Doch kein Sololauf von Cassis?

In der Tessiner FDP wird der Ruf nach Konkurrenz für Ignazio Cassis lauter. Ein Experte bezweifelt, dass es am 1. August zum Aufstand der Parteibasis kommt.

FDP-Fraktionspräsident Ignazio Cassis (l.) und Parteipräsidentin Petra Gössi (r.) während der Delegiertenversammlung am 24. Juni 2017 in Grenchen. Foto: Lukas Lehmann (Keystone)

FDP-Fraktionspräsident Ignazio Cassis (l.) und Parteipräsidentin Petra Gössi (r.) während der Delegiertenversammlung am 24. Juni 2017 in Grenchen. Foto: Lukas Lehmann (Keystone)

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Der Vorstand der Tessiner FDP will für die Bundesratswahl mit dem Einervorschlag Ignazio Cassis auf Nummer sicher gehen. Indem die Partei auf den aussichtsreichsten Kandidaten setze, sende das Tessin ein klares Signal an die Bundeshausfraktion. Doch in der Parteibasis stören sich manche an Cassis’ Sololauf und fordern, dass die Kantonalpartei zwei oder drei Kandidaten für die Nachfolge von Didier Burkhalter vorschlägt.

Zu den Kritikerinnen des Einertickets gehört Giovanna Viscardi, Präsidentin der FDP Lugano, wie der «Blick» berichtete. Der Vorstand habe sich zu schnell für die Einerkandidatur entschieden, sagt Viscardi auf Nachfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Sie hofft, dass die Kantonalpartei der FDP-Fraktion im Bundeshaus drei Kandidaten vorschlägt, wobei dann neben Cassis wohl die frühere Staats- und Nationalrätin Laura Sadis und der amtierende Staatsrat Christian Vitta portiert würden. Auch die beiden FDP-Grossräte ­Andrea Giudici und Marcello Censi halten den Einervorschlag Cassis für falsch.

Der Nachwuchs drängt

Der Tessiner Politologe Nenad Stojanovic glaubt allerdings, dass die Gegen­bewegung zu schwach ist. Zwar seien viele im Tessin unzufrieden mit dem Einervorschlag, dennoch würden die Delegierten am 1. August den Entscheid des Parteivorstandes kaum umstossen. Der frühere SP-Grossrat Stojanovic vermutet, dass hinter den Forderungen nach Konkurrenz für Cassis auch Kalkül stecke. Einige hofften, dass Staatsrat Vitta nach Bern geht, weil dann mit Michele Bertini ein weiterer Jungstar der Tessiner FDP in die Regierung nachrutschen würde. Der Staatsrat wird nach dem Proporzwahlrecht gewählt. Tritt ein Mitglied zurück, rutscht jene Person nach, die bei der Wahl das zweitbeste Resultat erzielte. Das wäre der 31-jährige Bertini, Vizestadtpräsident von Lugano.

Führende Mitglieder der Tessiner FDP befürchten indes, eine Auswahl würde die Wahlchancen der Tessiner in Bern schwächen. Die FDP-Fraktion könnte auf Druck der Romands versucht sein, den Tessiner mit den geringsten Wahlchancen zu nominieren, damit am Schluss eine Kandidatin aus der Romandie obsiegt. Stojanovic sieht diese Gefahr auch und empfiehlt der Tessiner FDP deshalb, Cassis, Sadis und Vitta zu nominieren, aber gleichzeitig für zwei Szenarien ihre Präferenzen zu geben: Falls die FDP-Bundeshausfraktion zwingend einen Tessiner Bundesrat wolle, solle sie dem Parlament zwei der drei Tessiner vorschlagen. Falls die FDP-Fraktion neben dem Tessiner eine Kandidatin aus der Romandie unterbreiten wolle, solle sie auf Cassis setzen.

Die Wunschkandidatin vieler Linker

Denn Cassis hat als Fraktionschef der FDP die besten Wahlchancen. Der 44-jährige Vitta sitzt erst zwei Jahre in der Tessiner Regierung und ist in Bern wenig bekannt. Sadis war dagegen vier Jahre National- und acht Jahre Staats­rätin. Sie wäre die Wunschkandidatin vieler Linker, da sie am linken Flügel der FDP politisiert. Dies war jedoch bereits beim zurücktretenden Didier Burkhalter der Fall, weshalb es Sadis bei den Bürgerlichen in Bern schwer haben dürfte.

Sadis sitzt im Vorstand der Neuen europäischen Bewegung Schweiz (Nebs), die für einen EU-Beitritt ist. Zudem war Sadis 2015 nicht mehr zu den Staatsratswahlen angetreten, weil sie Streit mit dem damaligen Parteipräsidenten hatte und die Verrohung des politischen Klimas im Tessin beklagte.

Erstellt: 28.07.2017, 21:21 Uhr

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