Ein Fest für eine bedrohte Sprache

Die Rätoromanen feiern das 100-Jahr-Jubiläum ihrer Dachorganisation. Die Zukunft der Sprache indes ist unsicher.

Auftakt zum 100-Jahr-Jubiläum: Die Lia Rumantscha feiert seit gestern in Zuoz. Foto: Maik Wendt (Lia Rumantscha)

Auftakt zum 100-Jahr-Jubiläum: Die Lia Rumantscha feiert seit gestern in Zuoz. Foto: Maik Wendt (Lia Rumantscha)

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Rund 60’000 Personen sprechen Rätoromanisch. Noch. Denn die Zukunft der vierten Landessprache ist ungewiss. «Die Gefahr ist real, dass das Romanische langsam, aber sicher ausstirbt», heisst es in einer Studie des Zentrums für Demokratie Aarau, die im Mai im Auftrag des Bundes publiziert wurde. Gründe dafür gibt es mehrere: So nehme der Kanton Graubünden, hauptverantwortlich für die Erhaltung und Förderung des Rätoromanischen, diesen Auftrag nur zögerlich wahr. Romanische Lehrmittel seien mangelhaft, es würden zu wenig romanischsprachige Lehrer ausgebildet, und in der Kantonsverwaltung sei zu wenig Bewusstsein für die Mehrsprachigkeit vorhanden. Aber auch die romanischsprachige Bevölkerung engagiere sich zu wenig für den Erhalt ihrer Sprache. Der Kanton widersprach den Vorwürfen.

Neues Selbstbewusstsein

«Die Gefahr für das Rätoromanische ist real», sagt auch Johannes Flury, Präsident der Sprachorganisation Lia Rumantscha. Er sieht das Hauptproblem in der Abwanderung aus den romanischenTälern. «Jede Arbeitsstelle, die wegfällt, kann den Wegzug einer Familie aus den Stammlanden bedeuten.» Allein in der Surselva hat die Bevölkerung seit dem Jahr 2000 um rund 1000 Personen abgenommen. Diesem Negativtrend hält Flury jedoch ein neues Selbstbewusstsein der Rätoromanen entgegen: «Junge Rätoromanen sind wieder stolz auf ihre Muttersprache. Sie pflegen sie und werden auch mit ihren Kindern Rätoromanisch sprechen.»

Vor diesem Hintergrund feiert die Lia Rumantscha bis zum 18. August in Zuoz ihr 100-jähriges Bestehen. Gestern ist das Fest, das sich an die gesamte Schweizer Bevölkerung richtet, am Nationalfeiertag eröffnet worden. «Es geht nicht um Nostalgie. Wir wollen aufzeigen, wie präsent das Romanische heute ist», sagt Flury. Das gut zweiwöchige Festival dreht sich um Themen wie Literatur, Sprache, Familie oder Bildung. Heute tritt Bundesrat Ignazio Cassis auf, und auch Nationalratspräsidentin Marina Carobbio wird ihre Aufwartung machen. Zudem finden Begegnungen mit anderen sprachlichen Minderheiten statt – etwa bei Konzerten und einem Turnier mit ladinischen Fussballern aus den Dolomiten.

Die Einheitssprache stösst auf aggressiven Widerstand

Ein Thema wird hingegen bewusst ausgespart: Rumantsch Grischun. Die Schriftsprache, 1982 auf Initiative der Lia Rumantscha vom Zürcher Linguisten Heinrich Schmid entwickelt, sollte eigentlich zur Rettung des Rätoromanischen beitragen. Tatsächlich aber ist sie zum Zankapfel geworden. «Der Versuch, mit Rumantsch Grischun eine Brücke zwischen den Idiomen zu bauen, wird von der überwältigenden Mehrheit der interviewten Personen als gescheitert betrachtet», heisst es in der Aargauer Studie. Die Einheitssprache habe vielmehr zu neuen Problemen geführt.

Zwar verfassen Kanton und Bund ihre Drucksachen in Rumantsch Grischun, doch es ist den Gemeinden überlassen, ob sie an den Schulen die Einheitssprache lehren. Nach verhaltenen Anfangserfolgen hat der Widerstand in den letzten Jahren zugenommen: Die Schriftsprache wurde vermehrt als Bedrohung der Idiome angesehen. Aktuell wird in zwei Oberhalbsteiner Gemeinden per Initiative gefordert, Rumantsch Grischun aus der Schule zu kippen. Sind auch diese Begehren erfolgreich, würde die Einheitssprache nur noch in den zweisprachigen Schulen von Chur, Domat-Ems und Trin unterrichtet.

Ein Drittel lebt ausserhalb

Flury hält sich bei diesem Thema bewusst zurück. Er sagt lediglich, Rumantsch Grischun sei wichtig für Angelegenheiten der öffentlichen Hand. Der Sprachfrieden ist fragil und soll vor der grossen Jubiläumsfeier nicht gefährdet werden. Vielmehr weist er darauf hin, dass inzwischen mindestens ein Drittel der Rätoromanen ausserhalb Graubündens lebt: «Darum ist die Schweiz als Ganzes als Gebiet der vierten Landessprache anzusehen.» Aus seiner Sicht ist es problematisch, dass der Bund das Rätoromanische nur mit Zahlungen an den Kanton Graubünden unterstützt - mit gut fünf Millionen Franken pro Jahr. Flury fordert, dass rätoromanische Kinderkrippen oder Sprachkurse auch im Unterland unterstützt werden. Denn die Pflege des Rätoromanischen sei mehr als eine kulturelle Angelegenheit: «Das Bekenntnis zur Mehrsprachigkeit gehört zu den staatspolitischen Fundamenten unseres Landes.» Auch daran soll am Jubiläum in Zuoz erinnert werden.

Infos zur Feier: www.100onns.ch

Erstellt: 01.08.2019, 22:11 Uhr

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