Ein Leben lang bezahlen für das Kind eines anderen

Vaterschaftsklagen sind enge Grenzen gesetzt. Beispiel eines Mannes, der nicht der leibliche Vater seines Sohnes ist.

Was, wenn das Kind nicht das eigene ist? Foto: Gaetan Bally (Keystone)

Was, wenn das Kind nicht das eigene ist? Foto: Gaetan Bally (Keystone)

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Bei Christoph Balmer* kam die Wahrheit mit den Jahren. Als sein Sohn geboren wurde, hatte er keinerlei Zweifel an seiner Vaterschaft. Er hörte es gern, wenn die Leute sagten: «Er gleicht dem Papi.» Obwohl er wusste, dass man das im Säuglingsalter schwer feststellen kann.

Die Zweifel kamen, als seine Frau und er sich ein zweites Kind wünschten. Doch es schien nicht mehr zu klappen. Da liess Christoph Balmer sich unter­suchen und erfuhr, dass seine Spermienqualität reduziert ist. Es sei für ihn nicht unmöglich, auf natürlichem Weg Vater zu werden, wurde ihm beschieden. Doch die Chance sei klein. Er machte sich Gedanken. Dass er trotzdem Vater geworden war, erschien ihm nachträglich wie ein Sechser im Lotto. Ein Riesenzufall. Oder war es möglich, dass ein anderer der Vater ist?

Er verwarf den Gedanken. «Dass meine Frau fremdgegangen sein könnte, war für mich unvorstellbar.» Niemals hätte er sich getraut, darüber zu reden. Die Frage, ob er wirklich der Vater des Jungen sei – sie wäre der Bruch gewesen.

Zu spät geklagt

Der Bruch kam trotzdem. Vier Jahre später, kurz vor dem siebten Geburtstag des Kindes, trennten sich Christoph Balmer und seine Frau. In dieser Zeit wurde viel gestritten, es ging auch darum, ob er der leibliche Vater des Kindes sei. Einen ­Vaterschaftstest lehnte die Frau ab.

Ein Jahr nach der Trennung klagte Balmer auf Anfechtung seiner Vaterschaft. Doch das war zu spät. Das Gesetz erlaubt Vaterschaftsklagen nur bis zum vollendeten fünften Lebensjahr des Kindes. Ausnahmsweise auch später noch, wenn die Verspätung mit wichtigen Gründen entschuldigt wird. Als wichtiger Grund gilt, wenn es vorher keinen Grund gab zu zweifeln. Kommen aber Zweifel auf, muss der Betroffene «umgehend» klagen. Dies schrieb das Bundesgericht in einem Urteil vom Januar 2018, in welchem es die Beschwerde von Christoph Balmer abgewiesen hat. Zuvor hatten die Zürcher Gerichte seine Klage abgewiesen. Eine Vaterschaftsklage sei «innert Monatsfrist» nach Aufkommen der Zweifel einzureichen, schrieb das Bundesgericht. Balmer sagt: «Eine absurde Frist. Wie kann man in so kurzer Zeit einen Anwalt suchen und eine Klageschrift zusammenstellen?»

Nun bleibt Balmer der juristische ­Vater seines mittlerweile zehnjährigen Sohnes. Zum Kind hat er seit Jahren keinen Kontakt mehr, die Streitereien haben das Verhältnis beschädigt. Beide wohnen im selben Ort, ab und zu sehen sie sich auf der Strasse. Dann grüssen sie sich flüchtig. Christoph Balmer empfindet es als unfair, dass er keine Chance hat, sich als Vater aus dem Zivilstands­register streichen zu lassen. Zumal er von seiner Ex-Frau auch noch hintergangen wurde. Er trägt die Alimentenlast für Frau und Kind. Ab der Scheidung bis zur Volljährigkeit des Sohnes wird ihn das rund eine Viertelmillion Franken kosten, das Geld für die Ex-Frau nicht eingerechnet.

Dabei weiss Balmer heute definitiv, dass er nicht der leibliche Vater ist. Er hat einen Test durchführen lassen, als seine Ex-Frau nach langem Ringen die Unterschrift dafür gab. Das Resultat war eindeutig. Doch es wird gerichtlich nicht verwertet, weil Balmer die Klagefrist verpasst hat. Die Justiz interessiert sich nicht für die leibliche Vaterschaft. Nur für die juristische.

Christoph Balmer weiss heute, wer der leibliche Vater des Kindes ist. «Der soll die Konsequenzen tragen und Verantwortung übernehmen», sagt er.

Strenges Schweizer Gesetz

Der Kuckuck legt seine Eier in fremde Nester. Deshalb spricht man von ­Kuckuckskindern und Kuckucksvätern. 4 bis 7 Prozent aller Kinder, schätzen Fachleute, seien Kuckuckskinder. Wenn das stimmt, sitzt in jeder Schweizer Schulklasse eines.

Das Gesetz sorgt dafür, dass möglichst jedes Kind einen Vater hat. Zumindest auf dem Papier. Kommt ein Kind während der Ehe zur Welt, ist der Ehemann automatisch der Vater. Selbst wenn ein Gentest vorliegt, der das Gegenteil beweist – der Ehemann muss die Vaterschaft gerichtlich anfechten. Erst wenn er rechtskräftig als Vater aberkannt und das Zivilstandsregister geändert ist, kann der leibliche Vater das Kind als seines anerkennen.

