Ein kalter Winter und leere Wasserspeicher

Noch selten waren die Stauseen im Januar so leer wie dieses Jahr. Das birgt Risiken.

So schlimm wurde es nicht: Der entleerte Lago di Lei im Avers (2012). Foto: Nicola Pitaro

So schlimm wurde es nicht: Der entleerte Lago di Lei im Avers (2012). Foto: Nicola Pitaro

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Der Januar 2017 war der kälteste seit 30 Jahren. Das Thermometer überstieg die Nullgradgrenze nur selten, die Schweizer Gewässer froren zu, die Heizungen liefen auf Hochtouren, und auch in den Stauseen ging Aussergewöhnliches vor sich. Sie leerten und leerten sich – bis die Pegel Rekordtiefen erreichten. Das zeigen Zahlen der Schweizer Stromnetzbetreiberin Swissgrid.

Im Vergleich zum langjährigen Durchschnitt waren die Wasserspeicher gegen Ende Januar so leer wie noch nie zu ­diesem Zeitpunkt. Die Kältewelle habe diese Entleerung forciert, sagt Swissgrid. Die Preise an den Strombörsen in Frankreich waren so hoch wie lange nicht mehr. Dazu trugen die Minustemperaturen bei und der Umstand, dass in Frankreich bis zu 23 AKW nicht am Netz waren.

«In wenigen Wochen entleert»

Die Schweizer Kraftwerksbetreiber nutzten die Gunst der Stunde: Allein in der Woche vor dem 22. Januar hätten sie 7 Prozent der gesamten Speicherkapazität «durch ihre Turbinen gejagt», berichtete die «Handelszeitung». Bis Ende Januar entleerten sich die Wasserpegel der Stauseen auf 27,6 Prozent. Ein Treffen der Strommarktaufsicht Elcom mit Branchenvertretern wurde vorgezogen, auch die tiefen Pegelstände der Wasserspeicher waren ein Thema. Dabei seien die Betreiber darauf aufmerksam gemacht worden, «dass sie im Rahmen ihres Risikomanagements beim Einsatz der Speicherkraftwerke auch die Verantwortung für die Importrisiken zu berücksichtigen haben», sagt Elcom-Sprecher Simon Witschi.

Was damit gemeint ist, wird klar, wenn man sich die Folgen einer länger andauernden Kältewelle vor Augen führt. Bei weiterhin tiefen Temperaturen und gleichzeitig hohen Exporten hätten sich die Speicherseen laut Swissgrid-Sprecher Patrick Mauron «in wenigen Wochen bis auf ein minimales Mass entleert». Die Schweiz wäre noch stärker auf Stromimporte aus dem Ausland angewiesen gewesen. Doch auch dort war die Lage teilweise angespannt. In Frankreich etwa steigt der Stromverbrauch in Kältephasen stark an, weil ein Grossteil der Haushalte elektrisch beheizt wird – ein Problem, wenn gleichzeitig zahlreiche heimische AKW nicht am Netz sind.

«Verkaufen ist attraktiver»

So weit kam es dann nicht. Die Eiseskälte war Ende Januar überstanden, die Energieproduktion aus den Wasserspeichern reduzierte sich, während die Importe stark anstiegen. Ende März erreichte der Füllungsgrad der Stauseen laut Swissgrid wieder ein «für die Jahreszeit übliches Niveau». In der Schweiz sei die Netz- und Versorgungssituation «während des ganzen Winters stabil» gewesen, sagt Elcom-Sprecher Witschi denn auch. Laut Felix Nipkow von der Schweizerischen Energiestiftung hätte der Tiefststand im Januar aber verhindert werden können. «Für die Kraftwerksbetreiber ist es attraktiver, den Strom ins Ausland zu verkaufen, als ihn für die Versorgung der Schweizer Verbraucher zurückzubehalten», sagt Nipkow. Das sei ökonomisch nachvollziehbar, aber gerade in strengen Wintern unter Umständen riskant.

Es wird wohl nicht der letzte Winter gewesen sein, in dem man sich in der Schweiz mit diesem Thema beschäftigen muss. Denn solange die Zubauraten bei den erneuerbaren Energien moderat seien, «dürfte die Importabhängigkeit weiter zunehmen», sagt Simon Witschi von der Elcom.

Erstellt: 06.04.2017, 23:21 Uhr

Neue Systeme

Swissgrid sorgt vor

Abgesehen von einem kurzen regionalen Unterbruch war die Netzsicherheit in der Schweiz im vergangenen Jahr laut der Netzbetreiberin Swissgrid jederzeit unter Kontrolle. Dass es im letzten Winter keinen Netzausfall gegeben habe, sei auch den Vorsorgemassnahmen zu verdanken, die man getroffen habe.

So beschaffte Swissgrid unter anderem einen Transformator in Beznau und nahm ein neues Leitsystem für das Übertragungsnetz in Betrieb. Weiter investierte der Netzbetreiber im vergangenen Jahr insgesamt 8 Millionen Franken in sogenannte Winterprodukte zur Systemstabilisierung. Konkret hatte sich Swissgrid bei den Stauseebesitzern Wasserreserven zur Absicherung der Stromversorgung gekauft. (SDA)

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