Dünne Luft für Schellenberg

Warum in aller Welt wollte der Luftwaffenchef nach dem Gripen-Debakel erneut das Risiko eingehen, grandios zu scheitern?

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Noch liegen nicht alle Fakten auf dem Tisch zu der von Verteidigungsminister Guy Parmelin sistierten ­Beschaffung des Lenkwaffensystems Bodluv. Doch bereits jetzt lässt sich sagen: Die Sache wirft ein denkbar ungünstiges Licht auf die Luftwaffe, die Armeespitze – und grundsätzlich auf das Vorgehen bei Rüstungsbeschaffungen. Offenbar ignorierte Luftwaffenchef Aldo Schellenberg Warnungen von Experten. Er wollte die Beschaffung des Milliardenprojekts durchdrücken, obwohl es zwingende Kriterien nicht erfüllte. Als die Medien über die Vorbehalte berichteten, ­beschwichtigte er den Armeechef mit irreführenden Informationen. Dies zeigen Dokumente, die dem ­«Tages-Anzeiger» vorliegen.

Die Mathematik der Rüstungsbeschaffung

Warum in aller Welt, fragt man sich, wollte der Luftwaffenchef nach dem Gripen-Debakel erneut das Risiko eingehen, grandios zu scheitern? Die Antwort liegt in der Mechanik der Rüstungsbeschaffungen: Die Armee hat mit dem Rüstungsprogramm jedes Jahr einen Wunschzettel offen – egal, wie dringend sie neue Rüstungsgüter benötigt. Und da die Verantwortlichen solche Gelegenheiten nicht ungenutzt verstreichen lassen wollen, beantragen sie lieber ein mangelhaftes System, als den Zettel leer zu lassen. So wurden im Fall Bodluv praxiserprobte Alternativen offenbar zu wenig intensiv geprüft, weil es dann nicht mehr ­gereicht hätte, die Beschaffung im Rüstungsprogramm 2017 unterzubringen. Schellenberg zog es vor, auf zwei mangelhafte Systeme zu setzen – in der Erwartung, dass diese die Mängel gegenseitig kompensieren. Zusätzliche Nachteile wie höhere Ausbildungs- und Unterhaltskosten bei zwei verschiedenen Systemen spielten keine Rolle.

Es spricht für den neuen Verteidigungsminister, dass er die Beschaffung sistiert und eine Untersuchung angeordnet hat. Deren Ergebnis wird zeigen, ob Schellenberg noch tragbar ist. Die immer neuen Details, die zum missglückten Beschaffungsprojekt zutage treten, deuten allerdings eher darauf hin, dass die Armee nicht nur ihr Fliegerabwehrsystem wird auswechseln müssen. Sondern gleich auch den Luftwaffenchef.

Erstellt: 01.04.2016, 22:34 Uhr

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