Sind die Eltern unverheiratet, anerkennt meistens der Partner der Mutter das Kind als seines. Ab diesem Moment ist es für ihn so schwierig wie für den Ehemann, die Vaterschaft zu löschen.

«Die Schweiz hat eine der strengsten Regelungen bezüglich der Abklärung der biologischen Vaterschaft», sagt Martin Widrig, Lektor an der Universität Freiburg und Spezialist für Menschenrechte. Die Abklärung ist nur erlaubt, wenn die Mutter zustimmt. Bei Zuwiderhandlung drohen dem Vater drei Jahre Haft. Allenfalls kann die Kindes- und ­Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) auf Klage hin eine Vaterschaftsabklärung anordnen, wenn sie zum Schluss kommt, dass dies im Interesse des Kindes ist. Auch der Fall von Christoph Balmer ist derzeit bei der Kesb hängig.

Eine Gelegenheit, das restriktive ­Gesetz zu lockern, böte die laufende ­Revision des Bundesgesetzes über genetische Untersuchungen beim Menschen (GUMG). Diese Woche hat die Wis­senschaftskommission des Ständerats das Gesetz beraten, Anfang Jahr war es im Nationalrat. Doch die Väter von ­Kuckuckskindern werden im Parlament kaum gehört. Väterorganisationen lobbyieren seit Monaten bei National- und Ständeräten, das GUMG zu lockern und Vaterschaftsabklärungen zu vereinfachen.

Das Recht auf Abklärung der biologischen Elternschaft soll jederzeit und auch gegen den Willen des anderen Elternteils existieren, fordert Männer.ch. Und Hanspeter Küpfer, Vizepräsident des Vereins Mannschafft, schreibt: «Die Probleme mit Kuckuckskindern könnten mit einem obligatorischen Vaterschaftstest unmittelbar nach jeder Geburt ­behoben werden.» Die Nationalratskommission hat das Thema nicht aufgenommen. Die Ständeratskommission hat gestern mitgeteilt, sie habe «die Problematik rund um das Recht zur Durchführung von Vaterschaftstests» diskutiert, die Lösung jedoch vertagt. Sie müsse im Rahmen eines anderen Gesetzes erfolgen.

Argument Kindeswohl

So sehr sie den Wunsch eines Vaters nach Gewissheit verstehe, sagt die Thurgauer SVP-Nationalrätin Verena Herzog – «an erster Stelle steht für mich das Wohl des Kindes». Wenn herauskommt, dass der soziale Vater nicht der leibliche Vater ist, so die Befürchtung, brechen Familien auseinander, und Alimente ­fallen weg. Ist kein leiblicher Vater da, muss der Staat einspringen. Deshalb habe sie in der Ratsdebatte keinen solchen Antrag gestellt, sagt Herzog.

Das mit dem Kindeswohl wird kontrovers beurteilt. «Wird dem Kind die Kenntnis des biologischen Vaters verschleiert, hat es keine Möglichkeit, zu diesem eine Beziehung aufzubauen», sagt Martin Widrig. Der soziale wie der biologische Vater seien «potenziell wertvolle Ressourcen» für das Kind.

Dass Alimente wegfallen könnten, sei unwahrscheinlich, sagt Widrig. «Der biologische Vater ist in der Regel auffindbar, Kind und Mutter sind also abgesichert.» Es bleibe das Problem, dass es zu einer Trennung kommen könnte, was für Kinder oft nachteilig sei. «Doch dieses Problem könnte behoben werden, indem der Vaterschaftstest direkt nach der Geburt durchgeführt wird.»

*Name von der Redaktion geändert


Video: Vaterschaftstest bei Salvador Dali

Fast 30 Jahre nach seinem Tod wurden DNA-Proben von den sterblichen Überresten des Künstlers Salvador Dali entnommen, um eine Vaterschaft zu überprüfen. (Video: Reuters/Tamedia)

Erstellt: 21.05.2018, 07:22 Uhr

Das Gesetz

Vom Fortschritt überholt

Seit das Bundesgesetz über genetische Untersuchungen beim Menschen (GUMG) 2007 in Kraft getreten ist, hat sich die Situation grundlegend verändert. Bei der Entschlüsselung des Erbguts wurden in den letzten Jahren grosse Fortschritte gemacht. Heute lassen sich Gentests schnell, einfach und kostengünstig durchführen. Das hat Marktlücken geöffnet, neue Angebote sind entstanden, die sogenannten «Direct-to-Consumer Genetic Tests». Dabei können interessierte Personen genetische Untersuchungen durchführen lassen – sowohl zu medizinischen als auch zu nicht medizinischen Zwecken. Bestellt wird direkt beim Anbieter, meist via Internet.

Das GUMG wird dem heutigen Stand der Technik und der Wissenschaft nicht mehr gerecht. Es regelt zum Beispiel den Umgang mit kommerziellen Untersuchungen ungenügend, insbesondere, wenn sie von ausländischen Unternehmen durchgeführt werden. Das Parlament hat deshalb den Bundesrat beauftragt, das Gesetz zu revidieren. (TA)


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