Ein Mann für Millionen

Der Thuner Stefan Hostettler zieht Tausende Anleger in seinen Bann. Inzwischen ermittelt jedoch die Finanzmarktaufsicht, und ein Geschäftspartner distanziert sich.

«Ich bin reich an Erfahrung und Liebe»: Stefan Hostettler, Gründer und CEO von Tycoon69. Foto: Raphael Moser

«Ich bin reich an Erfahrung und Liebe»: Stefan Hostettler, Gründer und CEO von Tycoon69. Foto: Raphael Moser

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Lassen Sie sich diesen Text von Autor Bernhard Odehnal vorlesen:


«Salzburg war der Anfang von etwas ganz Grossem», schwärmt Stefan Hostettler. «Alle waren da, lauter Banker, die im Leben Riesiges bewegt haben.» In einer Salzburger Halle schritt der Schweizer im Juni vor 3000 euphorisierten Besuchern auf die Bühne, begleitet von Feuerwerk und Fanfaren. Der Moderator kündigte ihn als «Legende» der Finanzwelt an: «The Million-Dollar-Man».

Der 50-jährige sieht sich eher als Tycoon, als Macher in der Welt von Blockchain und Kryptowährungen. So heisst auch seine Firma: «Tycoon69» – die Zahl verweist nicht auf eine Sexpraxis, wie im Internet schon hämisch bemerkt wurde, sondern auf Hostettlers Geburtsjahr. Die in Nidwalden registrierte Firma verkaufte bis vor kurzem digitale Gutscheine für eine noch zu schaffende Kryptowährung einer noch zu gründenden Bank. Diese «Token» waren in Paketen zu kaufen, zwischen 50 und 100000 Euro. Gelockt wurde mit Gewinnen mit dem x-Fachen der Einzahlung. Wer Pakete weitervermittelte, sollte «Cashback» bekommen. Man kann das als eine Form des Netzwerk-Marketings sehen. Kritiker vermuten eher ein Pyramidensystem (siehe Box).

Grösser als Facebook?

Der Auftritt von Tycoon69 im Internet ist pompös. Versprochen wird unter anderem der Eintritt in die «Community der erfolgreichsten Netzwerker weltweit». Auf seiner Facebook-Seite postet Hostettler Fotos von Jachten und Sportwagen: «Erfolg ersetzt jedes Argument.»

Für Cécile Thomi, Leiterin Recht bei der Stiftung für Konsumentenschutz, vermittelt ein solcher Internetauftritt «nicht zwingend den Eindruck eines ­seriösen Dienstleistungsanbieters». Der Betreiber des Internetportals «Krypto-x.biz», Markus Miller, warnte schon vor mehreren Monaten, dass «gutgläubige Anleger, aber auch vollkommen unbedarfte Networker und Vermittler mit abenteuerlichen Aussagen und Gewinnversprechen gelockt werden».

Doch die Hoffnung auf schnelles Geld ist offenbar stärker als jede Vorsicht. Die Auftritte von Tycoon69 ziehen viele Menschen magisch an. Hostettler sagt, seine Firma habe 30'000 Kunden weltweit, davon 800 in der Schweiz. Ein Gutachten gibt den Gesamtumsatz der erst vor einem Jahr gegründeten Firma mit 6,5 Millionen Franken an.

Welttournee mit «Webinars»

Dieses Frühjahr ging Hostettler mit seinem Team auf Welttournee, mietete in Budapest, Prag oder Riga Seminarräume in Hotels, übertrug die Werbeveranstaltungen live ins Internet. In einem dieser «Webinars» schwärmt er: «Was wir an die Menschheit rauslassen, ist grösser als Facebook.» Daran glauben seine Fans. Ein Kroate erzählt, wie er nach Indonesien ging, um Bankern und Putzfrauen von Tycoon69 zu erzählen: «Ich sehe in den Augen der Leute: Das ist es, auf was sie gewartet haben.»

Ein Flyer zeigt, in welchen Ländern Veranstaltungen der Firma Tycoon69 stattfanden.

