Ein Dorf will bleiben

Abgelegene Bergtäler sollen sich selbst überlassen werden, fordern manche. Im Safiental kämpfen die Bewohner dafür, dass ihre Heimat auch in hundert Jahren noch lebt.

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Der Gemeindepräsident sitzt auf der Terrasse des Alpenblicks und schaut in die Zukunft seines Dorfes. Es ist keine hundert Jahre her, da lebten auf der anderen Talseite mehrere Bauernfamilien. Doch jetzt sieht man nur noch dichten Wald. Wanderer aber, die es in das verlassene Gebiet verschlägt, kommen im Wald an leeren Höfen, Speichern und Ställen vorbei, die langsam in sich zusammenfallen. So könnte auch seine Gemeinde in 80 Jahren aussehen, sagt Präsident Thomas Buchli trocken. Dann, wenn die Seitentäler wie vom Hotellerie­suisse-Präsidenten kürzlich gefordert, kein Geld mehr bekämen und sich selber überlassen würden.

Buchli ist kein pessimistischer Mensch. Wohl auch deshalb wurde er, der Biobauer, bereits mit 28 Jahren zum Gemeindepräsidenten gewählt, erst von Tenna, dann von der fusionierten Gemeinde Safiental. Buchli wirkt zupackend, in höchstem Mass zuversichtlich, und er lacht viel. Das erste Mal tut er es gleich nach der Begrüssung, als er erzählt, weshalb er als 16-Jähriger schnellstens von hier wegwollte. Die Situation ist nicht einfach. Tenna, der Balkon des Safientals, war in den besten Jahren ein Luftkurort, hoch gelegen und sonnenbeschienen, mit Weitblick auf die erhabenen Bündner Berggipfel. Nach dem historischen Prospekt des Alpenblicks war «alles umgeben von einer feierlichen Ruhe, in die nur das ewige Lied der rauschenden Bergbäche hineinklingt.»

Heute gilt das Tal als «potenzialarmer Raum»: Junge wandern ab, die ältere Generation stirbt aus. Die Poststellen sind bis auf eine letzte geschlossen, der Busfahrplan ist fast leer geräumt. Die Dorfläden im Tal müssen von der Gemeinde unterstützt werden. Dabei hat sie selber kaum Geld: Die Erträge aus den Wasserzinsen fliessen spärlicher und die Steuern der Bergbauern vermögen nicht einmal die Ausgaben für das Nötigste zu decken, für Wasser, Abwasser und Strassen.

Selbst wenn das Gemeindebudget einmal ausbalanciert ist, bringt es eine Naturgewalt wieder durcheinander. Diesen Sommer haben die heftigen Regenfälle die zerstörerische Seite der Rabiusa, der Tobenden, hervorgebracht. Sie liessen den Fluss so mächtig und so wild werden, dass er in Neukirch das rechte Ufer mit sich riss, die kleine Brücke blieb in der Luft hängen. Die Bauernfamilie, die auf der anderen Flussseite wohnt, konnte nicht mehr ins Dorf. Die Gemeinde flickte die Brücke notdürftig. Woher sie das Geld für einen Ersatz nehmen soll, weiss sie nicht. Nur 200 Meter von der Brücke entfernt ist 1951 eine Lawine niedergegangen. Sie riss ein ganzes Bauernhaus mit sich, die Eltern und ihre vier Kinder. Nur das Kleinste, ein Knabe, überlebte das Unglück. Die Gemeinde erstellte darauf für viel Geld Lawinenverbauungen.

Dann gibt es kein Zurück mehr

Buchli macht die Rechnung: Wenn das Tal wie kürzlich eine verschüttete Wasserleitung ersetzen muss, übernehmen Bund und Kanton 60 Prozent der Kosten, die Gemeinde 40. Wenn sie das Geld dafür hätte. Sie kann ihren Anteil aber nur bezahlen, wenn eine Patengemeinde sie unterstützt. «Ohne Geld von aussen könnten wir nicht hier leben», sagt Thomas Buchli. Die Gemeinde bietet Naturgewalten eine grosszügige Angriffsfläche: Sie erstreckt sich über eine Fläche von 151 Quadratkilometern und ist damit fast doppelt so gross wie die Stadt Zürich, dreimal so gross wie Bern. Es leben aber nur 895 Personen hier.

