Ein säkularer Staat – christlich geprägt

Die Debatte über christliche Werte ist trügerisch. Entscheidend sind die Werte des Rechtsstaates.

Gipfelkreuze haben als christliche Symbole auch im säkularen Staat einen Platz. Foto: Thomas Lohnes (Getty)

Gipfelkreuze haben als christliche Symbole auch im säkularen Staat einen Platz. Foto: Thomas Lohnes (Getty)

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CVP-Präsident Gerhard Pfister fände es richtig, dass wir uns angesichts des Islamismus auf die christlichen Werte besinnen würden. Die Schweiz sei, wie er im «Blick» behauptet, ein christliches Land. Doch das ist falsch. Seit 1874 ist die Schweiz kein christlicher Staat mehr. Mit der damaligen Totalrevision der Bundesverfassung ist sie ein säkularer Staat geworden. Dass die Eidgenossenschaft damals den Juden das Recht der freien Religionsausübung gewährte, ist für den Historiker Josef Lang der Schlüssel zum säkularen Bundesstaat: Dieser löste den «christlichen Staat» ab, indem er die nationale von der religiösen Zugehörigkeit trennte. Ein Triumph des Liberalismus.

Auch Gleichheit, Solidarität und vor allem Freiheit sind, anders als Pfister reklamiert, nicht in erster Linie «christliche Werte, die dieses Land ausmachen». Es sind Werte der Aufklärung. Freiheit war der Leitwert des mit ihr verbündeten Liberalismus. Freiheits- und Menschenrechte gehen sicher auch auf das Christentum zurück, wurden im 19. Jahrhundert aber gegen den Widerstand der Katholiken und der Protestanten durchgesetzt. Beide Kirchen sahen im Freiheitsstreben des Individuums ein sündhaftes Verlangen nach Autonomie, eine Rebellion gegen Gott. Weder damals noch heute ist man sich aber bewusst, dass Jesu Kernbotschaft die Liebe ist, die radikale Liebe bis hin zu Feindesliebe und Hinwendung zu den Ärmsten. Diese genuin christlichen Werte sind im christlichen Staat gerade nicht staatstragend geworden.

Für die Kirchen war individuelle Freiheit Rebellion gegen Gott.

Im Gegenteil, die religiöse Gewalt der Konfessionskriege hat den Glaubensstaat obsolet gemacht und als Frieden stiftende Alternative die Säkularisierung provoziert. Heute ist in unseren Breiten der religionsneutrale und entkonfessionalisierte Staat die Regel und mit ihm die vom Staat befreite Religion. Die Trennung von Kirche und Staat garantiert die Religionsfreiheit: Jeder Bürger kann frei von staatlichem Zwang und kirchlicher Bevormundung seine religiöse Wahrheit wählen.

Gott sei Dank betonen Philosophen wie Jürgen Habermas, dass die Säkularisierung des Staates nicht die Säkularisierung der Bürgergesellschaft bedeutet. Er spricht von der «postsäkularen Gesellschaft», welche die legitime Rolle der Religionen im öffentlichen Raum anerkennt. Zum Vorbild wird Amerika mit seinem religiösen Pluralismus und der Achtung religiöser Minderheiten. Deshalb ist es so unsympathisch wie intolerant, wenn heutige Säkularisten die christliche Prägung der Schweiz leugnen und ­religiöse Symbole aus dem öffentlichen Raum verbannen wollen – mit Rücksicht auf die Muslime.

Mit christlichen Symbolen leben lernen

Hiesige Muslime müssen mit christlichen Symbolen leben lernen, man darf sie aber nicht auf sie verpflichten. Verpflichtet sind sie einzig dem säkularen Rechtsstaat. Mit Recht fordert SP-Präsident Christian Levrat in der NZZ, mit den Muslimen das Gespräch auf der Ebene der universellen Menschenrechte und nicht auf der Ebene religiöser Werte zu führen. Er wirft Pfister christlichen Totalitarismus vor, weil dieser – wie die Islamisten notabene – die Religion vor die säkularen Regeln unserer Gesellschaft und Verfassung setze. Recht und Rechtsstaat rangieren vor den religiösen Werten, die im säkularen Staat als vielfältige Wertesysteme nebeneinander existieren.

Keine Frage, das Christentum ist weit kompatibler mit dem säkularen Staat als der Islam. Islamische Staaten sind religiöse Staaten und in der Regel nicht säkular. Wenn überhaupt, praktizieren sie eine sehr eingeschränkte Religionsfreiheit. Auch die Türkei, die drauf und dran ist, zu einer islamischen Republik zu werden. Nicht erstaunlich, dass auch viele Muslime in der europäischen Diaspora Mühe haben mit dem säkularen Konzept. 65 Prozent von ihnen sollen gemäss breit angelegten Erhebungen des Religionssoziologen Ruud Koopmans die Regeln des Korans über staatliche Gesetze stellen. Darum: Im Dialog mit den Muslimen ist nicht das christliche Wertesystem der Referenzpunkt, sondern der säkulare Staat.

Erstellt: 26.10.2016, 23:07 Uhr

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