Ein GA für News

Warum die Schweiz ein eigenes soziales Netzwerk aufbauen sollte.

Ein Schweizer Netzwerk würde sich auf Nachrichten von Schweizer Medien begrenzen.

Ein Schweizer Netzwerk würde sich auf Nachrichten von Schweizer Medien begrenzen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Stellen Sie sich vor, es gäbe eine App, mit der Sie Zugang zu allen Tageszeitungen und Sendern der Schweiz hätten. Sie könnten verschiedene Medien zum selben Thema aufrufen, ohne auf die einzelnen Webseiten zu gehen und ohne sich einzuloggen – selbst bei zahlungspflichtigen Inhalten. Was Ihnen gefällt, was Sie aufregt, könnten Sie teilen, kommentieren. Sie wären in einem sozialen Netzwerk für Nachrichten. Die App würde aussehen wie Twitter oder Facebook und würde Ihnen mithilfe eines Algorithmus die wichtigsten News zuspielen.

Warum brauchen wir das?

Soziale Netzwerke sind das beste Medium aller Zeiten, weil sie aus allen Medien die für Sie richtigen Inhalte zusammenstellen. Der Algorithmus ist wie ein persönlicher Assistent, der Milliarden Posts prüft. Darum hängen alle am Smartphone. Soziale Medien sind für 70 Prozent der Schweizer der meistgenutzte Newskanal, schreibt das kürzlich erschienene «Jahrbuch Qualität der Medien» der Universität Zürich. Aber die grosse Stärke der sozialen Netzwerke ist auch, wie wir heute wissen, ihre grosse Schwäche:

  • Erstens versagen Facebook, Twitter und Instagram, wenn es um News geht. Sie verdienen zu gut an Fake News und politischer Desinformation.
  • Zweitens radikalisieren sie die herkömmlichen Medien, da ihre Algorithmen aufsehenerregende Posts bevorzugen. Das treibt die Medienhäuser weg von ihrem Kerngeschäft: vertrauenswürdige News.
  • Drittens bedrohen sie die Demokratie, weil sie Populisten und Skandalpolitiker nach oben spülen.
  • Viertens werden unsere Daten analysiert, geteilt, ausgebeutet. Sie sind Treibstoff der Digitalwirtschaft.

Zusammengefasst: Wir werden durch die sozialen Netzwerke weder umfassend noch zuverlässig informiert. Fast die Hälfte der Schweizer misstraut ihnen laut «Jahrbuch». Und der aggressive Ton in Netzwerken ist oft unangenehm. Dennoch kehrt niemand, der mit Social Media aufgewachsen ist, je wieder zur altertümlichen News-Suche zurück. 56 Prozent der 16- bis 29- Jährigen verzichten schon heute fast komplett auf News, laut «Jahrbuch». Das ist die Zukunft. Und Facebook hat soeben verkündet, einen eigenen News-Bereich aufzubauen.

Medien in der Krise

Werbefinanzierte Social Media wie Facebook mögen wunderbar sein, um Kontakt mit Freunden in aller Welt zu pflegen, aber sie dienen nicht der Erhaltung einer informierten Öffentlichkeit. Jene Medien, die diese Aufgabe erfüllen sollen, befinden sich in der Krise. Eine Krise, die man auf verschiedenen Ebenen zu bekämpfen versucht:

Mit Markteingriffen wie der Forderung nach einer Zerschlagung von Facebook Inc. und Google, die etwa 70 Prozent aller Schweizer Onlinewerbegelder einkassieren; mit Regelwerken und Qualitätslabels für besseren Journalismus; und mit Steuergeld. Simonetta Sommarugas Medienpaket soll ab nächstem Jahr bis zu 50 Millionen Franken jährlich zusätzlich zur Stützung der Onlinemedien verteilen. Das Problem: Manche Massnahmen sind unrealistisch, keine reicht aus.

Die Lösung wäre ein Netzwerk. Ein öffentlich-rechtliches soziales Netzwerk. Ein Netzwerk, das seriöse Nachrichten liefert.