Kaum etwas fürchten die Menschen im Tal mehr, als dass der erste Dominostein kippt und eine Kettenreaktion in Gang setzt. Manchmal fehlt wenig. Vor ein paar Jahren hat die Gemeinde 12 Millionen Franken aufgewendet, um in Tenna das durch Erbteilungen völlig verzettelte Land besser unter den Bauern aufzuteilen und mit Strassen und Strom zu erschliessen. Hätte sie es nicht getan, hätten einige Bauern aufgeben müssen und wären abgewandert. Dann hätten auch der Dorfladen und das Gasthaus nicht mehr existieren können, das Schulhaus schliessen müssen. Vielleicht wäre auch das kleine Postauto nicht mehr den Berg hinaufgekommen. «Wer die Situation nicht kennt, würde sagen: Die spinnen total, so viel Geld auszugeben», sagt Buchli. Aber tue man es nicht, kippe das fragile Gleichgewicht. Und dann gibt es kein Zurück mehr.

Ein paar Kilometer weiter hinten im Tal, im Weiler Neukirch, ist der erste Dominostein längst gefallen. Vor Jahrhunderten hat dort die schöpferische Hand Ställe und Häuser locker in die Bilderbuchlandschaft gestreut, nur fünf landeten direkt an der Strasse. Bei zwei Häusern blühen Geranien auf den Fensterbrettern, die drei anderen stehen leer: das Wohnhaus mit der Post, das Berggasthaus und ein Bauernhaus. Der Weg zum Haus: vollständig überwuchert. Die Holzbank, auf der die Grosseltern vielleicht in der Abendsonne sassen: morsch. Die kupfernen Frauenbüsten mit den kecken Hüten vor den Fensterläden: von Grünspan befallen. Das Leben ist aus den Häusern gewichen.

Fünf Gläubige in der grossen Kirche

Die Sonne brennt auf die Strasse. Kein Auto fährt vorbei. Niemand zeigt sich vor dem Haus. Kein Schatten bewegt sich hinter den geklöppelten Vorhängen. Beim Ortseingang steht ein Holzhaus, das bewohnt aussieht; Geranien blühen neben der Tür, und ein Gartenzwerg spielt Gitarre. Auf das Klingeln öffnet aber niemand. Nur ein paar Ziegen staksen hinter dem Haus hervor und beobachten scharfen Blickes die Besucherin. Am Abend aber geht jemand ans Telefon. Die Frauenstimme meldet sich mit Buchli, ist aber nicht verwandt mit dem Gemeindepräsidenten. Sie sagt, sie wohne mit ihrem Mann im Haus, die drei Kinder sind alle ausgezogen, abgewandert. Seit über vierzig Jahren lebt sie in Neukirch und hat gesehen, wie sich der Weiler entleerte. Die Jungen gingen im Postauto, die Alten im Sarg. Wenn heute ein Mal pro Monat ein Gottesdienst gefeiert wird und Elsi Buchli als Messmerin amtet, dann verliert sich nur noch ein kleines Grüppchen von fünf bis zehn Leuten aus dem ganzen Tal in der Kirche. Dabei böte sie Platz für hundert – und war bei der Kirchweihe 1698 dennoch bereits zu klein.

Elsi Buchli wollte nie weg. Natürlich, das Leben im Tal sei umständlich, räumt sie ein. Die Vorratskammer muss stets gut gefüllt sein, früher war der Weiler im Winter manchmal über Tage von der Aussenwelt abgeschnitten. Und wenn sie unerwartet ein Medikament braucht, fährt man mit dem Auto über eine halbe Stunde bis zur nächsten Apotheke. Aber: «Ich habe es gern, wenn es ruhig ist. Und wenn mir nicht jeder in die Pfanne schaut.»

Der Gemeindepräsident glaubt, er werde es noch erleben, dass ein Teil von Neukirch vergandet. «Ist das schlimm?», fragt er selber. Für manche nicht. Besonders wirtschaftsnahe Kreise sehen nicht ein, weshalb so viel Geld in entlegene Bergtäler fliessen soll. Sie glauben, dass es in den regionalen Zentren besser investiert ist, und propagieren eine «Verzichtspolitik». Anderen aber ist das potenzialarme Tal Heimat. «Hier sind wir zu Hause. Hier liegt unsere Identität», sagt Thomas Buchli und merkt wohl nicht, dass er dabei eine Hand aufs Herz legt. Vor über 700 Jahren waren seine Vorfahren vom Wallis her eingewandert. 1684 erbauten sie sein Elternhaus, in dem er heute mit seiner Frau und den beiden kleinen Kindern lebt. Er empfindet die Haltung der Gegenseite als destruktiv. «Wir tun ja alles, damit unsere Gemeinde nicht verschwindet.»

