Schweizer Friedensstifter nach Erfolg in Afrika zurückgestuft

Der Bund wollte Botschafter Mirko Manzoni auf einen Verwaltungsposten abschieben. Nun wechselt er zur UNO. Teil 2 unserer Moçambique-Recherche.

Am 6. August unterzeichnen die Parteien das Friedensabkommen in der Hauptstadt Maputo. Am linken Bildrand: Der Schweizer Vermittler Mirko Manzoni. Foto: ZVG

Am 6. August unterzeichnen die Parteien das Friedensabkommen in der Hauptstadt Maputo. Am linken Bildrand: Der Schweizer Vermittler Mirko Manzoni. Foto: ZVG

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Beendet eine Lungenentzündung alle Friedenshoffnungen in Moçambique? Zerstört sie die Bemühungen des Schweizer Botschafters Mirko Manzoni, der seit anderthalb Jahren zwischen Regierung und Rebellen vermittelt (Lesen Sie hier Teil 1 der Recherche)? Es ist der 2. Mai 2018, als Manzoni aus dem Busch einen Anruf erhält: Afonso Dhlakama, der Rebellenchef, schwebt in Lebensgefahr.

Es folgen zwei dramatische Tage. Erst heute wird bekannt: Es ist die Schweiz, die damals versucht, den Guerillachef zu retten. Manzoni chartert in Südafrika einen Ambulanzjet. Er selber will Dhlakama aus dem Busch holen und nach Beira bringen, von dort soll der Jet ihn nach Johannesburg ausfliegen. Doch als Manzonis Hubschrauber am nächsten Vormittag im Rebellencamp landet, ist es zu spät: Afonso Dhlakama, Renamo-Chef seit fast 40 Jahren, ist wenige Stunden zuvor gestorben.

Wird der Friedensprozess diesen Schlag überleben? In der Ungewissheit sendet Staatspräsident Filipe Nyusi Signale der Versöhnung aus. Er ermöglicht seinem Widersacher eine offizielle Trauerfeier. Und wenig später hilft seine Regierungspartei Frelimo mit, im Parlament eine Verfassungsänderung zu verabschieden. Bisher hat Nyusis Regierung alle Provinzgouverneure ernannt. Neu sollen die Provinzen ihre Gouverneure wählen. Damit steigen die Chancen für die Opposition, einen Teil der Macht zu erobern – durch Wahlen, nicht durch Waffengewalt.

Bemerkenswert ist, dass diese Verfassungsänderung bereits im Mai 2018 vom Parlament beschlossen wird – über ein Jahr bevor das definitive Friedensabkommen unter Dach ist. Dass wichtige Verhandlungsresultate schon vor der Vertragsunterzeichnung umgesetzt wurden, sei entscheidend, glaubt Manzoni. Dadurch stiegen die Chancen, dass dieser Friede – anders als frühere Anläufe – halten werde.

Ständig neue Probleme

Als neuer Renamo-Chef setzt sich der 56-jährige Ossufo Momade durch. Er wird das neue Gegenüber von Manzoni, der ständig zwischen dem Rebellen-Hauptquartier im Busch und der Hauptstadt hin- und herreist. «Drei Jahre lang hatte ich drei Büros: die Schweizer Botschaft in Maputo, den Busch und das Büro von Präsident Nyusi», sagt Manzoni. Ständig tauchen neue Probleme auf. Manchmal hätten sie vier Tage auf ein Meeting gewartet, das nie stattfand, erzählt die Kenianerin Neha Sanghrajka, Manzonis engste Mitstreiterin.

In solchen Situationen habe Manzoni enorme Ausdauer offenbart. «Mirkos Hartnäckigkeit, Hingabe und sein unerschütterlicher Optimismus» seien entscheidend gewesen, sagt Sanghrajka. Manzoni glaubt, dass auch Ehrlichkeit wichtig war: «Ich habe den Parteien auch das gesagt, was sie nicht hören wollten.» Mehr als einmal habe ihn der Präsident aus dem Büro gejagt.

Ständig Probleme gibt es auch mit der Zentrale in Bern. Manzoni und sein Team auf der Botschaft gewinnen den Eindruck, das EDA lege ihnen immer neue administrative Hürden in den Weg. Mehrere Quellen sagen, Manzoni habe sich ständig rechtfertigen müssen für das, was er tat. «Zeitweise war die Bürokratie die grössere Herausforderung als der Friedensprozess», sagt Neha Sanghrajka.

Die EDA-Pressestelle äussert sich nicht zur Frage, warum es zu diesen Spannungen kam. Ein Teil der Gewährspersonen sieht primär seine Vorgesetzten in der Verantwortung – konkret: die Abteilung Menschliche Sicherheit sowie Staatssekretärin Pascale Baeriswyl. Ein anderer Diplomat ist neutraler und meint, es seien halt starke Charaktere aufeinandergetroffen. Und sicher ist auch, dass Manzoni nicht von jener Sorte Diplomaten ist, die zuerst sieben Formulare ausfüllen, bevor sie im Feld etwas unternehmen. Ein hochrangiger Diplomat glaubt: «Gerade weil Manzoni so gut ist, passt er nicht ins System.»

Befehlsverweigerung

Im Frühling 2018 eskaliert der Konflikt. Die Abteilung Menschliche Sicherheit und Staatssekretärin Baeriswyl weisen ihn an, ein bestimmtes Dokument aus dem Friedensprozess nach Bern zu übermitteln. Manzoni verweigert den Befehl, wie er gegenüber dieser Zeitung bestätigt: «Als Schweizer Botschafter hätte ich gehorchen müssen, als Mediator konnte ich nicht gehorchen.» Die Verhandlungspartner hätten ihn noch nicht autorisiert, das Dokument herauszugeben. Irgendwie renkt sich die Sache ein; es gibt Indizien, dass Aussenminister Ignazio Cassis Manzoni in dieser Situation unterstützt.

