Luc Recordon gibt sich nach seiner Abwahl als Gentleman

Der grüne Politiker verliert sein Ständeratsmandat an die FDP – und rettet seine Parteikollegin Adèle Thorens.


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Ständerat Luc Recordon hatte das Szenario einer Abwahl kommen sehen. Bereits im September sprach er das Thema in seinem politischen Umfeld an. Er realisierte, dass die Grünen im Wahlkampf anders als in vergangenen Jahren viel zu wenig auf sich aufmerksam machen und Themen setzen konnten. Am 18. Oktober errang seine Partei in der Waadt zwei Sitze. Adèle Thorens, Co-Präsidentin der Grünen Schweiz, schaffte es hinter Recordon und dem Lausanner Stadtpräsidenten Daniel Brélaz nur auf den dritten Listenplatz.

Die Waadtländer Grünen hofften, die Niederlage korrigieren zu können. Der Plan: Das Volk sollte Recordon im zweiten Wahlgang als Ständerat bestätigen, damit Thorens im Nationalrat und auch in der nationalen Parteileitung verbleiben könnte. Doch es kam anders.

Angriff gescheitert, Coup gelungen: Sieger und der Verlierer der Ständeratswahlen in Genf, Fribourg und Waadt.

Während die Waadtländer Wähler die Sozialdemokratin Géraldine Savary gestern als Ständerätin klar bestätigten, ging der Sitz von Recordon an den Lausanner FDP-Stadtrat und Nationalrat Olivier Français. Das Rennen zwischen Recordon und Français fiel äusserst knapp aus. Auf Recordon entfielen 3000 Stimmen weniger als auf Français. Dass dieser sich in der Stichwahl auf den zweiten Rang vorzuarbeiten vermochte, erstaunt. Das Duo Savary und Recordon hatte Français im ersten Wahlgang noch deutlich distanziert. Français lag 14 000 Stimmen hinter Recordon, brauchte für einen Wahlerfolg also die Stimmen des gesamten bürgerlichen Lagers.

Doch ausgerechnet von der SVP bekam er eine Abfuhr. Als er nach dem ersten Wahlgang an der SVP-Delegiertenversammlung um Unterstützung bat, wurde er mit deutlichen Worten abgewiesen. Doch davon liess sich Français nicht aus dem Konzept bringen: Als einziger Bürgerlicher in der linksdominierten Lausanner Stadtregierung ist er es gewohnt, als Einzelkämpfer aufzutreten.

Ein fairer Verlierer

In den letzten Tagen warb Français nochmals um die Gunst der rechten Wähler. Bei seinen Auftritten im Radio und Fernsehen schlug der für einen Politiker zurückhaltend wirkende Ingenieur gegenüber seinen linken Kontrahenten Recordon und Savary ungewohnt scharfe Töne an. Offenbar kam dies nicht nur bei den FDP-Wählern gut an. Letztlich verhalfen ihm die Stimmen von SVP-Wählern in den Ständerat. Français sagte denn auch: «Unsere Partner auf der Rechten und in der Mitte haben uns gut unterstützt.»

Luc Recordon gab sich gestern Abend als fairer Verlierer. Er sagte: «Ich habe dieselbe Anzahl Stimmen wie vor vier Jahren erreicht. Sie haben dieses Mal leider nicht gereicht.» Es sei seine erste Wahlniederlage in seiner 26 Jahre dauernden politischen Karriere, so Recordon. Nun habe er auch dieses Gefühl kennen lernen müssen. Der Anwalt aus Jouxtens-Mézery gab gestern seinen Rückzug aus der nationalen Politik bekannt. Sein Nationalratsmandat, auf das er Anspruch hätte, tritt er an Adèle Thorens ab und gibt ihr damit die Möglichkeit, weiter in Bern zu politisieren.

Video: 24heures/Youtube.

Zudem bewahrt er seine Partei damit vor der Schmach einer abgewählten Co-Präsidentin: Thorens ist die Stimme der Grünen in der Romandie. Im Stile eines Gentlemans sagte Recordon: «Ich bin ein 60-jähriger Mann, Adèle Thorens eine 44-jährige Frau: Bereits nach dem ersten Wahlgang habe ich mich entschlossen, bei einer Nichtwahl meine junge Parteikollegin zu unterstützen.» Schweizweit bekannt wurde Recordon durch seine beiden Bundesratskandidaturen. Unvergessen bleibt zudem, wie Recordon im Nationalratssaal jubelte, als der amtierende Justizminister Christoph Blocher abgewählt wurde.

Levrat ist überrascht

Auch in Freiburg mussten gestern die Linken zittern – und auch dort war ein Parteipräsident betroffen: SVP-Nationalrat Jean-François Rime war erst für den zweiten Ständeratswahlgang mit einer Kampfkandidatur gegen SP-Ständerat Christian Levrat angetreten. Doch dieser setzte sich in der Stichwahl souverän durch. Damit blieb der SP erspart, nach der Abwahl des Fraktionschefs Andy Tschümperlin in den Nationalrat auch noch den Parteipräsidenten im nationalen Parlament zu verlieren. Levrat wird Freiburg im Ständerat in Zukunft an der Seite von CVP-Mann Beat Vonlanthen vertreten. Levrat distanzierte Rime mit über 20 000 Stimmen.

Der SP-Chef war über seinen Wahlsieg hocherfreut – und über Recordons Abwahl gleichzeitig überrascht. Er sei davon ausgegangen, dass Recordon die Stichwahl dank seiner «grossen Persönlichkeit» schaffen würde, sagte Levrat.

(Erstellt: 08.11.2015, 18:41 Uhr)

Er räumt seinen Nationalratssitz für die Co-Präsidentin seiner Partei: Luc Recordon. Foto: Raffael Waldner (13 Photo)

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