Technisch wäre das kein Problem. Es gibt eine Unmenge spezialisierter sozialer Netzwerke – von Tinder für die Paarung bis Linkedin für Jobs. Ein Schweizer Netzwerk würde sich auf Nachrichten von Schweizer Medien begrenzen. Von den grossen bis zu den lokalen, von links bis rechts, von Boulevard bis Feuilleton. Nur Fake News und Desinformation gäbe es nicht, weil das Netzwerk nur Qualitätsmedien zuliesse. Wie stellt man die Qualität sicher? Um sich für eine Teilnahme an dem Netzwerk zu qualifizieren, müsste sich ein Medium den Richtlinien des Schweizer Presserats verpflichten, der «Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten». Diese Richtlinien definieren, worin eine freie und objektive Presse besteht; ein unabhängiges Gremium würde ihre Einhaltung kontrollieren und Verletzungen ahnden. Von Verwarnungen bis zum Ausschluss.

Rasch, neutral, umfassend

User könnten Verstösse melden, ähnlich wie man das bei Facebook tut. Nur würde im Schweizer Netzwerk ein transparentes Verfahren folgen. Das wäre ein konstanter Konflikt, aber besser, als solche Entscheide Konzernen zu überlassen. Das Schweizer Netzwerk wäre ein Instrument, um sich rasch, neutral und umfassend zu informieren. Für News-Interessierte würde es sich anfühlen wie der Flughafen Zürich nach einem Auslandsaufenthalt: sauber, funktional, verlässlich.

Wichtig: Man könnte wirklich alle Inhalte ansehen. Kostenpflichtiges würde mit einem Klick bezahlt, in der App wären die persönlichen Zahlungsdetails hinterlegt. Man muss sich das vorstellen wie ein GA, das Zugang zum ganzen Streckennetz und allen öffentlichen Verkehrsmitteln garantiert. Aber anders als beim GA zahlt man nur für die tatsächliche Nutzung. Das Netzwerk würde das Problem lösen, dass man sich zunehmend überall registrieren muss. Selbst wenn viele mittlerweile bereit sind, für Onlineinhalte zu zahlen, halten umständliche Onlineformulare uns davon ab. Inhalte finden nicht zu ihren Kunden.

Das Schweizer soziale Netzwerk würde Verlegern somit neue Einnahmen bringen und alte Kosten ersparen. Denn obwohl alle Medien Sparprogramme durchführen, entwickeln sie gleichzeitig eigene Apps, eigene Content-Management-Systeme, eigene Paywalls, eigene Player und Infografik-Tools, wie kürzlich der Onlinechef des «St. Galler Tagblatts», Martin Oswald, bemerkte.

Mehr Medienvielfalt

Im Schweizer Netzwerk müssten sich Medienhäuser registrieren und könnten dann wie bei Facebook ein Profil erstellen und Inhalte hochladen. Die Nutzer könnten alles posten, was von registrierten Domains oder akkreditierten Youtube-Kanälen käme. Bisher scheiterten Lokalmedien und journalistische Start-ups oft daran, ihre Inhalte zu den Empfängern zu bringen, weil der Aufbau der Distribution so teuer ist. Das Schweizer Netzwerk würde dieses Problem lösen. Die Medienvielfalt könnte zunehmen. Und kein Medienhaus würde an der Einführung des Systems verlieren. Denn jedes Medium könnte weiterhin seine eigenen Webseiten, Sendestationen oder Facebook-Accounts betreiben. Es wäre einfach ein Zusatzkanal, der sich wohl schnell als der beste Weg erweisen würde.

Und wer soll das bezahlen?

Die SRG würde das Schweizer Netzwerk betreiben. Es wäre aus unseren Pflichtabgaben finanziert. Denn die SRG verfügt bereits über eine digitale Infrastruktur für News. Ähnlich wie man einst anfing, zuerst Radio zu senden und dann Fernsehen, würde die SRG nun soziale Medien anbieten. Sie müsste jeder in der Schweiz wohnhaften Person einen Accountzugang geben. Nicht zum Vertrieb eigener Inhalte, sondern als Kanal für alle Schweizer Qualitätsmedien.

