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Ein Krimi von Winzern, Hackern und Spionen

Wegen einer Hackerattacke hat die Genfer Staatsanwaltschaft einen bekannten Weinhändler, einen Mitarbeiter des Nachrichtendiensts des Bundes, einen Privatdetektiv und einen Hacker verhaften lassen.

Wegen Betrug, Waren- und Urkundenfälschung verhaftet: Weinunternehmer Dominique Giroud. Foto: P.-A. Grisoni
Wegen Betrug, Waren- und Urkundenfälschung verhaftet: Weinunternehmer Dominique Giroud. Foto: P.-A. Grisoni

Am Mittwoch führten mehrere Kantonspolizeien eine Verhaftungsaktion durch. Für die Staatsanwaltschaft Genf nahmen sie den prominenten Walliser Weinunternehmer Dominique Giroud, einen Mitarbeiter des Nachrichtendiensts des Bundes (NDB), einen Privatdetektiv sowie einen professionellen Hacker fest. Der Verdacht gegen das Quartett lautet auf Hacken von Computern, insbesondere von Journalisten. Der Hacker soll laut Genfer Ermittlern von den drei anderen Verdächtigen zum Angriff angestiftet worden sein. Es gilt die Unschuldsvermutung. Generalstaatsanwalt Olivier Jornot persönlich leitet das Verfahren. Gestern wurden die Beschuldigten einvernommen. Wegen der Gefahr von Absprachen beantragte Jornot für alle vier Untersuchungshaft. Gemäss den Ermittlern sind die Aussagen «inkompatibel, insbesondere was den Einbezug des Nachrichtendienstes des Bundes betrifft».

NDB-Mitarbeiter freigestellt

Der NDB stellt indes klar: Der Dienst habe nicht das Geringste mit der Sache zu tun – auch wenn einer seiner Männer in das Verfahren involviert ist. «Der Mitarbeiter ist bis zum Abschluss der Untersuchung freigestellt», sagt NDB-Sprecher Felix Endrich. Der Betroffene habe keinen Auftrag gehabt, in diesem ­Umfeld tätig zu sein. Gemäss Informationen von Redaktion Tamedia handelt es sich beim Mann, dessen Name der Redaktion bekannt ist, um einen ­erfahrenen Geheimdienst-Angestellten ohne Führungsfunktion. Ein Geheimdienstkenner bestätigte Informationen von Radio Télévision Suisse Romande (RTS), wonach es sich beim Inhaftierten um einen Spionageabwehr-Spezialisten und Freund Girouds handle, der mit ihm in der erzkatholischen Pius-Bruderschaft verkehre. RTS zitierte eine «Berner Quelle», wonach der NDB seit etwa einem Monat «enge Beobachtungen» der ausserdienstlichen Aktivitäten seines Mitarbeiters gemacht habe. Der Nachrichtendienstler und der Privatdetektiv sind gemäss RTS in weitere Strafverfahren in Genf verwickelt.

«Le Matin Dimanche» berichtete am Wochenende, Giroud habe zuerst einen Walliser und dann einen Genfer Detektiv beauftragt, Ermittler auszuforschen. Die Genfer Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die Hackerangriffe darauf abzielten, die Quellen von Journalisten zu erfahren. In den vergangenen Monaten waren wiederholt Informationen zu Untersuchungen gegen Giroud an die Medien gelangt. Insbesondere die Recherchen von Marie Parvex, Walliskorrespondentin von «Le Temps», und RTS-Journalist Yves Steiner sorgten für Aufsehen. Beide sind von der Hackerattacke betroffen.

Ein seltsames E-Mail

Yves Steiner sagt, er habe Anfang März ein seltsames E-Mail bekommen, dem ein Word-Dokument angehängt war, das wiederum ein PDF-File enthielt. Steiner ging von einem Spionageprogramm aus. Er übergab seinen Computer sogleich den RTS-Informatikern, die die Hackerattacke bestätigten. RTS erstattete am 7. März Anzeige gegen un­bekannt. Marie Parvex hätte dasselbe E‑Mail bekommen sollen, wäre es nicht im Spamfilter von «Le Temps» hängen geblieben. Die Journalisten bemerkten darüber hinaus, dass sie vor dem Erhalt der E-Mail von einem ehemaligen Journalisten der französischen Zeitung «Le Parisien» kontaktiert worden waren. Yves Steiner sagt: «Er bat um Informationen für eine Recherche und gab an, er werde später eine E-Mail schicken.»

Marie Parvex dürfte Girouds Zorn auf sich gezogen haben, weil sie im Herbst vergangenen Jahres enthüllte, dass die Eidgenössische Steuerverwaltung Firmen in Girouds Unternehmensgruppe verdächtigt, Einkünfte von rund 13 Millionen Franken nicht versteuert zu haben. Kurz darauf wurde Giroud beschuldigt, 13'000 Flaschen Wein unter dem Label Saint-Saphorin verkauft zu haben, obschon die gekelterten Trauben gar nicht aus diesem Weinbaugebiet stammten. Weitere Ungereimtheiten tauchten auf. So soll Giroud zwischen 2005 und 2009 seinen Walliser Wein mit zu viel, also mehr als den erlaubten 15 Prozent fremden Trauben gemischt haben.

Die Waadtländer Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Betrugs, Waren- und Urkundenfälschung gegen Giroud. Die Walliser Behörden hatten im Oktober 2013 gegen ihn Strafanzeige wegen Steuerdelikten erstattet.

Brief an Maurer «gravierend»

Zuletzt sorgte ein Rechtsstreit zwischen dem Weinunternehmer und der RTS für Aufsehen. Das Bezirksgericht Sitten hatte auf Antrag des Weinhändlers die Ausstrahlung zweier Berichte zunächst untersagt. Die superprovisorische Verfügung wurde danach aber wieder aufgehoben. RTS durfte die Berichte senden.

Der Nachrichtendienst des Bundes hat auch Bundesrat Ueli Maurer in einem Brief über die Vorkommnisse orientiert. Dasselbe Schreiben ­bekamen gestern die Mitglieder der Geschäftsprüfungs­delegation der Eidgenössischen Räte (GPDel). GPDel-­Präsident Paul Niederberger wollte sich gestern zum Inhalt des Briefes nicht äussern. Er sagte aber: «Wenn die Dinge so abgelaufen sind, wie sie im Brief ­beschrieben werden, wäre das gravierend.»

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