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Ein Heimspiel auf fremdem Boden

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan ist frühzeitig ans UNO-Flüchtlingsforum gereist. Seine Anhänger haben ihn in Genf begeistert empfangen.

Tim Wirth, Philippe Reichen, Genf
Vor dem Genfer Hotel Four Seasons bejubeln Anhänger den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Bild: Salvatore Di Nolfi/Keystone
Vor dem Genfer Hotel Four Seasons bejubeln Anhänger den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Bild: Salvatore Di Nolfi/Keystone

Im Genfer Hotel Four Seasons herrscht an normalen Tagen maximale Gelassenheit. Nicht so an diesem Montagmorgen. Der Betrieb ist eingeschränkt. Man könnte auch sagen: Das Fünfsternhotel ist blockiert. Eine Gruppe Türken hat die Lobby kurzerhand in Beschlag genommen. Alles wartet auf den Besuch des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Er entschied, bereits am Vortag seines Auftritts am UNO-Forum für Flüchtlinge in Genf abzusteigen. Wofür? Für einen Propagandaanlass?

Der Präsident werde hier einige Landsleute treffen, sagt ein Mann, der in der Lobby als eine Art Portier wirkt. An ihm muss vorbei, wer zu Erdogan gelangen will. Der Portier nestelt immer wieder in einer mit kleinen Couverts gefüllten Kartonschachtel herum. In den Couverts stecken die Einladungskärtchen.

Rasch steht fest: Für einen Schweizer Journalisten gibt es kein Couvert und damit auch keinen Platz beim Empfang. Der Portier versucht dem Anlass im Four Seasons die Wichtigkeit zu nehmen. Der Präsident werde einzig an der UNO eine offizielle Rede halten, im Hotel aber nur Leute treffen. Es tönt nach einem Sandwichempfang mit anschliessendem Tee und Kuchen.

Hektische Betriebsamkeit im Hotel

Doch ein Blick nach draussen gibt einen anderen Eindruck. Hier tummelt sich eine Armada von Polizisten mit Berner und Genfer Kantonswappen. Schliesslich taucht ein Polizist mit Waadtländer Emblem auf. Er scheint das Oberkommando zu haben. Rechts und links des Hoteleingangs stehen Polizisten mit geladenen Maschinenpistolen. Immer wieder sind Personen in Zivil zu sehen, die der türkischen Polizei zuzuordnen sind. Der Vorplatz ist mit Betonelementen und Gitterabsperrungen abgeriegelt.

Elegant gekleidete Frauen mit Kinderwagen, die aus dem Hotel kommen oder ins Hotel hineingelangen wollen, lösen unter den Polizisten kurzweilig hektische Betriebsamkeit aus. Die Réceptionisten müssen empörte und wild gestikulierende Hotelgäste zu Hintereingängen lotsen. Über dem Hotel erscheinen in verschiedenen Flughöhen zwei Militärhelikopter, die über dem Gelände kreisen.

Der europaweite kurdische Dachverband hat im Vorfeld dazu aufgefordert, in Genf auf die Strasse zu gehen, wie «20 Minuten» schreibt. Erdogan reise mit «blutigen Händen» in die Schweiz. Während am Montag vor allem die Anhänger von Erdogan sichtbar waren, dürften am Dienstag, wenn das Flüchtlingsforum beginnt, auch seine Gegner auftreten.

«Das Flüchtlingsforum steht allen Staaten offen», sagt das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten auf Anfrage. Auftritte von Recep Tayyip Erdogan ausserhalb der Konferenz kann die Schweiz nicht verbieten. Im Jahr 1998 hat das Parlament die Bewilligungspflicht für Reden von ausländischen Politikern abgeschafft. CVP-Ständerat Daniel Fässler forderte zwar nach umstrittenen Auftritten Erdogans in Deutschland, dass die Schweiz wieder die Möglichkeit erhalten solle, Anlässe von ausländischen Politikern zu verbieten.

Doch Fässlers Motion scheiterte im Frühling im Parlament. Es sei eine unverhältnismässige Beschränkung der Meinungsfreiheit, wurde argumentiert. Das Bundesamt für Polizei könne zudem ein Einreiseverbot erlassen, wenn eine Person die Sicherheit der Schweiz unmittelbar gefähde.

Grosse Entzückung

Immer mehr Erdogan-Anhänger strömen kurz nach dem Mittag zusammen und erwarten den türkischen Präsidenten. Türkei-Fähnchen werden verteilt. Aus dem Hotel kommt eine Gruppe Türken, die sich zu einer Jubeltraube formiert. Polizisten schaffen in letzter Minute Motorräder weg, die in der Nähe des Hotels abgestellt wurden. Ein Hund wird vor das Hotel geführt und schnüffelt nach Sprengstoff.

Erdogan geht mit regungsloser Miene auf seine Landsleute zu, schüttelt Hände und verschwindet im Hotel.

Dann, kurz vor 13 Uhr, fährt der Konvoi des türkischen Präsidenten vor dem Hotel vor. Erdogans Anhänger skandieren entzückt seinen Namen und machen seinen Besuch zu einem Heimspiel auf fremdem Boden. Erdogan geht mit regungsloser Miene auf seine Landsleute zu. Er schüttelt Hände und verschwindet im Hotel.

Seine Emotionen hat er sich wohl für später aufgespart. Für seine präsidiale Rede vor seinen Gästen im Hotel Four Seasons, bei Sandwichs, Tee und Kuchen.

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