Es wäre eine inhaltsneutrale Förderung, wie sie viele Verleger fordern. Man würde die Kleinen und den Markt zugleich fördern. Aber wie soll die SRG das finanzieren? Die SRG müsste einen Teil ihrer Aktivität umverlagern. Von der Herstellung von Inhalten zur Bereitstellung eines Netzwerks. Die SRG würde so ihren Kernauftrag der Versorgung der Randgebiete und des Zusammenhalts erfüllen.

Wahlbeeinflussung ausgeschlossen

Der Hauptvorteil gegenüber Facebook & Co. wäre aber ein staatspolitischer. Unsere Demokratie wäre geschützt. Wahlbeeinflussung im Stile von Cambridge Analytica wäre ausgeschlossen, ebenso Missbrauch durch die SRG selbst. Denn endlich würden die Algorithmen transparent, die steuern, wer welche News sieht. Facebook als profitorientiertes Unternehmen weigert sich, seine Algorithmen offenzulegen. Ein öffentlich-rechtlicher Betrieb aber hat keine Geschäftsgeheimnisse. Auch Nutzerdaten würden besser kontrolliert.

Ein geschützter Informationsraum ist die Grundlage der Souveränität im digitalen Zeitalter.

Die Idee keimt gerade an vielen Orten. Kürzlich veröffentlichte ein ehemaliger Direktor des Bloganbieters Tumblr in der «New York Times» den Vorschlag, in den USA ein Public Social Network aufzubauen. Doch wir Schweizer könnten die Ersten sein, denn die wichtigsten Stellen bewegen sich in die gleiche Richtung:

Die Schweizer Verleger machten Mitte Oktober mit der Login-Allianz einen pionierhaften Schritt zur Zusammenarbeit im digitalen Vertrieb. Simonetta Sommaruga sagte vor Verlegern, ihr Medienpaket solle die Zustellung von Inhalten fördern. Der Presserat hat Anfang Jahr seine Kompetenzen auf den digitalen Raum erweitert. In der Eidgenössischen Medienkommission diskutiert man ein Qualitätslabel für News. Und wir hätten die Ingenieure: Mit Refind betreiben zwei ETH-Abgänger ein weltweit beachtetes Social-News-Netzwerk. Und im Kanton Basel testen Entwickler des Vereins Wepublish ein digitales Vertriebsnetz für lokale Newsanbieter. Das Schweizer Netzwerk wäre die logische Fortsetzung. Anstossen könnte es das Bundesamt für Kommunikation, realisieren die SRG.

Digitale Staatsgründung

Wir bilden uns oft ein, die Schweiz sei ein langsames Land, das Entwicklungen stets etwas hinterherhinkt. In Wahrheit ist die Schweiz ein Labor. Eines der innovativsten Länder der Welt, das seiner Zeit manchmal auch voraus ist. Denken Sie nicht an das Frauenstimmrecht. Denken Sie an die Bundesverfassung von 1848. Das ist die Dimension dessen, was uns bevorsteht: eine digitale Staatsgründung.

Erstellt: 02.11.2019, 10:50 Uhr

Artikel zum Thema

Jetzt drängt Facebook in die Vorsorgemedizin

Sollen sie Facebook vertrauen? Dies fragen sich Nutzerinnen und Nutzer jetzt in den USA, denen das Sozialnetz neu präventive Tests und Grippeimpfungen vorschlagen will. Mehr...

Twitter verbietet politische Werbung

Ein Jahr vor der US-Präsidentenwahl untersagt der Kurznachrichtendienst die Verbreitung politischer Botschaften – und stellt sich damit gegen Facebook. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Paid Post

Verstehen Sie Ihre Arztrechnungen?

Sie wollen wissen, was genau auf Ihrer Arztrechnung steht? Kein Problem – lassen Sie es sich einfach im Kundenportal des Gesundheitsversicherers Atupri übersetzen.

Die Welt in Bildern

Fast wie auf der Titanic: Ein Liebespaar betrachtet die untergehende Sonne im untergehenden Venedig (17. November 2019).
(Bild: Luca Bruno) Mehr...