Ein Playboy spielt mit der Schweiz

Es geht um Geldwäsche, 25 Luxusautos und eine mehrstöckige Millionenjacht: Wie die Genfer Justiz gegen den Präsidentensohn von Äquatorialguinea ermittelte.

Die Familie Obiang hält sich seit 40 Jahren an der Macht: Teodorin Nguema Obiang in Malabo, der Hauptstadt Äquatorialguineas. Foto: Jerome Leroy (AFP)

Die Familie Obiang hält sich seit 40 Jahren an der Macht: Teodorin Nguema Obiang in Malabo, der Hauptstadt Äquatorialguineas. Foto: Jerome Leroy (AFP)

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«Take another 50!» Der gut gelaunte Auktionator auf dem Podium verlangt vom Publikum noch einmal 50 dazu. Er spricht von 50'000 Franken. Ein Bieter reckt vergnügt sein Nummernschild in die Höhe. Unter Applaus geht ein Lamborghini Veneno für 8,28 Millionen Franken weg.

Geld ist an dieser Versteigerung von 25 Luxusautos, die dem wegen Geldwäsche verurteilten Präsidentensohn Teodorin Obiang gehörten, vor allem eines: ein Spiel.

Der von den Genfer Behörden beauftragte Auktionator darf am Ende dieses sonnigen Sonntags oberhalb von Nyon einen Gesamtgewinn von 23,4 Millionen Franken vermelden – for ­Charity. Für einen guten Zweck, wie ­betont wird. Sozialprojekte in Äquatorialguinea sollen unterstützt werden.

25 Luxusautos wurden an der Auktion in Nyon versteigert – für 23,4 Millionen Franken. Foto: Olivier Vogelsang

Noch ist unklar, was mit dem Geld genau passieren soll. Das Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) in Bern muss herausfinden, über welche Kanäle die Gelder am ­besten der Bevölkerung von Äquatorialguinea zugutekommen. Auf Anfrage sagt das EDA nur: Im Moment sei es noch zu früh, um die genauen Modalitäten der Rückgabe zu kommunizieren.

Zu schwaches Justizsystem

Auf die Behörde in Bern wartet viel Arbeit. Kontakte ins kleine afrikanische Land gibt es kaum, Äquatorialguinea zählt in der Schweizer Entwicklungspolitik nicht zu den Fokusländern. Zudem ist das erdölreiche Land (siehe Box) laut Transparency International eines der korruptesten der Welt. Die Familie Obiang hält sich seit 40 Jahren an der Macht und kontrolliert alles. Auch zahlreiche karitative Einrichtungen.

François Pilet war vor Ort, als die fröhliche Auktion letzten Sonntag stattfand. Den Reichen nehmen, den Armen geben. Daran hat er schon vorher nicht geglaubt. Für den freischaffenden Journalisten ist die Welt an diesem Tag kein bisschen gerechter geworden.

Im Gegenteil. Der Romand sagt: «Die Versteigerung zeigt auch, dass unser Justizsystem zu schwach ist für Menschen wie Teodorin Obiang. Die paar Autos wird er verschmerzen können und sich im nächsten Jahr dann die neuesten Modelle gönnen.»

Brachte die Affäre Obiang ins Rollen: François Pilet. Foto: PD

Von einer Strafe für einen Reichen und Mächtigen will der 43-Jährige darum keineswegs sprechen. Denn mit der Auktion konnte Obiang eine Verurteilung verhindern. Es gab einen Deal mit den Genfer Justizbehörden. Die ­Versteigerung ist darum eine Enttäuschung, vor allem wenn man die Geschichte dahinter kennt. Und François Pilet kennt sie. Er war es, der die Affäre Obiang ins Rollen gebracht hat.

Zuerst war da nur der Blick nach oben. Und ohrenbetäubender Lärm. Vor seinem Scoop, der nun selbst das EDA beschäftigt, verbrachte der Journalist viel Zeit in der Anflugschneise des Genfer Flughafens. Dort freundete er sich mit Planespottern an, die das Fotografieren von Flugzeugen als Hobby betreiben. Pilet baute ein Computerprogramm namens «Dictator Alert», das die Flugzeugnummern registriert und dann Alarm schlägt, sobald eine Maschine von zweifelhafter Herkunft im Anflug ist.

2016 gehörte die Regierung von Äquatorialguinea mit fast 120 Landungen zu den absoluten Vielfliegern in Genf. Und sie hatte, wie sich mithilfe der Planespotter herausstellte, ausgesprochen viel Gepäck dabei. François Pilet entdeckte, dass die Vertreter des kleinen erdölreichen Landes sehr oft mit zahlreichen Luxusautos aus Afrika anreisten.

Behörden zahlen Bootsunterhalt

Im mittlerweile eingestellten, von seinem Vater Jacques gegründeten Magazin «L’Hebdo» veröffentlichte Pilet den luxuriösen Wagenpark, der in sogenannt offizieller Mission in Genf unterwegs war. Ein paar Tage später eröffnete die Genfer Staatsanwaltschaft ein Verfahren gegen Teodorin Obiang, Vizepräsident des Landes, Sohn des Machthabers, Autonarr. Sie reihte sich damit hinter Spanien, den USA und Frankreich ein, die den verschwenderisch lebenden Playboy mit Häusern in Malibu, Paris und Kapstadt bereits wegen Geldwäsche verurteilt hatten.

Bald ging es in Genf nicht mehr nur um Autos. Plötzlich waren auch zwei grosse Jachten mit Whirlpool Teil der Untersuchungen. Die Ice und die Ebony Shine gehörten offiziell zur Marine von Äquatorialguinea, hatten dort aber noch nie geankert.