Im persönlichen Gespräch mit dieser Zeitung in einer Thuner Hotellobby beschreibt sich Hostettler als Familienmensch, der als «leidenschaftlicher Augenoptiker» begann. Und als Pionier: «Tycoon69 wird in den nächsten 4 bis 5 Jahren unter die Top-5-Firmen unserer Industrie rutschen.» Ist er selber reich? «Ich bin reich an Erfahrung und an Liebe. Mehr kann ich nicht sagen.»

Hostettler ist eine eindrucksvolle Erscheinung. Er hat Überzeugungskraft, sein Redefluss ist kaum zu bremsen, seine Augen glänzen, wenn er über «Community marketing» oder neue Blockchain-Apps doziert. Er spricht nie von Geld, aber viel von «Werten» und seiner «Bewegung»: «Millionen Menschen werden in Kürze aufstehen und ihre Stimme erheben», schreibt er auf Facebook. Ist das visionär? Oder steckt dahinter ein düsterer Plan?

«Wir brauchen das Repräsentative nicht»

Rund um die Blockchain-Technologie tauchen immer mehr Start-ups auf, die Anlegern Reichtum durch Kryptowährungen versprechen. Für die Finanzmarktaufsicht (Finma) ist es nicht einfach, die Spreu vom Weizen zu trennen und dubiose Firmen zu liquidieren. «Je digitaler der Dienstleistungssektor, umso leichter haben es unseriöse Anbieter, anonym zu agieren und unbescholten davonzukommen», sagt Konsumentenschützerin Thomi. Auch Stefan Hostettler vermutet, dass «99 Prozent der Coins, die jetzt ausgegeben werden, Fakes sind». Er selbst zählt sich zu den 1 Prozent der Ehrlichen, denn Blockchain sei die Zukunft.

Der Firmensitz von Tycoon69 in Ennetmoos NW. Foto: Bernhard Odehnal

Menschen, die ihn länger kennen oder mit ihm arbeiteten, beschreiben Hostettler als korrekt und «hochprofessionell». Der Firmensitz der Tycoon69 bestätigt das eher nicht. An der Adresse in Ennetmoos NW steht eine Garage. Es gibt kein Firmenschild und keinen eigenen Briefkasten. Der Garagenbesitzer wusste bei Anfrage nicht, dass er die Firma beherbergt. «Wir brauchen das Repräsentative nicht», antwortet Hostettler: «Wir schaffen das Zeitalter der digitalen Nomaden. Ich könnte in Dubai einen Palast bauen, einen Lamborghini fahren. Aber ich will das nicht, ich ­fahre Elektroroller.» Tatsächlich bringt Hostettler zum Gespräch einen Roller mit – im Kofferraum des Porsche seines Anwalts – er zieht es aber vor, im Sportwagen mitzufahren.

Auch die Wächter des Schweizer Finanzmarktes haben Zweifel an Hostettlers Aktivitäten. Zur selben Zeit, als der Million-Dollar-Man bei der Salzburger «Power Night» gemeinsam mit prominenten österreichischen Bankern auftrat, stellte die Finma die Tycoon69 unter Zwangsverwaltung einer Zürcher Rechtsanwaltskanzlei. Ohne deren Zustimmung darf die Firma keine Geschäfte mehr machen. Hostettler macht den IT-Journalisten Markus Miller verantwortlich, der Tycoon69 bei der Finma verzeigt habe. In einer 20-minütigen Wutrede auf Facebook attackiert er Miller frontal: «Wenn Sie es auf die harte Art haben wollen – ich bin bereit.»

Mittlerweile haben auch die Finanzmarktaufsichten in Österreich, Deutschland und sogar in Lettland Warnungen veröffentlicht. Denn auch in der lettischen Hauptstadt Riga hat Tycoon69 ein Büro eröffnet, von dort will man offenbar um russische Kunden werben.

