Ein Filmriss auf dem Weg ins digitale Zeitalter

Bei der geplanten Digitalisierung der Cinémathèque Suisse in Lausanne liefen die Dinge gemäss der Eidgenössischen Finanzkontrolle aus dem Ruder.

Die Cinémathèque archiviert mit Werken von Kurt Früh (2. v. l.) ein Stück Schweizer Geschichte. Foto: Photopress-Archiv (Keystone)

Die Cinémathèque archiviert mit Werken von Kurt Früh (2. v. l.) ein Stück Schweizer Geschichte. Foto: Photopress-Archiv (Keystone)

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Die Stiftung Schweizer Filmarchiv in Lausanne, besser bekannt als Cinémathèque Suisse (CS), ist für das Schweizer Kulturleben enorm wichtig. Am heute beginnenden Internationalen Filmfestival von Locarno präsentiert sie elf frisch restaurierte Filme des Westschweizer Animantionsfilmers Georges Schwizgebel und liefert die Filme für Hommagen an den Zürcher Regisseur Kurt Früh und den amerikanischen Filmemacher Sam Peckinpah. Trotz ihrer Wichtigkeit ist die Cinémathèque eher unscheinbar.

Doch im Moment sorgt sie in Bundesbern für hitzige Diskussionen, weil unklar ist, was sie mit Millionenbeträgen aus der Bundeskasse genau angestellt hat. Zu diesem Schluss kam die Eidgenössische Finanzkontrolle (EFK), als sie Ende 2013 die Tätigkeiten der Cinémathèque überprüfte. Welche Probleme die EFK vorfand, zeigt sich in ihrem Bericht, den die Behörde auf Antrag des TA und gestützt auf das Öffentlichkeitsgesetz gestern veröffentlicht hat.

Keine Kontrolle über Kredite

Die Cinémathèque hat derzeit viel zu tun: Zum einen baut sie in der Waadtländer Gemeinde Penthaz bis 2018 ein neues Forschungs- und Archivierungszentrum für 50 Millionen Franken. Zum anderen muss sie ihre Bestände an Film- und Tondokumenten digitalisieren. Das Problem dabei: Dass die Filmrollen so schnell verschwinden und das digitale Zeitalter über die Filmwelt hereinbricht, wurde bei der Planung des neuen Forschungs- und Archivierungszentrums nicht antizipiert. Um dies nachträglich zu korrigieren und die Digitalisierung voranzutreiben, stellte der Bund dem Filmarchiv 2009 und 2011 zwei Spezialkredite von insgesamt 19,2 Millionen Franken zur Verfügung. Doch bei der Verwendung des Geldes liefen die Dinge aus dem Ruder.

Das Bundesamt für Kultur (BAK), das die Cinémathèque beaufsichtigt, liess dem Filmarchiv in Lausanne viele Freiheiten. Im EFK-Bericht heisst es: Das BAK habe die vorgesehenen Kredite bezahlt, «erteilte aber keine Vorgaben und Auflagen, welche sich bei der CS insbesondere auf die Kreditführung, das Projektcontrolling und das Reporting ausgewirkt hätten». Ein «angemessenes Projektcontrolling» existiere bei der CS nicht. Eine Einsicht in die Kreditbuchhaltung war gemäss EFK gar nicht möglich. Sie konnte nicht in Erfahrung bringen, «wie viel Geld von den beiden Krediten zum Zeitpunkt der Prüfung noch verfügbar war». Die EFK schreibt: «Die Cinémathèque Suisse führt keine Projektbuchhaltung, die als Führungsinstrument dienen kann. Es fehlen entsprechende Vorgaben durch das BAK.»

Entsprechend wenig Transparenz herrschte gemäss EFK bei den Beschaffungen. Es heisst: «Vereinzelte Geschäfte wurden im Wettbewerb durchgeführt, die entsprechenden Geschäfte sind jedoch nicht immer transparent dokumentiert.» Freihändige Vergaben wurden mit der Begründung «Fortführung der Zusammenarbeit» vorgenommen, oder Verträge wurden erneuert, weil man bei der CS mit der Firma «bisher vollumfänglich zufrieden» war. Als stossend empfand die EFK auch, dass Verträge direkt von den Lieferanten aufgestellt und von der Cinémathèque übernommen wurden. In einem Fall wurde sogar die Offerte eines Lieferanten gegengezeichnet. Die EFK moniert, die Schaffung der Vertragswerke den Beauftragten zu überlassen, berge «beträchtliche materielle und auch finanzielle Risiken».

Beispiele zeigen, dass die Cinémathèque Bestimmungen akzeptierte, welche Auftragnehmer begünstigte, und sich damit arrangierte, allfällige Rechts­streitigkeiten im Ausland auszufechten.

Klarheit bis Ende Jahr

Am Ende stand für die EFK jedenfalls fest: «Die erforderliche Digitalisierungs- und Archivierungsstrategie ist noch nicht konsolidiert und bedarf einer raschen Klärung.» Für die Cinémathèque hat dieser Befund Konsequenzen. Beim Bund wurde die Digitalisierung des Schweizer Filmarchivs bis auf unbestimmte Zeit gestoppt. Marc Wehrlin, Stiftungspräsident der Cinémathèque, kann diesen Schritt nicht nachvollziehen. Er sagt: «Die Probleme beim Projektmanagement haben wir selbst festgestellt und seit der EFK-Prüfung im Dezember 2013 behoben.» Laurent Steiert, beim BAK stellvertretender Leiter der Sektion Film, sagt: «Die Cinémathèque war während vieler Jahre eine von einer Sammelkultur geprägte Institution. Buchhalterisch hat sie enorm aufgeholt.» Dass das BAK der Cinémathèque viele Freiheiten liess, bedauert Steiert nicht. Die Expertise für die Archivierung von Filmen habe die Cinémathèque, nicht das BAK, so Steiert.

Wehrlin frustriert die aktuelle Situation. Man wisse genau, welche Hard- und Software man beschaffen wolle, könne aber nun keine Einkäufe tätigen, weil der Bund die baulichen Veränderungen im vorgesehenen Stockwerk des neuen Archivzentrums nicht realisiere, so Wehrlin. Die dafür vorgesehenen Mittel in der zivilen Baubotschaft des Bundesrats wurden gestrichen. Das Parlament hätte die Millionen im Herbst verabschieden sollen. Wann das Geld fliesst, ist offen. Wehrlin sagt: Weil die Einführung einer definitiven Lösung für die digitale Archivierung gestoppt worden sei, habe man bereits gesprochene Investitionskredite zurückgestellt. Laurent Steiert geht davon aus, dass bis Ende Jahr sämtliche Dinge geklärt sind.

Erstellt: 04.08.2015, 21:49 Uhr

Eine imposante Sammlung

Über 600'000 Filmspulen

Die Cinémathèque suisse in Lausanne sammelt, konserviert, restauriert und erschliesst das Filmgut der Schweiz und macht es der Forschung zugänglich. In ihrem Archiv lagern über 70'000 Filmkopien, 2,8 Millionen Fotografien und 300'000 Filmplakate. Sie besitzt zudem über 10'000 Drehbücher. Gemäss der internationalen Vereinigung der Filmarchive hat sie die weltweit sechstgrösste Sammlung. Imposant ist auch die Bibliothek mit 90?000 Dossiers, gefüllt mit über 5 Millionen Zeitungsartikeln. (phr)

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