Ein Romand könnte Bischof von Chur werden

Gut möglich, dass ein Huonder-Treuer neuer Bischof von Chur wird: Etwa der Westschweizer Weihbischof Alain de Raemy oder gar der ungeliebte Generalvikar Martin Grichting.

Vitus Huonder ist seit 2007 Bischof von Chur. Foto: Landbote, Heinz Diener

Vitus Huonder ist seit 2007 Bischof von Chur. Foto: Landbote, Heinz Diener

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Was für eine Fügung: Der ­Ostersonntag fällt auf Bischof ­Vitus Huonders 77. Geburtstag am 21. April. Auf diesen Tag hin hatte Papst Franziskus schon vor zwei Jahren dessen Rücktritt angenommen. Die Meinungen gehen auseinander, ob die Bischofswahl noch vor Ostern oder spätestens vor den Sommerferien stattfinden wird. Jedenfalls führt Nuntius Thomas Gul­lick­son in Bern zur Zeit Konsultationen beim Klerus des Churer Bistums durch.

Am Wahltag selber kürt dann das Churer Domkapitel den Bischof aus einer von Rom vorgelegten Dreierliste. Ein 1948 verbrieftes Sonderrecht gewährt den 24 Domherren die Bischofswahl. Theoretisch zumindest. Faktisch ist es in den letzten 70 Jahren nie zu einer freien Wahl gekommen. Als Rom 1988 Wolfgang Haas als Weihbischof mit Nachfolgerecht einsetzte, hat es das Domkapitel gänzlich übergangen. Auch die Wahl Huonders von 2007 halten viele für eine «Farce»: Rom habe dem Dom­kapitel auf der Dreierliste einen Blinden, einen Lahmen und den Wunschkandidaten Huonder präsentiert.

Unverblümte Provokationen

Selbst der so konservative Nuntius Gullickson sagte im März 2017, unmittelbar vor dem erwarteten Rücktritt Huonders zu seinem 75. Geburtstag, die letzten Bischofswahlen seien mangelhaft gewesen. Er versicherte, für die Normalität der Churer Bischofswahl zu sorgen: Auf der römischen Liste würden nur Namen von Priestern stehen, die man kenne.

Kaum gesagt, kam aus Rom der völlig unerwartete Bescheid, dass Papst Franziskus Huonders Mandat um zwei Jahre verlängert habe. Spekulationen über das Warum schossen ins Kraut. Am plausibelsten tönt die Antwort, wonach Bischof Huonder über seinen direkten Draht nach Rom die Verlängerung der Amtszeit erwirkte, um seinen Favoriten Generalvikar Martin Grichting als Nachfolger salonfähig zu ­machen.

Der Zürcher mit den unverblümten Provokationen zeigte sich in der Folge zurückhaltender als zuvor: etwa in Kommentaren zum Islam oder zur Meinungsfreiheit in der NZZ, bisweilen auch in dieser Zeitung, oder an einer gediegenen Buchvernissage im bischöflichen Schloss mit bürgerlicher Prominenz wie CVP-Präsident Gerhard Pfister und FDP-Chefin Petra Gössi.

Couchepin intervenierte

Viele Beobachter halten es für ausgeschlossen, dass der ungeliebte Grichting Bischof werden oder nur schon auf die Liste gelangen könnte. Im Frühjahr 2008, als Huonder versuchte, Grichting zu seinem Weihbischof zu machen, intervenierte sogar der damalige Bundespräsident Pascal Couchepin.

Andere argumentieren, dass sich Vitus Huonder abermals an den offiziellen Kanälen vorbei direkt in Rom für Grichting einsetzten könnte. Jedenfalls tun laut dem Urschweizer Generalvikar Martin Kopp gewisse Leute alles, um in Rom bis hinauf zum Papst das schweizerische staatskirchenrechtliche System mit den demokratisch verfassten Kantonalkirchen schlechtzumachen und den Eindruck zu erwecken, man brauche einen Bischof, der die eigensinnige Schweizer Kirche wieder auf Rom-Kurs trimme.

Gerade erst hat Huonder in Rom angefragt, ob die Schweizer Staatskirchenstruktur noch tragbar sei: Das Bistum war vor Bundesgericht mit der Klage gegen den Entscheid der Bündner Landeskirche abgeblitzt, einen Verein zu unterstützen, der Beratungen zu Abtreibungen anbietet.

Und ebenfalls kürzlich hat Huonder seine Hausmacht im Domkapitel durch die Ernennung des konservativen Bündner Wallfahrtspriesters Paul Schlienger ausgebaut.

Laut dem Zürcher Domherr Franz Stampfli sind die 24 Domherren heute mehrheitlich Huonder-treu. Jedenfalls hat die Bistumsspitze ihr Elektorat so gefestigt, dass sie, wenn nicht Grichting, einen anderen linientreuen Priester durchbringen würde: Etwa Dompfarrer Gion-Luzi Bühler oder Roland Graf, bekannt als Lebensschutzaktivist und Sekretär des Huonder-treuen Churer Priesterkreises.

Freundlich, aber farblos

Am häufigsten aber wird Alain de Raemy genannt, der Weih­bischof des Bistums Lausanne-Genf-Freiburg. Der freundliche, aber farblose Kirchenmann erinnert an den früheren Freiburger Bischof Amédée Grab, der 1998 überraschend Nachfolger von Wolfgang Haas wurde und vorübergehend etwas Ruhe ins aufgewühlte Bistum brachte. De Raemy gilt als linientreuer Apparatschik, der als Bischof Grichting zu seinem Generalvikar machen dürfte.

Als mögliche Bischofskandidaten auf liberaler Seite werden der Einsiedler Abt Urban Federer genannt oder der Horgner Pfarrer Adrian Lüchinger. 70 bis 80 Geistliche gehören zum «Forum Churer Priester», das Papst Franziskus brieflich gebeten hat, sich für einen Churer Bischof im Dienste der Versöhnung einzusetzen. Forum-Mitglied Andreas Rellstab, Zürcher Pfarrer und Domherr, bedauert, dass das Domkapitel keinen Einfluss auf die römische Dreierliste hat.

Fortschrittliche Geistliche wie Martin Kopp halten es noch immer für möglich, dass Rom zuerst einen Administrator ein­setzen wird, der im Bistum Ordnung machen könnte. Dabei hofft Generalvikar Kopp auf ein Machtwort von Papst Franziskus persönlich.

Erstellt: 19.03.2019, 18:29 Uhr

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