Ein weiteres Konfliktfeld tut sich auf, als im Laufe des Jahres 2018 Manzonis Versetzung zum Thema wird. Das EDA hat sein 4-Jahres-Mandat bereits um ein Jahr verlängert. Doch auf Herbst 2019 will es ihn definitiv abberufen – Mediation hin, Friedensprozess her. Wie üblich kann Manzoni mehrere Wünsche für sein künftiges Wirkungsfeld anmelden. Das EDA erfüllt ihm keinen. Stattdessen ernennt ihn der Bundesrat am 24. Oktober 2018 zum Botschafter in Kuba. Amtsantritt im Herbst 2019.

Es kommt noch schlimmer: Als bei einem von Manzonis Kindern wenig später eine Krankheit diagnostiziert wird, kommt Kuba aus medizinischen Gründen nicht mehr infrage. Als Ersatz bietet man ihm eine Stelle an, in der er seine Mediationserfahrung aus Afrika noch weniger einsetzen kann: In der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) soll er Abteilungsleiter Eurasien werden. «Sie wollten ihn in einer Schublade versorgen», urteilt der frühere stellvertretende EDA-Staatssekretär Georges Martin.

«Ich habe den
Parteien auch das gesagt, was sie nicht hören wollten.»
Mirko Manzoni, Mediator in Moçambique

Das Departement verteidigt sich. Diplomaten müssten regelmässig versetzt werden, um zu verhindern, dass sie sich «im Gastland zu sehr assimilieren». Nachdem Kuba nicht mehr infrage gekommen sei, sei die Position des Deza-Abteilungsleiters «eine Kompromisslösung» gewesen, so das EDA.

Während man in Bern glaubt, dass es Manzoni in Moçambique nicht mehr brauche, kommt Staatspräsident Nyusi zu anderen Schlüssen. Am 24. Juni 2019 schreibt er persönlich an UNO-Generalsekretär António Guterres. Nyusi bittet ihn dringend, Manzoni zum Sondergesandten zu ernennen, damit er den Friedensprozess weiterbegleiten könne. Guterres reagiert in Rekordzeit: Zwei Wochen später verkündet er Manzonis Ernennung zu seinem Persönlichen Gesandten für Moçambique – eine der höchsten Weihen, die ein Diplomat sich erträumen kann. Vorgesehen ist, dass Manzoni in Genf ein Büro haben wird. Rund die Hälfte der Zeit soll er in Moçambique sein. Auch das EDA feiert Manzonis Ernennung. In einer Pressemitteilung deutet es sie am 9. Juli als «Anerkennung der Mediationsexpertise der Schweiz». Gegenüber dieser Zeitung kündigt das EDA jetzt an, dass es den Friedensprozess weiter finanziell unterstützen und auch Manzonis Arbeit für die UNO bezahlen werde.

Dissidente Kämpfer

Einen Monat nach Manzonis Ernennung zum UNO-Gesandten wird in Maputo mit viel Brimborium der Friedensvertrag unterzeichnet. Auch Bundesrat Cassis ist am 6. August 2019 vor Ort und würdigt die Leistung seines Diplomaten auf Twitter: «Bravo, Mirko Manzoni, es brauchte Mut!» Federica Mogherini, die EU-Aussenbeauftragte, ist ebenfalls da und sagt an die Adresse der Moçambiquaner: «In einer Welt voller Konflikte, in der alles in die falsche Richtung zu gehen scheint, gebt ihr uns heute Hoffnung. Moçambique gibt uns Hoffnung, Afrika gibt uns Hoffnung.»

Wird sich die Hoffnung erfüllen? Ein Teil der internationalen Moçambique-Experten sind skeptisch, dass der Friede halten wird. Schon Mitte Oktober steht ein Test an, wenn in Moçambique Wahlen stattfinden. Gefahr droht auch von dissidenten Renamo-Kämpfern, die sich durch das Abkommen nicht gebunden fühlen. Der Chef dieser Fraktion, Mariano Nhongo, erklärte diese Woche in der Deutschen Welle, er werde die Wahlen verhindern. «Jeder, der Wahlaufrufe macht, soll wissen: Wir werden ihn töten!» Andere Experten argumentieren hingegen, dass Nhongo nur eine kleine Gefolgschaft habe.

Es sind solche Herausforderungen, mit denen Mirko Manzoni in der zweiten Phase seiner Mission zu kämpfen haben wird. Nicht mehr im Auftrag der Schweiz. Im Auftrag der UNO.

Erstellt: 31.08.2019, 07:06 Uhr

Fast eine Million Tote

Moçambique ist rund zwanzigmal so gross wie die Schweiz, hat knapp 30 Millionen Einwohner und gilt als eines der ärmsten Länder der Welt. 1975 erkämpft die Moçambiquanische Befreiungsfront (Frelimo) die Unabhängigkeit von Portugal und übernimmt die Macht. 1977 nimmt die Widerstandsbewegung Renamo den Kampf gegen die damals marxistisch ausgerichtete Einheitspartei Frelimo auf. In 15 Jahren Bürgerkrieg sterben fast eine Million Menschen. 1992 wird in Rom Frieden geschlossen, und Renamo wandelt sich zur Oppositionspartei. Doch 2012 nimmt sie den Guerillakampf wieder auf, frustriert über all die Versprechungen, die Frelimo nie eingelöst hat. (hä)

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