Ein grosses Opfertheater

Wer bei jeder Bagatelle aufschreit, den nimmt man nicht mehr ernst – selbst wenn es nötig wäre.

Orthodoxe Juden auf einem Hügel nahe Jerusalem. Foto: Abir Sultan (Keystone)

Orthodoxe Juden auf einem Hügel nahe Jerusalem. Foto: Abir Sultan (Keystone)

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Eine Empörungswelle brandete vergangene Woche über das «Apartmenthotel Paradies» in Arosa wegen eines Zettels, den eine naive Hotelmanagerin im Poolbereich aufgehängt hatte. Adressiert war er an die «jüdischen Gäste», die doch bitte duschen sollten, bevor sie den Pool benutzten. Ein Gast fotografierte das Schild, es folgte ein Sturm der Entrüstung in den sozialen Medien. Übelster Antisemitismus sei das, widerlich, unsensibel und nationalistisch. Der israelische Botschafter meldete sich beim EDA, und Shimon Samuels, Direktor für Internationale Beziehungen des Wiesenthal-Zentrums, verlangte eine Untersuchung wegen Hasskriminalität und juristische Schritte gegen das Hotel und sein Personal.

Böse oder blöd?

Es war unbestritten ungeschickt von der betreffenden Managerin, die problematischen Klischees zu ignorieren, die ihr Schild in Erinnerung ruft. Sie hätte ihre Aufforderung bloss unspezifisch an alle Gäste richten müssen, es hätte keinen Ärger gegeben. Aber man darf sich auch fragen: War diese Managerin böse – oder nur blöd? Und warum frequentieren jüdische Gäste ausgerechnet dieses Appartementhaus offensichtlich gern, wenn es von verkappten Nazis betrieben wird? Könnte es nicht auch sein, dass die Managerin mit einem bestimmten Teil ihrer Klientel einschlägige Erfahrungen gemacht hat und ihre Aufforderung deshalb an diese Besuchergruppe adressierte? Doch selbst wenn dem so ist: Allein die Vermutung dürfte als antisemitisch gelten – so etwas dürfen nur Mitglieder der jüdischen Community sagen.

Das haben sie auch. Deborah Feldman, eine ehemals chassidische Jüdin, schrieb in der NZZ am Sonntag, was sie nach anfänglicher Empörung über den Vorfall selber in Erfahrung bringen konnte: dass nämlich eine Gruppe chassidischer Männer den Pool benutzt und die Duschregeln ignoriert habe. Chassidische Männer, erklärt Feldman weiter, akzeptierten einzig die Regeln ihrer Religion als massgeblich, nicht aber die Regeln des Hotels. Dies dürfte also der eigentliche Konflikt sein. Dank dem Empörungsreflex über vermeintlich antisemitisches Verhalten verblasst dieser dann.

Sorgt in der jüdischen Gemeinschaft für Aufruhr. Das Warnschild, das inzwischen wieder entfernt wurde.

Deshalb sei dieser Reflex auch ein «äusserst effektiver Knüppel», so Feldman, um jeglichen Widerspruch im Keim zu ersticken. Die Beobachtung stimmt – und beschränkt sich nicht auf Juden. Jede Gruppe, die historisch diskriminiert wurde, Schwarze, Juden, Frauen – eigentlich alle ausser weisse, alte Männer –, hat diesen Knüppel zur Verfügung. Läuft irgendetwas nicht so, wie man es sich wünscht, holt man den Knüppel hervor und schreit: Diskriminierung! Wer auch schon nur die Frage zu stellen wagt, ob es nicht vielleicht andere Erklärungen für gewisse Phänomene gibt, wird im Furor moralischer Überlegenheit niedergeknüppelt.

Ich weiss es, weil ich als Frau selber einer Gruppe angehöre, die sich gern diskriminiert fühlt: Wir werden schlechter bezahlt und sexistisch behandelt, und die Welt, in der wir leben, ist überhaupt furchtbar ungerecht gegenüber Frauen.

Sexistisches, rassistisches oder antisemitisches Verhalten zu brandmarken, ist im Zeitalter sozialer Medien ein sicherer Wert für Zuspruch.

Unbestritten trifft dies in gewissen Fällen zu. Frauen erleben weltweit sexuelle Gewalt und Diskriminierung – dagegen muss man mit allen Mitteln ankämpfen. Aber oft ist es auch ein grosses Opfertheater. Und dafür braucht es keinen Mut. Ganz im Gegenteil: potenziell sexistisches, rassistisches oder antisemitisches Verhalten zu brandmarken, ist im Zeitalter sozialer Medien ein sicherer Wert für Zuspruch. Wer sich verbal für Opfer starkmacht, sie schon nur benennt, dem ist der Jubel des Internets sicher, man kann sogar ganze Karrieren darauf bauen. Warum? Weil wir uns in den sozialen Medien nicht so zeigen, wie wir tatsächlich sind, sondern so, wie wir von den anderen gesehen werden möchten. Also fragen wir lieber erst gar nicht nach, sondern nehmen am kollektiven Empörungsrausch teil, um den andern zu beweisen, wie sensibel wir sind.

Dass Schwächere heute Diskriminierung benennen dürfen, ist eine Errungenschaft. Aber wenn man die Probleme nicht mehr beim Namen nennen darf, aus Angst, man könnte Empfindlichkeiten verletzen, wird man sie auch nie lösen. Und wer bei jeder Bagatelle aufschreit, dem wird man nicht mehr zuhören, wenn es wirklich ernst wird. Und damit ist auch in Zukunft zu rechnen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.08.2017, 20:07 Uhr

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