Dorthin gehen, wo es wehtut

Er war ein leidenschaftlicher und unerschrockener Journalist: René Zeller, lange Jahre Inlandchef der NZZ, ist erst 55-jährig verstorben.

Unter Zellers Leitung wurde der Inlandteil der NZZ aktueller, frecher und überraschender.

Unter Zellers Leitung wurde der Inlandteil der NZZ aktueller, frecher und überraschender.

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Die Artikel von René Zeller stachen heraus aus dem Grundrauschen der Schweizer Presse. Bunte Metaphern, vorzugsweise aus dem Militär, machten seine Texte unverwechselbar. Über 20 Jahre lang erschienen sie unter dem Kürzel rz. in der NZZ. Die «Züri Zytig», wie er sie liebevoll nannte, war für ihn aber mehr als ein Arbeitgeber. Er sah in ihr eine für das Land unverzichtbare ­Institution.

Schon sein Vater Willy war stellvertretender Chefredaktor gewesen. René Zeller wurde 1988 direkt nach dem Studium NZZ-Redaktor, zunächst im Zürich-Ressort, später im Bundeshaus. Nach einem Abstecher zur «NZZ am Sonntag», zum Fernsehen und zur PR-Agentur Farner kehrte er 2008 zurück und wurde Inlandchef und stellvertretender Chefredaktor.

Er schoss gegen links – und rechts

Unter seiner Führung wurde der seriöse, aber oft träge Inlandteil aktueller, frecher und überraschender. «Wir gehen dorthin, wo es wehtut», predigte er seinen Leuten. Viel stärker als seine Vorgänger wollte Zeller sein Blatt auch mit Recherchen profilieren. Wichtig war ihm, in allen Landesteilen Korrespondenten zu haben; eisern verteidigte er dieses Netz gegen allen Spardruck. Später – nach Zellers Abgang – wurde es aufgegeben.

Seine Hauptdisziplin war der scharfe Kommentar. Als Bürgerlicher schoss er gerne gegen links. Doch scheute er sich auch nie, FDP- und SVP-Exponenten namentlich in den Senkel zu stellen.

Zur FDP hielt er Distanz. Die Tradition, dass manche NZZ-Journalisten politische Ämter bekleideten, beendete er. Intern liess Zeller eine bemerkenswerte politische Breite zu. Manche seiner Redaktoren standen unter Dauerbeschuss von rechts; anderen wurde von links vorgeworfen, Wasserträger der SVP zu sein. Zeller schützte die einen wie die anderen gegen Druckversuche jeder Art. In seinen sieben Jahren als Inlandchef war Zeller ein Garant für die innere Pressefreiheit – die nobelste Aufgabe für einen journalistischen Chef.

Wechsel zur «Weltwoche»

Als 2015 Chefredaktor Markus Spillmann abgesetzt wurde, bewarb sich Zeller um seine Nachfolge, unterlag aber gegen den heutigen Chef Eric Gujer. Gut ein Jahr später nahm Zeller ein Angebot der «Weltwoche» an. Später erklärte er, sein Abgang habe mit den Entwicklungen bei der NZZ zu tun gehabt. Der offene Geist habe sich verflüchtigt und das Betriebsklima verschlechtert.

Einen Monat nach seinem Stellen­wechsel wurde bei ihm im November 2016 ein bösartiger Tumor diagnostiziert. Nun ist René Zeller mit 55 Jahren gestorben.

Markus Häfliger arbeitete bei der «NZZ am Sonntag» und der NZZ mehrere Jahre lang mit René Zeller zusammen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.05.2018, 09:03 Uhr

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