Ein Bergler gegen die Stromkonzerne

Not Carl hat einen Plan: Der Rentner führt den Widerstand von fünfzig Berggemeinden gegen die Senkung der Wasserzinsen an.

Stromkonzerne sollen das blaue Gold anständig bezahlen, fordert Not Carl, hier vor dem Bogn Engiadina in Schuls. Fotos: Thomas Egli

Stromkonzerne sollen das blaue Gold anständig bezahlen, fordert Not Carl, hier vor dem Bogn Engiadina in Schuls. Fotos: Thomas Egli

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Er lehnt sich vor, stützt den Ellenbogen auf den Tisch: «Was will ich sonst tun?», fragt er. Mit dem Hund, den er nicht hat, spazieren gehen und zuschauen, wie alles den Bach hinuntergeht? Wie die Stromkonzerne die Wasserkraft schlechtreden, damit sie den Berggemeinden weniger Wasserzinsen zahlen müssen? Und dazu für teures Geld eine PR-Agentur – die PR-Agentur – anheuern? Not Carl hebt die Brauen über die Brillenränder, im Blick Unverständnis. Nein, sagt er. «Ich kann nicht zuschauen, wie alles ­kaputt gemacht wird. Deshalb steige ich auf die Barrikaden.»

Um die Wasserzinsen wird hart gerungen. Auf der einen Seite stehen die Stromkonzerne und der potente Wasserwirtschaftsverband, auf der anderen: Not Carl. Früherer Gemeindepräsident von Schuls, früherer Grossratspräsident Graubündens, früherer Kantonsrichter – und heute Rentner. Er agiert ohne Büro, ohne PR-Agentur, ohne grossen Lohn. Hinter ihm stehen aber fünfzig, meist ­ärmere, Bündner Gemeinden in einer ­Interessengemeinschaft vereint.

Die Konzerne, die den Strom auf dem übersättigten Markt nicht mehr zu den früheren Preisen abbringen, würden ihnen am liebsten nichts mehr für die Wasserkraft bezahlen. Carl will das verhindern. Mit allen Mitteln. «Wasser und Steine, das ist das, was wir hier oben haben. Wer unsere Wasserkraft nutzt, soll uns korrekt entschädigen.» Wie hoch die Zinsen ausfallen und wie sie künftig berechnet werden, entscheidet das Bundesparlament im Zuge der Revision des Wasserrechtsgesetzes. Die Vorlage ist bis Mitte Oktober in der Vernehmlassung.

«Allegra Not!»

Carl führt durch das Thermalbad von Schuls. Wo immer er durchläuft, weichen die Schranken wie von unsichtbarer Hand betätigt zur Seite, das Personal hinter den Tresen grüsst herzlich: «Allegra Not!» Carl war die treibende Kraft hinter dem Bau des Bads. Die Gemeinde plante es ausgerechnet zu der Zeit, als jenes in Leukerbad wegen Überschuldung und Misswirtschaft in die Schlagzeilen geraten war. Das Vorhaben lastete schwer auf Carl; es hiess, Schuls werde ein zweites Leukerbad. Keine Bank lieh noch günstig Geld für ein Thermalbad. So ging Carl bis nach Innsbruck, um sich dort ein paar Millionen zu beschaffen.

«Hier oben sehen wir, wenn sie die Stauseen leeren.»

Heute ist das Bogn Engiadina und sein Gesundheitszentrum ein Segen für das ganze Unterengadin: Es füllt die Hotels, die Restaurants, die Läden. Selbst in der Zwischensaison leeren sich die Dörfer nie. Die Gemeinde kann den aufwendigen Unterhalt des Bads aber schon heute nur knapp bewältigen. Würden die Wasserzinsen sinken, so sagt Carl, wäre es gefährdet. Und mit ihm die ganze Region. Bei vielen Gemeinden kommt die Hälfte der Einnahmen aus den Wasserzinsen. Würden sie gekürzt, ginge es ihnen ans Lebendige.

Der Bergler und der rote Basler

So ist Not Carl wieder da, führt mit der Fahne in der Hand den Umzug an. Vorgesehen war das nicht. Carl, heute 68, war bereits mit 29 Jahren Gemeindepräsident, und als er das Amt nach 15 Jahren abgab, wollte er weg – das Tal ist eng, und er ist ein Beseelter. Es hätte ihn zu sehr gedrängt, sich weiter einzumischen. Er wanderte nach Kanada aus. Heute lebt er im Tessin, in Schuls und in Samnaun bei seiner Partnerin.

Carl hat einen Plan, einen zweistufigen Plan: Stufe I soll aufzeigen, welchen Wert die Wasserkraft heute hat, Stufe II, wie wichtig sie für das Land in Zukunft sein wird. Dafür tat Carl etwas, das in Graubünden kein Bürgerlicher täte – Carl gehörte früher der SVP an, heute der BDP und ist «gewiss kein Linker», wie er selber sagt. Dennoch bestellte er bei einem roten Basler, bei Alt-Nationalrat Rudolf Rechsteiner, eine Expertise. «Mir ist wurst, welcher Partei einer angehört», sagt er. «Wir hier oben brauchen einfach den besten Fachmann.»

Die Wasserkraft an sich ist kein Verlustgeschäft.

Die Expertise ergab, was Carl immer vermutet und was auch die Stromaufsicht des Bundes kürzlich festgestellt hat: Die Wasserkraft an sich ist kein Verlustgeschäft. «Hier oben sehen wir, wenn sie die Stauseen leeren – dann, wenn die Strompreise am höchsten sind», sagt Carl. Die Konzerne aber behaupteten, sie bekämen nicht mehr Geld für eine Kilowattstunde, als an der Strombörse gerade geboten werde. Carl schüttelt den Kopf. «Dabei verdienten sie mit unserem Wasser Geld wie Heu.»