Eine Bank, die es nicht gibt

Hauptproblem von Hostettlers Firma ist, dass sie den Eindruck erweckte, Produkte einer österreichischen Bank zu vertreiben. Doch diese Bank gibt es nicht. Die «BCB4U AG» hat erst im August 2019 um eine Banklizenz angesucht. Die Antragsprüfung dauert bis zu fünf Jahre. BCB4U ist die Abkürzung für «Blockchain Bank for You». Beim Projekt sind namhafte österreichische Bankmanager an Bord. Kunden will man über Netzwerk-Marketing gewinnen. «Es ist ein strukturiertes Vertriebssystem, kein Pyramidenspiel», versichert Alexander Picker, CEO der BCB4U, die sich um die Banklizenz bemüht: «Wir sind da in den falschen Geruch gekommen.» Dafür macht Picker «einige übermotivierte Leute» von Tycoon69 verantwortlich. Der Vertrieb sei «aus dem Ruder gelaufen». Man habe sich von der Schweizer Firma Ende Juni getrennt.

Hostettler entgegnet, dass Tycoon69 nur Partner der Mutterfirma von BCB4U war: «Wir sind keine Verkäufer, wir geben Tipps. Das ist legal.» Anfang Oktober veranstaltete Tycoon69 eine Präsentation im tschechischen Teplice. Auf einem Foto sind Autos mit der Werbeaufschrift «BCB4U» zu sehen.

Firma in Dubai, Partner in Prag

Wie kommt Tycoon69 nach Teplice? Franchise, antwortet Hostettler: Mit der tschechischen Firma habe er nichts zu tun. Tatsächlich ist der Eigentümer ein Tscheche namens Pavel Zitko, der auf Facebook allerlei Verschwörungstheorien verbreitet. Im Interview mit der tschechischen Internetzeitung «Denik N», die gemeinsam mit dieser Zeitung recherchierte, beschreibt Zitko seine Firma als Opfer des Finanzsystems, das er «Rothschild-Moloch» nennt. Hostettler und Zitko warben gemeinsam in den vergangenen Wochen für eine Roadshow von Tycoon69, die sie nach Prag, nach Budapest und Bratislava führte.

«Mit der Schweizer Firma bin ich nicht aktiv, solange die Finma untersucht», versichert Hostetter. Er hat ein Gutachten erstellen lassen, das die ­Legalität seiner Geschäfte beweisen soll: «Die Gelder unserer Kunden sind alle da, auf einer Schweizer Bank. Aber weil die Finma einen Verwalter bestellt hat, entstehen uns Kosten.» Weder die Zürcher Anwaltskanzlei noch die Finma äussern sich zu laufenden Verfahren.

Inzwischen hat Hostettler eine Firma namens Tycoon69 International in Dubai gegründet und spricht vom Aufbau von 150 Franchising-Unternehmen: «Es gibt Regionen, wo unser Know-how gefragt ist.» Nächste Woche wird er bei einer Blockchain-Messe in Moskau auftreten, Anfang November in Dubai. Will er nicht lieber die Entscheidung der Finma abwarten? «Warum sollte ich? Ein Verlierer wartet.»

Grosser Auftritt: Stefan Hostettler an einer Veranstaltung im Juni in Salzburg. Quelle: Facebook

Erstellt: 10.10.2019, 06:22 Uhr

Netzwerke und Schneebälle

Netzwerk-Marketing ist auch bekannt als «MLM» (Multi-Level-Marketing). Dabei kaufen Kunden ein Produkt, werben als selbstständige Vertriebspartner neue Kunden an und erhalten dafür eine Provision. Je näher sie dem ursprünglichen Verkäufer stehen, desto höher ist die Provision. Netzwerk-Marketing ist in der Schweiz legal, wenn dabei wirklich mit Produkten gehandelt wird. Hängt der Verdienst der an solchen Systemen beteiligten Personen jedoch nur davon ab, ob sie weitere Personen anwerben, spricht man von einem Schneeball- oder Pyramidensystem. Dieses ist illegal. (bo)

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