Stattdessen lag die Luxusjacht Ice in einem zivilen Hafen von Marokko und die 100 Millionen Franken teure Ebony Shine vor der Küste Hollands. Letztere konnten die Genfer Staatsanwälte in letzter Minute konfiszieren. Nur: Jetzt waren die Behörden für den Unterhalt des mehrstöckigen Bootes verantwortlich. Mindestens 2000 Franken kostete dies pro Tag.

Einer von vielen: Auch dieser Ferrari Enzo kam unter den Auktionshammer. Foto: Olivier Vogelsang

Während gegen Teodorin Obiang ermittelt wurde, wuchsen die Kosten, es ging in die Millionen. Und zahlreiche Genfer Anwälte sorgten im Namen von Äquatorialguinea dafür, dass die Sache sich weiter in die Länge zog. Schliesslich kam es vergangenen Februar zum Deal. Das Schiff und eine Wohnung in Genf sollten wieder an Äquatorialguinea zurückgegeben werden. Dafür würden die 25 Autos, die offiziell dem Land gehörten, aber vor allem von Teodorin Obiang genutzt wurden, für einen wohltätigen Zweck versteigert. Zudem flossen 1,3 Millionen Franken an Genf zurück.

Wie es genau zum Deal gekommen ist, wollen die Behörden nicht kommentieren. Sie bestätigen aber, dass alle Untersuchungen gegen Teodorin Obiang eingestellt wurden. Und dass die Sache nun in Bern beim Aussendepartement liegt.

Der Genfer Anwalt Shahram Dini, der das afrikanische Land vertritt, versuchte dennoch, die Auktion zu verhindern. Laut ihm ist abgemacht worden, dass die Sammlung als Ganzes versteigert werde und vor allem: dass sie die Öffentlichkeit nicht zu Gesicht bekomme. «Die Staatsanwaltschaft hat ihr Wort nicht gehalten.» Und so bekam das Publikum vergangenen Sonntag eine der exklusivsten Autosammlungen zu sehen. Und einen Einblick in eine Welt, die ansonsten auf Diskretion bedacht ist.

Genf, die Stadt der Privatbanken, internationalen Organisationen, Drehscheibe des weltweiten Handels, ist schon lange eine beliebte Adresse der Mächtigen und Reichen dieser Welt. Für Monsieur les affaires und Madame le shopping. Alle profitieren: die Hotels, die Geschäfte, die Commune. Entsprechend diffizil ist der Umgang mit der potenten, aber schwierigen Kundschaft.

Doch manchmal muss das Stillschweigeabkommen gebrochen werden. Zum Beispiel im Fall von Hannibal ­Ghadhafi, der in Genf einst verhaftet wurde, weil er eine Angestellte misshandelt hatte. Oder im Fall von Kameruns Präsident Paul Biya, dessen Bodyguards wegen einer Attacke auf einen Schweizer TV-Mitarbeiter verurteilt wurden.

Teodorin Obiang abgetaucht

Für François Pilet, Betreiber des Blogs Gotham City, ist die Affäre um Teodorin Obiang exemplarisch. «Solche Leute können sich hier aufführen, wie es ihnen gerade passt, und werden trotzdem kaum bestraft. Weil die Justiz zu schwach ist.» Nicht alle Kritiker gehen so hart mit den Genfer Behörden ins Gericht. Public Eye, eine Nichtregierungsorganisation, die schon Prozesse gegen Despoten angestossen hat, gibt sich pragmatisch. Im Gegensatz zu anderen Kantonen ­würden sich die Genfer wenigstens getrauen, solch heisse Eisen anzufassen, sagt die NGO.

Derweil ist Teodorin Obiang abgetaucht. Auf seinen Social-Media-Kanälen, wo er sein luxuriöses Leben präsentiert, ist es still. Die letzten Bilder zeigen ihn vor der Küste Italiens – an Bord der Ebony Shine.

Am letzten Sonntag schlug das Computerprogramm «Dictator Alert» von François Pilet wieder Alarm. Just am Tag der Versteigerung war in Genf eine Regierungsmaschine aus Äquatorialguinea gelandet, am Mittwoch eine zweite. Gleichzeitig behaupten gut unterrichtete Quellen, dass wohl nur eine oder zwei anonyme Personen alle 25 Autos gekauft haben.

Erstellt: 03.10.2019, 22:16 Uhr

Teodoro Obiang, der Vater von Teodorin, regiert seit dem Putsch 1979 ­Äquatorialguinea mit eiserner Hand. Längst kann zwischen der weitverzweigten Familie und dem Staat nicht mehr unterschieden werden. 1991 wurden vor der Küste grosse Erdölvorkommen entdeckt. Heute ist Äquatorialguinea mit seinen 1,3 Millionen Einwohnern der drittgrösste Exporteur südlich der Sahara. Während in der Hauptstadt Malabo die Elite im Luxus lebt, sind drei Viertel der Bevölkerung in der ehemaligen spanischen Kolonie arm. Gegen die Familie Obiang wurde in Spanien, den USA, Frankreich und in Genf Verfahren wegen Geldwäsche eröffnet. Eine Verurteilung gab es aber nur in Paris in erster Instanz. Teodorin, der als Nachfolger seines Vaters gilt, wurde von der französischen Justiz zu drei Jahren Gefängnis und der Zahlung von 30 Millionen Euro ­verurteilt, auf Bewährung. Ein Rekurs ist hängig. (cix)

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