Aus dem Unterland kommt Widerspruch: «Die Preise liegen unter den Gestehungskosten, was jenen Unternehmen, die den Strom nur auf dem freien Markt verkaufen können, Probleme verursachen kann», sagt Albert Rösti, SVP-Nationalrat und Präsident des Wasserwirtschaftsverbands.

«Rentner bringt Disco in Schuls zurück»

Zum Entsetzen von Parteikollegen unterstützte Carl vergangenen November auch die grüne Atomausstiegsinitiative. Zudem setzte er sich für die Rettung des Internats in Ftan ein, für ein Glasfasernetz – und für eine Disco. «Rentner bringt Disco in Schuls zurück», titelte das Onlineportal FM Today Anfang Juli. Wie passt das alles zusammen?

Wenn es hart auf hart kommt, entscheidet sich Carl nicht für die Partei, sondern für die Region. Als die einzige Disco im Dorf schloss, spürte er den Frust der Jungen. Was wollen wir hier noch?, hiess es. Da erteilte er ihnen eine Lektion in Staatskunde. Er gründete eine Facebook-Gruppe und nannte sie «Nova Disco A Scuol». Bald hatte sie fast tausend Mitglieder. Die Jungen waren so begeistert, dass sie auf der Strasse Unterschriften für eine Petition sammelten und damit auf die Gemeinde gingen. Bald soll die Disco wieder öffnen.

Ohne Scheuklappen

«Ich wollte ihnen zeigen, dass bei uns auch Junge etwas bewegen können», sagt Carl. Er dachte aber noch weiter. Er braucht die Jungen – auch jene, die in Ftan die einzige Mittelschule des Unterengadins besuchen – für sein Projekt Mia Engiadina. Er hat mit Swissgrid und Rhätischer Bahn so geschickt verhandelt, dass das Unterengadin fast umsonst zu einem Glasfasernetz kommt. Nun will er digitale Nomaden in die Berge holen, wo sie die Tage mit Arbeiten, Skifahren und Baden verbringen können. So fügt sich alles zusammen.

Im Geiste haben Carl wohl schon manche ein Denkmal errichtet. Selbst im linken Lager würdigt man sein Wirken. «Er ist ein Kämpfer, sehr engagiert, schlau und hat keine Scheuklappen», sagt Jon Pult, Bündner SP-Grossrat und Präsident der Alpen-Initiative. Pult schätzt Carl, weil er keine persönliche Agenda hat, sondern dafür kämpft, woran er glaubt. Alt-SP-Nationalrat Andrea Hämmerle lobt ihn als blitzgescheiten Typ, schnelldenkend, schnellredend, und das auch noch rhetorisch brillant. Und FDP-Grossrat Philipp Gunzinger sagt, Carl sei ein Visionär und habe mit dem Bad eine Pionierleistung erbracht, letztlich aber in der ganzen Region Spuren hinterlassen. «Dieser Mann ist nicht zu bremsen.»

Das Alphorn hilft bei Stress

Hat dieser Mann keine Feinde? Doch, er sei forsch unterwegs, sage seine Meinung und ecke auch an, heisst es. Das tut er heute noch kompromissloser als früher – und geniesst es. «Als Rentner muss ich nicht nach links und rechts schauen», sagt er. Dennoch sind kritische Stimmen schwer zu finden, und wenn sie sich am Telefon melden, verstummen sie.

Wenn es Carl zu stressig wird, dann schraubt er sein Alphorn zusammen und geht damit auf den Balkon. Die Schwingungen der Naturtöne bringen ihn wieder herunter. Der Posaunist hat in einem Crashkurs Alphorn blasen gelernt, und heute zeigen ihn seine Fotos auf Facebook in aufgeräumter Stimmung mit Alphorn und Bundesrat, mit Alphorn und Spitzensportler, mit Alphorn beim Gottharddurchstich.

Was geschieht, wenn weder Stufe I noch Stufe II seines Plans zünden und das Parlament voraussichtlich in einem Jahr die Erträge aus der Wasserkraft schmälern sollte? «Notfalls werden wir halt den Wasserhahn zudrehen», sagte er letztes Jahr in einer ersten Reaktion. Inzwischen verfolgt er eine ausgefeiltere Strategie: das Referendum. Er ist sicher: Die Bevölkerung wird es nicht zulassen, dass mit den Überschüssen aus der Wasserkraft – die es gemäss Rösti nicht gibt – Atomkraftwerke quersubventioniert werden. Carl hat bereits Kontakt zu den grossen Umweltorganisationen aufgenommen und sagt: «Wir sind bereit.» Es klingt wie eine Aufforderung zum Duell.

Erstellt: 10.09.2017, 21:41 Uhr

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Seit Monaten wird in der Schweizer Politik darüber gestritten, wie der einheimischen Wasserkraft geholfen werden soll. Auch in der heute beginnenden Herbstsession ist das Thema mehrfach traktandiert.

Der Bundesrat setzt auf eine Senkung der Wasserzinsen. Gemäss seinem im Juni präsentierten Plan sollen die Kraftwerks­betreiber zwischen 2020 und 2022 rund 150 Millionen Franken pro Jahr weniger an Gebirgskantone und Gemeinden zahlen. Heute bezahlen die Betreiber pro Jahr rund 550 Millionen Franken Wasserzinsen. In einzelnen Gemeinden machen sie bis zu 40 Prozent des Gesamtbudgets aus.

Das Parlament setzt dagegen auf eine finanzielle Unterstützung der Kraftwerks­betreiber auf Kosten der Stromverbraucher. Über die Umsetzung sind sich allerdings National- und Ständerat nicht einig. (TA)

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