Das ist das Wesen des Walsers. Wenn er Widerstand spürt oder sich provoziert fühlt, etwa wenn einer behauptet, man solle die Bergtäler sich selber überlassen, dann senkt er den Kopf wie ein Stier und kämpft. «Für einen Bergler ist Aufgeben keine Option», sagt Buchli. Der werde von der Natur immer wieder vor vollendete Tatsachen gestellt und müsse sich auf neue Situationen einstellen.

Der Walser prescht aber nicht einfach drauflos. Der Walser ist schlau. So beschloss die Gemeinde im Juni, dass jeder Schüler und jede Schülerin ein GA für das ganze Tal bekommen soll. Manche wohnen so abgelegen, dass sie schon als Kindergärtler jeden Morgen über eine Stunde mit dem Postauto fahren. Auch sie sollen Freundschaften im Tal pflegen können. Das ist letztlich auch für die Gemeinde gut: Weil es im Tal nur ein paar wenige Lehrstellen hat, ziehen die meisten Jugendlichen nach Chur, um eine Lehre zu machen – und kommen nicht mehr zurück. Spätestens wenn ihre eigenen Kinder in die Schule kommen, sind sie für ihr Dorf verloren. «Wir müssen versuchen, dass wir sie vorher zurückholen können», sagt Buchli. «Und was verbindet sie mehr mit unserem Tal als Freunde und Familie?»

Die Talgemeinschaft verwendet viel Energie darauf, um die wichtigste Infrastruktur erhalten zu können und auch für Rückkehrer attraktiv zu sein. Dabei gleicht ihre Arbeit nur zu oft der Zirkusnummer mit den drehenden Tellern: Die Safier wetzen hin und her, geben hier einem Stab etwas Schwung und ziehen da etwas an, damit nur kein Teller herunterfällt. Der Talarzt geht in Pension, und es findet sich lange kein Nachfolger; eine St. Galler Gemeinde will den Alpenblick, ihre Schulkolonie und Tennas einziges Gasthaus, aufgeben; Volg findet keinen Filialleiter, der ins Tal kommt, und will gehen; das lottrige Schulhaus, das noch mit Kachelöfen beheizt wird, muss erneuert werden.

Die Gemeinde hielt alle Teller am Drehen: Nach langer Suche fand sie einen holländischen Arzt, der zuvor in den Bergen Nepals praktizierte, und zahlt ihm 40 000 Franken pro Jahr, damit es sich für ihn rechnet; für den Alpenblick gründeten Einwohner einen Verein und betreiben ihn selber – wie sie für alles, was ihnen wichtig ist, Vereine, Genossenschaften oder Stiftungen ins Leben gerufen haben; für den Volg haben sie einen Filialleiter gefunden; für das Schulhaus sammelten sie Spendengelder und halfen beim Bau. Die Turnhalle ist nur halb so gross wie die Bündner Normturnhalle und ist auch Gemeindesaal, Massenlager, Festhütte.

Doppelt so viele Schulkinder

Mit manchen Selbsthilfeaktionen sorgten die Einwohner weit über das Tal hinaus für Aufmerksamkeit: 2011 etwa nahmen sie einen Solarskilift in Betrieb, der zugleich 25 Haushalte mit Energie versorgt. «Weltweit der erste», schrieben sie auf den Wegweiser vor dem Volg. Und diesen Sommer führen 30 junge Künstler aus der ganzen Welt die erste «Art Safiental» durch. So kommt es, dass während des Gesprächs ein BMW-Cabriolet neben Buchli vorbeifährt, am Steuer ein älterer Herr, im Fonds zwei Frauen mit Sonnenbrille und extravagantem Kopftuch. Eine neue Erscheinung in Tenna, wo bisher nur ausgefahrene «Bauernautos» verkehrten.

Es funktioniert. Im Tal können manche Fraktionen gar neue Dominosteine aufstellen. Während die Hotellerie in den Bergen kämpft, steigt hier die Zahl der Logiernächte langsam, aber stetig an. Vier Familien aus dem verdichteten Unterland sind gar für immer in Tenna geblieben. Die Zahl der Schulkinder wird sich nächstes Jahr von heute 10 auf 20 verdoppeln. Dass mehr Gäste kommen, freut den Gemeindepräsidenten. Das Wichtigste ist es aber nicht. «Wichtiger ist, dass die Jungen heute mit Stolz sagen: Ich komme aus dem Safiental.»

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 13.08.2016, 08:23 Uhr)

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