbewegung erfasst aber immer weitere Kreise. Und ja: Auch Männer machen sich zunehmend für die Anliegen stark. Sie haben verstanden, dass das alles nicht einfach Frauenthemen sind, sondern dass eine gelebte Gleichstellung der Geschlechter schlicht zu einer liberalen Gesellschaft gehört.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.06.2019, 22:14 Uhr

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