Ein Zivi lehrt die Armee das Rechnen

Tausende Zivildienstangehörige erhalten jedes Jahr für sie «nutzlose» Kampfstiefel. Ein 19-Jähriger warf dem VBS Geldverschwendung vor – mit Erfolg.

Kampfstiefel 90: Sie werden jedes Jahr zu Tausenden abgegeben – auch an Zivildienstleistende, die sie nach der Umteilung nicht brauchen können.

Kampfstiefel 90: Sie werden jedes Jahr zu Tausenden abgegeben – auch an Zivildienstleistende, die sie nach der Umteilung nicht brauchen können. Bild: Gaetan Bally/Keystone

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«Mein Name ist Serafin Reiber, ich bin 19 Jahre alt.» So fängt der Brief vom 7. September an den «geschätzten Herr Bundesrat Parmelin» und «geschätzten Armeechef Rebord» an. Er schreibe ihnen, weil er sie auf eine beachtliche Vergeudung von Ressourcen und Geld in der Logistik der Schweizer Armee aufmerksam machen wolle. Der junge Churer leistet derzeit Zivildienst auf einem Bauernhof im Berner Jura und zeigt sich irritiert darüber, dass er trotzdem mit teurem und unnützem Armeematerial ausgestattet werde.

«Am zweiten Tag der Rekrutierung in Mels bekam ich ein Paar Kampfstiefel. Das verwunderte mich, legte ich doch von Anfang an offen, Zivildienst leisten zu wollen.» Als er die Rekrutierungsoffizierin beim Abschlussgespräch fragte, wo er die Stiefel denn zurückgeben könne, habe er eine erstaunliche Antwort erhalten: Die Rückgabe der Stiefel verursache einen zu grossen administrativen Aufwand. Sein Vorschlag, die Stiefel per Post nach Hinwil ins Logistikzentrum zu schicken, sei belächelt worden. «Ich solle die Stiefel behalten.»

Reiber ist kein Einzelfall. 2015 entschieden sich 5836 Personen für den Zivildienst, letztes Jahr waren es bereits 6169. Bevor aber jemand aus Gewissensgründen den länger dauernden Zivildienst leisten kann, muss er die dreitägige Aushebung absolvieren. Erst nachdem er als militärdiensttauglich befunden worden ist, kann er ein entsprechendes Gesuch um Zulassung zum Zivildienst stellen.

Kampfstiefel 90 – fürs Altersheim eher ungeeignet

Das Problem: Meist wird die Diensttauglichkeit am zweiten Rekrutierungstag festgestellt, mit der Folge, dass dann bereits die Kampfstiefel 90 ausgehändigt werden. Und dies, obwohl die künftigen Zivis davon kaum jemals Gebrauch machen werden: «Mit Erstaunen nahm ich die augenfällig hochwertigen Kampfstiefel 90 nach Hause, unsicher darüber, welchen Nutzen sie beim Zivildienst in Altersheimen oder Krankenhäusern haben sollten», heisst es im Brief weiter. Die Idee hinter der allgemeinen Abgabe des Schuhwerks ist, dass sich die künftigen Rekruten an die Stiefel gewöhnen, bevor sie in der RS lange Märsche damit unternehmen.

Der mittlerweile 20-jährige Reiber hat diese «Verschwendung» hochgerechnet. Ein Paar Kampfstiefel kostet je nach Grösse zwischen 90 bis 110 Franken. Gesetzt den Fall, dass es allen Zivildienstleistenden gleich erging und sie den Kampfstiefel 90 geschenkt bekamen, koste allein dieses «Geschenk» das VBS jährlich 641'960 Franken. «Mit dieser Summe liessen sich immerhin zweieinhalb Geländewagen des Typs Duro reparieren», schreibt Reiber. Wobei streng genommen dieser Beitrag tiefer ausfallen müsste, weil nur knapp die Hälfte aller Zivis sich vor der RS gegen Militärdienst entscheiden.

Auch Maskenbrille und Schutzmaske 90 erhalten

Doch damit nicht genug. Anfang September erhielt Reiber wieder ein «Geschenk». Diesmal war es ein Paket von den Rüstungsbetrieben des Bundes, der Ruag. Inhalt: eine Maskenbrille, inklusive «Clip zur Schutzbrille leicht 14». Eine Woche später kam nochmals Post von der Ruag. Inhalt: Die «Schutzmaske 90». Der Anschaffungspreis der beiden Ausrüstungsgegenstände beträgt immerhin über 500 Franken (Schutzbrille 50 Franken, Sehkorrektur 298 Franken, Schutzmaske 195 Franken).

Im Februar berichtete die «Aargauer Zeitung», dass auf grossen Anzeigeportalen fabrikneue Armeestiefel schon ab 60 Franken angeboten würden. Das Blatt vermutete, dass es sich dabei um Schuhe von später in den Zivildienst umgeteilten Männern handeln würde. Die Möglichkeit, die Schuhe per Post ans VBS zurückzusenden respektive zu einer der 24 Retablierungsstellen der Schweizer Armee zurückzubringen, ist also offenbar nicht allen bekannt – oder es wird darauf verzichtet.

Das VBS kommentierte den AZ-Bericht etwas kryptisch: Jemand, «bei dem schon bei der Rekrutierung klar ist, dass er Zivildienst leistet, wird nicht ausgerüstet». Dies, obwohl ein Gesuch zur Zulassung zum Zivildienst eigentlich erst dann eingereicht werden kann, nachdem jemand an der Rekrutierung für militärdiensttauglich befunden wurde. Auf Anfrage des TA erklärt nun das VBS, dass «inzwischen» die Armeeführung entschieden habe, die bisherige Praxis zu ändern: «Ab Ende 2018 werden an der Rekrutierung keine Kampfstiefel mehr abgegeben. Für die Übergangszeit im Jahr 2018 abgegebene Kampfstiefel 90 werden bei einem Übertritt in den Zivildienst eingezogen.»

Dies hat das VBS auch am 18. September Serafin Reiber per E-Mail mitgeteilt: «Wir unterstützen Ihre Anliegen.» Generell werde man die Abgabe und den Rückzug von persönlichem Material restriktiver handhaben, um Steuergelder einzusparen. Der Hinweis betreffend des Versands der Sehhilfen und der Maske werde zudem der Ruag weitergeleitet.

Wie das VBS weiterschreibt, habe die Armeeführung den Entscheid «diesen Sommer» gefällt. Da der Sommer offiziell am 22. September zu Ende geht, ist es deshalb durchaus denkbar, dass Serafin Reiber mit seinem Brief der Armee auf die Sprünge half.

Erstellt: 19.09.2017, 15:11 Uhr

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